Immer wieder werden wir Jugendlichen gefragt, was wir später werden wollen. Das erzeugt Leistungsdruck und unterstellt, wir wären noch nichts.
Von Omeima Garci

„Und was willst du mal werden?“ Diese Frage wird dir früher oder später gestellt, früher oder später musst du auch eine Antwort finden. Du hast dir vielleicht noch keine konkreten Gedanken gemacht, weil du dachtest, du könntest dich erst einmal auf dein Abitur konzentrieren? Du bist die ganze Zeit davon ausgegangen, dass du nichts „werden musst“, weil du schon etwas bist?

Tja, ich muss dich leider enttäuschen. Mein Name ist Leistungsdruck, und ich suche auch dich früher oder später heim, vielleicht war ich ja auch schon bei dir und du durftest mich kennenlernen. Die meisten mögen mich nicht, ich löse Stress und negative Gedanken aus. Aber ich gehöre nun mal dazu, wie die sauren Gurken auf einem billigen McDonald’s-Patty. Viele sehen mich als Grund dafür, dass fast 17 Prozent der Jugendlichen in Deutschland psychisch auffällig sind. Aber ich sage euch: Ich bin nur ein Produkt der Leistungsgesellschaft, von der auch ihr ein Teil seid.

Die Antwort hat keinen Wahrheitsanspruch

Von der auch ich ein Teil bin. Denn ich bin natürlich nicht der personifizierte Leistungsdruck, ich bin Schülerin und durfte auch schon Bekanntschaft mit dem Herrn machen. Wenn man 17 Jahre alt ist, hört man die Frage „Was willst du später werden?“ mindestens genauso oft wie „Wie geht es dir?“.
Wobei diese zwei Fragen eines gemeinsam haben. Die Antwort hat in beiden Fällen keinen hundertprozentigen Wahrheitsanspruch. Denn wie soll ich die Frage, was ich werden will, beantworten, ohne mir selbst gleichzeitig zu unterstellen, dass ich „nichts“ bin? Die Frage „Was willst du werden?“ impliziert ja, dass man erst noch etwas werden muss.

Kompliziert ausgedrückt für: Die Gesellschaft will, dass du funktionierst, und zwar für die Gesellschaft. Da stellt sich mir die Frage: Warum der ganze Druck, wenn ich sowieso 50 Jahre meines Lebens damit verbringen werde zu arbeiten? Wie sollen wir denn wissen, was wir werden wollen, wenn viel zu viele von uns nicht einmal die Zeit haben, um herauszufinden, was ihnen Spaß macht, weil die Schule den Alltag vorgibt?

Du bist nur in dem gut, was du liebst

Spaß hat grundsätzlich wenig mit dem Wort Druck zu tun. Und genau da liegt das Problem: Schülern wird eingeredet, das Leben sei ein Wettkampf. Wer als Erster seinen Master hat, hat gewonnen. Aber so funktioniert es in der Realität nicht. Uns muss die Chance gegeben werden, herauszufinden, was wir lieben, unsere Talente zu fördern. Denn das ist es, was zählt. Es bringt dir also nichts, Jura oder BWL zu studieren, wenn du daran keinen Spaß hast und wenn das einzig Positive daran eine „sichere Zukunft“ sein soll. Eine sichere Zukunft bringt dir wenig, wenn du nur funktionierst und nicht wirklich lebst, weil du damals nur das gemacht hast, was alle gemacht haben. Du kannst einen Job ohnehin nur dann gut machen, wenn du ihn mit Leidenschaft ausübst.
Es geht somit nicht darum, am schnellsten sein Studium zu absolvieren, sondern herauszufinden, was man liebt.

Und um die Frage, was ich werden will, zu beantworten: Ich bin schon geworden! Ich bin schon Journalistin, weil ich Artikel schreibe und nicht mit verschlossenen Augen durch die Welt laufe. Ich bin schon Schauspielerin, weil ich seit vier Jahren mit Leidenschaft spiele. Ich bin schon Aktivistin, weil mir Ertrinkende im Mittelmeer und der Klimawandel nicht egal sind. Das folgt am Ende meiner Artikel immer, aber das einzig wirklich Wichtige, das niemand von uns werden kann, sondern schon immer ist und auch immer sein wird: Mensch sein.

Beitragsbild: Du wirst den richtigen Weg schon finden! (c) Burst via Unsplash