Wer nie widerspricht, macht sich mit denen gemein, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will. Und die Welt wird so kein Stück besser.
Von Hannes Beyer

Jeder halbwegs empathisch denkende Mensch kennt das Problem: Jemand wird ungerecht behandelt, ausgegrenzt, wie auch immer man diesen Umstand nennen möchte. Doch was tut man? Oftmals nichts.

Warum? Viele von uns spüren doch, wenn etwas falsch läuft, wenn etwas besser werden könnte. Der innere Protest ist laut in jedem von uns. Wir haben aber Angst, mit am Rand zu stehen, selbst ausgegrenzt zu werden. Wir sind so sozialisiert, dass wir glauben, es sei besser, kein Aufsehen zu erregen und einfach mitzulaufen, die Augen lieber halb zu schließen als ganz genau hinzusehen.

Das ist aber Quatsch, davon wird nichts besser. Und im Übrigen machen wir uns, wenn wir nicht – um des „Friedens“ Willen – widersprechen, mit Menschen gemein, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben wollen. Wir tun trotzdem nichts.

Keine Angst, der Erste zu sein

Was dabei oft vergessen wird, ist der Umstand, dass erstens jeder Einzelne von uns seinen Teil zu einer möglichst zivilisierten Gesellschaft beizutragen hat, und zweitens keine Veränderung ohne einen Anfang stattfindet (Letzteres ist ein Umstand, der nicht nur für Mobbing gilt). Wir müssen endlich aufhören, Angst davor zu haben, Dinge als Erste auszusprechen.

Sicher, vielleicht liefern wir keinen perfekten Auftritt oder einen vollkommen klaren Ansatz, vielleicht machen wir uns bei einigen etwas unbeliebt. Aber wir haben unseren Teil geleistet. Das tut gut in Hinblick auf unser Karmakonto. Und: Wenn jeder von uns behaupten kann, die Welt ein Stück besser gemacht zu haben, dann hebt sich der Maßstab. Wir können unserer persönlichen Utopie nur näherkommen, wenn wir bei uns selbst beginnen.

Titelbild: Miguel Bruna / Unsplash