Almuth Schult vom VfL Wolfsburg ist Nationaltorhüterin und hat fast alle möglichen Titel gewonnen. Mit Manuel Neuer kann – und will – sie sich trotzdem nicht vergleichen.
Von Moritz von Blittersdorff

Mit fünf Jahren hat sie angefangen Fußball zu spielen und einfach nicht mehr aufgehört. Heute mit 27 Jahren steht Almuth Schult beim VfL Wolfsburg im Tor und hat mit ihrem Verein und der Nationalmannschaft schon fast alle Titel gewonnen, die es gibt. Für den Frauenfußball insgesamt sieht sie noch Potential nach oben.

Sie sind Europameisterin, Olympiasiegerin, Champions-League-Siegerin – aber nicht ansatzweise so bekannt wie Manuel Neuer. Wie finden Sie das?

Es ist nun mal so: Der Männerfußball ist populärer. Aber wenn ich so bekannt wäre wie Manuel Neuer, würde ich vermutlich auf der Straße viel häufiger angesprochen werden und hätte weniger Privatleben. Die Presse würde versuchen, möglichst viel über mich herauszufinden. Ich bin ich sehr glücklich, dass das nicht so ist.

In Sportarten wie dem Tennis besteht nur ein kleiner Unterschied zwischen Männern und Frauen. Warum ist das beim Fußball anders?

Die Geschichte ist eine andere. Der Frauenfußball war lange Zeit verboten – nicht nur, weil es angeblich unästhetisch sei, sondern weil man sogar meinte, dass Frauen dadurch Schaden nehmen. Genauso war es auch verboten, auf Trikots zu werben, weil es unschicklich sei, auf der Brust der Frauen Werbung anzubringen. Mit diesen Vorurteilen musste man erst aufräumen und aufgrund der Geschichte gibt es sie zum Teil immer noch. Außerdem spielen nicht so viele Frauen Fußball, weshalb die Qualitätsdichte oben in der Bundesliga oder in der Nationalmannschaft eine andere ist als bei den Männern.

Ich habe dieses Ziel immer vor Augen gehabt und gehofft, es in die nächste Auswahl zu schaffen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, sie haben mich zu jedem Training gefahren.

Almuth Schult, Torhüterin beim VfL Wolfsburg

Wie sind Sie zum Fußball gekommen?

Ich habe mit fünf Jahren angefangen, weil es mir Spaß gemacht hat. Ich habe auch viele andere Sportarten ausprobiert, war zum Beispiel auch sehr erfolgreiche Luftpistolenschützin, bin relativ gut Inliner gefahren und habe überall mal reingeschnuppert, auch beim Tennis. Aber den Fußball, den gab es immer, das war das Prägendste bei mir. Vielleicht auch, weil die meisten aus meiner Grundschule und auch meine Geschwister Fußball gespielt haben.

Haben Freunde und Familie Sie unterstützt, als Sie gesagt haben, dass Sie Profi-Fußballerin werden wollen?

Ich habe das nie so offen ausgesprochen, sondern dieses Ziel immer vor Augen gehabt und gehofft, es in die nächste Auswahl zu schaffen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, sie haben mich zu jedem Training gefahren, und wenn sie mal nicht konnten, haben mich meine Großeltern gefahren. Letztendlich war es dann mit 16 Jahren meine Entscheidung, von zu Hause auszuziehen und nach Hamburg zu gehen.

Was war in Ihrer Karriere der prägendste Moment?

Als größten Erfolg empfinde ich den Olympiasieg. Das war etwas ganz Besonderes, mein erstes Turnier, das ich in der Nationalmannschaft gespielt und nicht nur auf der Bank verfolgt habe. Und Olympia ist etwas sehr Großes – im Gegensatz zu den Männern spielt dort bei den Frauen die A-Nationalmannschaft und nicht die U23 oder U21. Man sieht unglaublich viele Sportler, es ist ein Riesen-Event, das größte Sportevent der Welt. Und es ist auch das geschichtsträchtigste Event der Welt, man kann die Olympischen Spiele Tausende Jahre zurückverfolgen. Wenn man dann selber daran teilgenommen hat und sich selber als Goldmedaillengewinner bezeichnen kann, das ist schon das Größte.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Das kann ich nicht beantworten. Dann bin ich schon 37 Jahre alt. Es gibt Fußballerinnen, die dann noch spielen. Aber man muss hoffen, verletzungsfrei zu bleiben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um Verträge zu bekommen und glücklich zu sein. Vielleicht habe ich bis dahin auch schon ein Kind. Auf jeden Fall will ich so lange wie möglich auf einem hohen Niveau mitspielen.

Es müssen Leute sehen wollen, es muss im Fernsehen übertragen werden, denn dann ist das Geld da.

Almuth Schult, Nationaltorhüterin

Mit Kepa Arrizabalaga ist gerade der teuerste Torhüter aller Zeiten für 80 Millionen Euro von Bilbao zu Chelsea gewechselt. Glauben Sie, dass sich der Frauenfußball auch so entwickeln kann?

Ich weiß nicht, ob wir jemals dieses Level erreichen werden, aber wir merken auch, dass es vorangeht, gerade in England. Die Frauen dürfen dort mit auf den neuen Anlagen der Herren trainieren, dürfen alle Sachen von den Männern benutzen, und wenn es so weitergeht, kann noch was kommen. Die Grundlage dafür, dass es finanziell nach oben geht: Es müssen Leute sehen wollen, es muss im Fernsehen übertragen werden, denn dann ist das Geld da. Ich glaube aber, es ist sehr utopisch, dass jemand für 80 Millionen den Verein verlässt. Ich habe noch nie von einem Transfer über 30.000 Euro gehört.

Ich meine, der Rekord liegt bei 75.000 Euro für Dzsenifer Maroszans Wechsel von Frankfurt zu Lyon.

Das kann sein. Es wird im Frauenfußball aber auch nicht über Gehälter und Ablösesummen gesprochen. Es weiß niemand richtig, was eine Frau im Frauenfußball verdient. Es ist in allen Verträgen verankert, dass wir nicht darüber sprechen dürfen. Ich habe schon zu hören bekommen: „Ja, cool, du bist jetzt ja deutsche Nationaltorhüterin, da können deine Eltern jetzt ja auch was abhaben.“ Nein! Ich verdiene nicht 10 Millionen Euro im Jahr wie meine Kollegen. Es ist eine große Spannbreite, man kann nichts pauschalisieren. Ich hoffe, dass der DFB mal die Gehaltssituation ein bisschen offenlegt.

Was wünschen Sie sich noch für die Zukunft?

Ich hoffe wirklich, dass wir mehr Leute in die Stadien bekommen. Wenn die Stadien voll sind, kann man bessere Bedingungen schaffen, sich besser vermarkten, Sponsoren und Werbung akquirieren und mehr TV-Zeiten bekommen. Deutschland hängt da gerade ein bisschen hinterher. Wir haben mit der Nationalmannschaft schon vor 45.000 Zuschauern in der Allianz-Arena gespielt, doch bei normalen Länderspielen haben wir vielleicht 4000 bis 7000 Zuschauer.

Worauf freuen Sie sich in der neuen Saison?

Erst mal auf den Anfang der Saison. Man quält sich gerade in der Vorbereitung, um eine gute Saison zu spielen, jede Woche ist ein Wettkampf. Ich freue mich, dass der VfL Wolfsburg hoffentlich gut dastehen wird und wir ein Endspiel haben werden und vielleicht einen Titel gewinnen können. Der große Traum ist, noch mal in der Champions League zu triumphieren. Dieses Jahr wäre es was ganz Besonderes, denn dieses Jahr ist es das erste Mal, dass wir ein eigenes Finale bekommen, unabhängig von den Männern. (Das Finale der Frauen findet am 18. Mai 2019 in Budapest statt. Die Herren spielen am 1. Juni in Madrid. Anm. d. Red.)

Titelbild: picture alliance / augenklick / firo Sportphoto