Marie Golien hat mit ihrem Debütroman „Cainstorm Island – der Gejagte“ eine spannende Kritik an der Übermacht der Medien geschrieben – aber ohne mahnenden Zeigefinger, wie sie im Interview erzählt.
Von Marti Mlodzian

Du hast eine für Autoren eher ungewöhnliche Laufbahn. Du hast Design studiert. Denkst du im Nachhinein, dass der Studiengang der Richtige war und wie kamst du dann dazu, Autorin zu werden?

Design war auf jeden Fall der richtige Studiengang. Es hat mir auch total viel fürs Schreiben gebracht, weil ich denke, dass ich mir dadurch auch Bildkonzepte ausdenken kann. Es sind ja ganz verschiedene Dinge, die dann da ineinander kommen. Das Studium hat mir geholfen, diese Welten auszudenken, die stimmig sind. Jetzt zum Schreiben: Ich habe vorher eher wenig geschrieben und dann hat es mich irgendwie gepackt. Ich hatte eine Idee und ich wollte die unbedingt zu Papier bringen. Ich hatte so einen inneren Drang, das unbedingt machen zu müssen und es hat mir ser viel Spaß gemacht.

Du hast eben diesen Designstudiengang mit dem Schwerpunkt auf interaktive Medien studiert. Danach hast du auch Spieleapps entwickelt. Im Buch geht es auch um das Thema Medien und Beeinflussung durch Medien. Inwieweit hat dich das Studium da beeinflusst?

Ich habe es, ehrlich gesagt, gar nicht so gemerkt, dass es mich beeinflusst hat. Hinterher in Online-Kommentaren habe ich aber gelesen, dass sich viele an Jump-and-Run-Spiele erinnert gefühlt haben oder finden, dass die Szenen so sind, wie in einem Spiel. Mir war aber eigentlich gar nicht bewusst, wie sehr mein Studium mich im Buch beeinflusst hat.

Was ich mir ausgedacht habe, ist für mich wie unsere reale Welt, nur zugespitzt.

Marie Golien über ihren Debütroman „Cainstorm Island – der Gejagte“.

Nochmal zurück zum Thema Interaktive Medien: Zum Buch gibt es online eine 360°-Welt. Ist das nur fürs Marketing oder war das ein gewisses Herzensprojekt von dir?

Nein, das war nicht mein Wunsch. Ich dachte, das Buch wird einfach nur veröffentlicht. Dass der Verlag da so viel Marketing gemacht hat, hat mich dann natürlich total gefreut. Ich finde es toll, dass sie diese Welt gebaut haben.

Eyevision aus deinem Buch hatte, finde ich, ein paar Parallelen zu YouTube. War das deine Absicht? Was wolltest du dann damit auch erreichen?

Ja, es ist von YouTube inspiriert. Was ich mir ausgedacht habe, ist für mich wie unsere reale Welt, nur zugespitzt. Natürlich gibt es so etwas wie Eyevision nicht und natürlich kann man sich auch keinen Chip in den Kopf implantieren lassen. Aber: Wer weiß? Vielleicht ist es eines Tages so.

Und was wolltest du damit erreichen?

Das Buch erhebt keinen moralischen Zeigefinger. Ich will nicht, das man es liest und denkt, man muss jetzt dies oder das machen. Es soll zum Denken anregen. Es soll so ein bisschen auf die Probleme, die wir in unserer Zeit haben aufmerksam machen. Wenn dann jemand darüber nachdenkt, freut es mich.

Die sozialen Medien, wir haben es grade auch schon angesprochen, wurden in deinem Buch sehr kritisiert. Was war dein Hintergedanke dabei?

Klar. Es ist in meinem Buch alles total überspitzt dargestellt. Wenn man manchmal die Kommentare liest oder wenn sich Shitsorms entwickelt, dann denke ich schon, dass man sich fragt: Muss das jetzt sein? Ist es notwendig, dass jetzt alle auf der einen Person rumhacken?

Ein Thema im Buch ist, dass auf Cainstorm billig Kleidung hergestellt wird. Da müssen wir in der realen Welt überlegen: Kaufen wir selber vielleicht eher Second Hand ein?

Marie Golien thematisiert in der überspitzten Welt Cainstorm Probleme, die wir auch in der realen Welt haben.

Ein Thema im Buch ist auch die Spaltung zwischen arm und reich: Diese Spaltung gibt es auch in der realen Welt. Was könnte sich hier verbessern?

Ich will mich da politisch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Also, wie gesagt, das Buch wirft Fragen auf. Jeder Leser muss dann für sich selbst beantworten, ob er im kleinen etwas ändert. Es ist ja auch das Thema im Buch, das auf Cainstorm billig Kleidung hergestellt wird. Da müssen wir in der realen Welt überlegen: Kaufen wir selber vielleicht eher Second Hand ein? Solche Dinge.

Um da etwas zu verbessern, muss jeder selbst etwas tun. Machst du da auch etwas?

Ja, weil ich mich jetzt viel mit dem Thema beschäftigt habe, hat mich das doch angeregt, mehr darüber nachzudenken. Zum Beispiel das Kleid, das ich heute trage, ist Second Hand. Handys bestelle ich gebraucht.

Würdest du dir denn wünschen, dass die Menschen, die das Buch lesen, selbst mehr für eine gerechte Welt tun?

Ich fände es auf jeden Fall schön. Es würde mich freuen, wenn es die Leute dazu anregt. Aber, wie ich schon gesagt habe, soll das Buch keinen moralischen Zeigefinger erheben. Es soll nicht sagen, was man tun muss. Aber es soll anregen, über die Probleme nachzudenken.

Hast du bestimmte Tricks, um Spannung im Buch zu erzeugen?

Man kann kürzere Sätze verwenden, weil es sich dann schneller liest und eine gewisse Spannung aufkommt. Man muss sich in eine Figur hineinversetzen: Was spürt sie, was fühlt sie, wie riecht es da. Was kann die Person wirklich in der Schnelle warnehmen?

In Cainstorm gibt es selbstfahrende Züge, die gar nicht mehr so wirklich anhalten, wo man quasi aufspringen muss. Hat dich etwas bestimmtes dazu gebracht, diese mit ins Buch zu nehmen und denkst du, dass es die auch mal wirklich geben wird?

Ich hatte das irgendwo gehört, in einer Dokumentation gesehen. Ich glaube, es war in Südamerika, wo es tatsächlich solche Züge gab. Ich kann gar nicht sagen, wo das genau war. Ich habe mich aber wirklich aus einem Dokumentarfilm inspirieren lassen.

Würdest du in so eine Bahn einsteigen?

Auf Cainstorm eher ungerne. In der realen Welt würde ich dem schon vertrauen, wenn das getestet wäre.

Emilio, der Protagonist, ist eher ein Actontyp, macht Parkouring. Wie bist du darauf gekommen?

Ich wollte eine spannende Geschichte schreiben, mit viel Action. Dazu hat das natürlich gut gepasst. In der Geschichte musste er dann ja auch den Zuschauern aus Asaria irgendetwas bieten. Das war dann das.

Es soll einen zweiten Band geben. Kannst du schon sagen, was darin passieren soll?

Emilio landet ja schon am Ende des ersten Bandes auf Asaria und wird die Asarianer ein bisschen kennenlernen. Das wird nicht ohne Vorurteile ablaufen und auch nicht ohne Spannung, es wird wieder zu Verfolgungsjagden kommen. Emilio muss sich in dieser fremden Welt irgendwie durchsetzen.

Titelbild: Bodo Witzke