Meinung

Warum ist hier keiner schwul? Ein Blick auf die Bundesliga

Junger Mann geht zu Sportwagen

Es gab bis zum Jahr 2018 noch keinen einzigen offen schwulen, aktiven Fußballer in der Bundesliga. Das muss sich ändern. Jetzt.

Im April 2014 hat Marcus Wiebusch ein Lied herausgebracht, dass mir auch vier Jahre später noch Gänsehaut verschafft und Tränen in die Augen schießen lässt. „Der Tag wird kommen“ erzählt die Geschichte, eines jungen Mannes, der erfolgreich Fußball spielt und sich nur vor seiner A-Jugend-Mannschaft geoutet hat, dem in der Profi-Klasse eine Freundin besorgt wird, dessen Verein den Rummel um einen schwulen Fußballspieler nicht haben will. Diese Geschichte, die mit Sicherheit nicht für dieses Lied ausgedacht wurde, rührt mich deshalb so sehr, weil sich verdammt noch einmal in vier Jahren nichts geändert hat. Nichts.

Kein Fußballspieler der Bundesliga ist schwul – zumindest für die Öffentlichkeit. Wie kann das sein, liebe Funktionäre, Trainer, Manager, Spieler? Wie? Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitut „Dalia Research“ aus dem Jahr 2016 bezeichnen sich 3, 6 Prozent der Männer in Deutschland als schwul. Damit müsste, rein statistisch gesehen, zwar nicht in jeder A-Mannschaft ein homosexueller Spieler sein, aber in jeder zweiten. Doch aktuell ist da niemand. Liegt es daran, dass Schwule keinen Fußball spielen können? Pff ich glaube nicht.

Das einzige Grund dafür, dass es keine Schwulen im Profi-Fußball gibt, könnte sein, dass Fußball homophob ist und sich schwule gute Fußballspielern entscheiden: Entweder verdonnern sie sich selbst zu ewigem Schweigen oder sie geben ihre Karriere fürs private Glück auf. Das Zweite ist verständlich, alles andere in diesem Absatz furchtbar.

Es hat sich schon so viel geändert, bei dem beliebtesten Sport der Deutschen. In aller Regel werden keine schwarzen Spieler mehr mit Bananen beschmissen und mit Affenlauten bedacht. Es gibt eine Broschüre des DFB, die beim Coming-Out helfen soll. Der Verband gibt sich bunt und offen.

2014 ist auch das Jahr, in dem sich Thomas Hitzelsberger in einem Interview mit „Die Zeit“ outete, um damit eine Diskussion anzustoßen. Er tat das, nachdem er ein Jahr zuvor seine Karriere beendet hatte. Zwei Jahre vorher hatte der fluter einen „Mann, den es eigentlich nicht gibt“ im Interview – einen schwulen Fußballer –, der erklärt, warum er sich nicht outen will. Einer der Gründe dafür: Die Medien würden sich um seine intimen Geschichten reißen und das will er nicht.

Es sind Menschen, keine Fußball-Maschinen

Wenn man sich in den letzten Wochen die Debatte um Mesut Özil angeschaut hat, dann merkt man: Eine Mannschaft gibt es, wenn man Glück hat, auf dem Feld. Danach ist es aus mit der Kameradschaft, mit dem Kumpeltum und der ach so tollen Freundschaft. Ist es das, wovor Homosexuelle im Fußball Angst haben? Haben sie Angst alleine zu sein mit den Schlagzeilen?

Man bekommt das Gefühl, wenn „Die Bild“ etwas nicht gut findet, dann kippt die eine Hälfte der Offiziellen um und die andere Hälfte setzt noch einen nach. Denn die Meinung der Fans, die von dem Boulevard-Medium des Landes repräsentiert zu werden scheint, ist wichtiger als das, was in dem Moment für die Spieler wichtig wäre. But fuck it. Es sind Menschen, keine Fußball-Maschinen.

Aber: „Dieser Tag wird kommen!“ Ich bin mir ganz sicher. Es wäre wünschenswert, wenn dieser Tag in dieser Saison kommen würde. Es wäre doch mal an der Zeit, oder nicht, liebe Bundesliga.

 

Titelbild: Screenshot aus dem Video zu „Der Tag wird kommen“ von Marcus Wiebusch

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Viele glückliche Umstände haben dafür gesorgt, dass ich nun hier sitze und als Teil der Redaktionsleitung funky betreue. Eigentlich wollte ich nur einen Job, der mir nie langweilig wird. Die Kulturszene, dachte ich mir, ist doch eine Szene voller Wandel. Deswegen habe ich Kulturarbeit studiert. Später habe ich festgestellt, dass es im Journalismus noch mehr Abwechslung gibt, weil man stets auf der konkreten Suche nach den neuen heißen Themen ist. So umgehe ich schreibend täglich meine Angst vor Unwissenheit.