Über den Videobeweis in der Bundesliga wird immer noch viel gezankt, obwohl die Zahlen seinen Erfolg belegen. Doch im Fußball scheint anderes als Gerechtigkeit zu zählen.
Von Marleen Herberg

Die Zahlen sollen den positiven Einfluss des Videobeweises in der Fußball-Bundesliga belegen: 879 Situationen wurden in der Hinrunde am Bildschirm überprüft, 56 Mal wurde interveniert, dabei 55 Mal die richtige Entscheidung getroffen. So vermeldeten es vor einigen Wochen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Sie sehen sich bestätigt. Doch die Zahlen haben die Diskussionen unter den Fans nicht beendet.

Der Videobeweis kam in der Saison 2017/2018 erstmalig in der Bundesliga zum Einsatz. Die Videoschiedsrichter verfolgen seitdem alle Bundesligaspiele im Video-Assist-Center in Köln. Von dort aus können Sie in vier Fällen in die Fußballspiele eingreifen: Fällt ein Tor, so wird auf Handspiel, Foul, Abseits oder andere Regelwidrigkeiten geprüft. Die Entscheidung für oder gegen einen Strafstoß überprüfen die Videoassistenten ebenso wie die Entscheidung für oder gegen eine Rote Karte. Bei Gelber, Gelb-Roter oder Roter Karte checken sie außerdem, ob die Strafe wirklich den richtigen Spieler getroffen hat oder eine Verwechslung vorliegt.

Kommt es zu einer solchen Überprüfung, zeichnet der Unparteiische einen Bildschirm in die Luft: Fans und Spieler wissen dann Bescheid. Dem Schiedsrichter im Stadion ist es möglich, die umstrittene Szene auf einem Monitor am Spielfeldrand anzusehen. Er ist dabei mit dem Videoassistenten per Funk verbunden.

Um eine genaue Einschätzung zu treffen, dienen dem Videoschiedsrichter in Köln alle Kamera-Perspektiven, die für die Übertragung der Spiele angeboten werden, und zusätzlich die Kameras der Torlinientechnologie. Der Videoschiedsrichter darf jedoch erst eingreifen, wenn eine klare Fehlentscheidung des Unparteiischen auf dem Platz vorliegt, und er berät diesen nur. Die letztendliche Entscheidung liegt beim Schiedsrichter selbst.

Gerechtigkeit vs. Emotionen

Seit der Saison 2018/19 werden Fans sowie Spieler im Stadion über die Überprüfung per Stadionleinwand informiert. Dort sind nach der Überprüfung der Grund der Kontrolle sowie das Ergebnis zu lesen. Immer wieder werden solche Entscheidungen diskutiert. Das ging schon vor Einführung des Verfahrens los, mit einer leidenschaftlichen Debatte, ob der Videobeweis in der Bundesliga eingeführt werden soll oder nicht.

Für den Videobeweis spricht zunächst einmal die Gerechtigkeit. Fehlentscheidungen können bei wichtigen Spielen fatale Folgen haben. Greift jedoch der Videoschiedsrichter ein, können Fehlentscheidungen des Schiedsrichters verbessert werden. Der Videoschiedsrichter sieht schließlich mehr als sein Kollege auf dem Platz. In der Hinrunde der aktuellen Saison sind so laut DFL und DFB 40 Fehlentscheidungen verhindert worden. Der Videobeweis führt also zu mehr Gerechtigkeit.

Gegen den Videobeweis spricht die möglicherweise falsche Auslegung der Regeln. Wann darf der Videoschiedsrichter eingreifen, wann liegt eine klare Fehlentscheidung vor? In der Hinrunde lag der Videoschiedsrichter einmal daneben, zweimal hat er fälschlicherweise nicht eingegriffen.
Hinzu kommt, dass der Spielfluss durch das meist langsame Eingreifen des Videoschiedsrichters gebremst wird. Somit dauert ein Spiel kaum noch die üblichen 90 Minuten und Spieler und Fans werden im Zweifelsfall oft gefühlte Ewigkeiten im Unklaren gelassen.

So sieht anscheinend kaum ein Fan im Stadion den Videobeweis in der Bundesliga als Segen. Denn die Bundesligaspiele sind Emotionen: Jubeln über Tore und Ärgern über eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters – beides gehört zum Fußball dazu. Es geht den Fans nicht um absolute Gerechtigkeit.