Interview

„Liebe ist das einzig Reale, was es gibt“

Rapper Chefket

„Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ heißt das neue Album von Rapper Chefket. Ein Gespräch über Herr und Frau Zimmermann und, warum er lieber über Liebe als über Hass rappt.

Von Margarethe Neubauer

35 Grad im Schatten, Rapper Chefket bleibt entspannt. Im Hawaiihemd schlürft der Musiker seinen Cappuccino, lächelt die Hitze einfach weg. Sein neues Album heißt „Alles Liebe“ und verbreitet positive Vibes. Kein Fluchen, kein Battlen, keine Bitches. Chefket rappt über das, was ihm guttut. Warum Liebe krasser als Hass ist und wie mit seiner Lebenseinstellung der Erfolg kam, hat er uns im Interview erzählt.

Dein Album beginnt mit „Gel Keyfim Gel“ – ein türkischer Ausdruck für Gelassenheit. Woher kommt deine Attitüde?
Das habe ich hauptsächlich durchs Elternhaus mitbekommen. Außerdem versuche ich, mich nicht zu hetzen. Meine Schwester hat immer gesagt, ich sei ein „Natural Born Chiller“.

Dann lässt du dich sicher nicht leicht provozieren. Letztes Jahr gab’s einen Diss von Raf Camora. Wie gehst du mit solchen Provokationen um?
Ich find’s gut, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Wenn ich den Rapper respektiere, würde ich wahrscheinlich selbst etwas schreiben und den aufs Korn nehmen. Da hätte ich Spaß dran. Aber wenn man Raf und mich vergleicht, weiß man ja direkt, wer der Bessere ist. Das muss ich nicht extra betonen. Ich würde lieber für jemanden etwas schreiben, der mir was bedeutet.

Vom Rap-Battle zum „Ende des Kampfes“, den der Untertitel deines Albums ausruft: Auf welche Herausforderungen blickst du zurück?
Für die Musik habe ich damals beschlossen, nach Berlin zu ziehen. Ich wusste nicht, ob die Leute zu Hause mir applaudieren, weil sie mich kennen oder weil die Musik gut ist. Also wollte ich so weit weg wie möglich. Wenn man sich nicht an Trends orientieren, sondern sein eigenes Ding machen möchte, gibt es natürlich Durststrecken. Die hatte ich auch: Keine Wohnung gehabt, im Studio geschlafen, bei Freunden geduscht. Aber Berlin hat mich gerettet. Hier kannst du auch für 50 Cent im Internet surfen und Lahmacun für 1,30 Euro essen.

Dein Debüt ist fast zehn Jahre her. Wieso hat der Kampf so lang gedauert?
Wir war wichtig, meine Musik nicht zu vergiften. Dass alles so bleibt, wie ich’s haben will, wie es für meine Seele gut ist. Es hat gedauert, bis die Leute kapiert haben, dass ich es ernst meine. 2009 war Aggro Berlin noch am Start und da meinten alle, was ich mache, sei schwul. Weil ich gesungen habe. Jetzt hat sich die Szene verändert. Alle wollen singen, arbeiten mit Melodien, benutzen Auto-Tune. Ich bin froh, dass es in die Richtung geht, das spielt mir in die Karten. Aber ich mache noch immer, was ich will. Der Kampf ist insofern vorbei, dass ich mir finanziell keine Gedanken mehr machen muss.

„Wenn sich jemand nett mit mir unterhält, wird der danach nicht sagen: Ich hab mich letztens ganz normal mit ’nem Türken unterhalten.“
Chefket

Musstest du härter kämpfen, weil dir aufgrund deines Backgrounds mit Vorurteilen begegnet wurde?
Am Anfang meiner Karriere gab es viele Produzenten, die meinten, ich solle lieber Gangster-Rap machen. Damit könne man leicht Geld verdienen, weil ich in dieses Muster passe. Darüber musste ich leicht lachen. Für mich war das unverständlich. Hatten die sich überhaupt angehört, was ich mache? In der #MeTwo-Debatte heißt es gerade, man müsse sich doppelt anstrengen, um wahrgenommen zu werden. Ich denke, es liegt vor allem auch daran, dass positive Dinge nie so stark auffallen wie negative. Wenn sich jemand nett mit mir unterhält, wird der danach nicht sagen: Ich hab mich letztens ganz normal mit ’nem Türken unterhalten.

Der Fokus auf das Negative spielt sicher auch in der aktuellen Integrationsdebatte eine Rolle. Wie nimmst du das wahr?
Viele Deutsche mit türkischen Eltern denken sich jetzt, na toll, wir können direkt wieder bei null anfangen. Einer macht etwas falsch, und nur, weil man die gleichen Wurzeln hat, muss man dazu Stellung beziehen wie ein Kulturinformant. Die Debatte ist sehr einseitig. Wir müssen miteinander reden und nicht übereinander, uns öffnen und nicht nur vorm Rechner sitzen und in die Populismus-Falle tappen. Wir können in unserem Alltag viel verändern, da vermischen sich die Kulturen ja schon.

Kannst du da aus eigener Erfahrung berichten?
Ein älteres deutsches Ehepaar, Herr und Frau Zimmermann, hat früher auf meine Schwester aufgepasst, wenn meine Eltern arbeiten mussten. Deshalb konnte sie so gut Deutsch und hat uns bei den Hausaufgaben geholfen. Ich hatte durch die Bildung einen Schlüssel in die deutsche, durch die Sprache einen Schlüssel in die türkische Gesellschaft. Es gibt viele solcher Beispiele, viele Herr und Frau Zimmermanns, das kriegt man aber meistens nicht mit. Die positiven Sachen werden hart wegignoriert. Außerdem: Wenn man Hip-Hop liebt, kann man gar nicht so monokulturmäßig unterwegs sein.

Wie hat denn die Musik als Jugendlicher deine Identitätsfindung beeinflusst?
Hip-Hop hat mir geholfen, mich selber kennenzulernen. Schreiben ist ja Selbstreflexion im besten Sinn. Mit 17, gegen Ende der Sommerferien, war ich eigentlich in einer Italienisch-AG. Auf dem Weg zum Klo habe ich dann Musik gehört und bin gar nicht mehr zurückgegangen. So habe ich meine erste Band gefunden. Wir haben Jazz, Funk und Soul gemacht. Damals habe ich Texte auf Englisch geschrieben. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute auf Deutsch mehr zuhören. Da wurde mir die Macht des Wortes bewusst.

Inwiefern?
Du kannst erst mal nicht unterbrochen werden, sprichst deine Gedanken aus. Ich war der einzige Deutsche mit türkischen Eltern auf dem Gymnasium und habe einen Song gemacht, der hieß Döner: „Wir klauen nicht euer Land, wir machen es nur schöner. Alles, was ihr von Türken kennt, ist Döner.“ Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dass ich da stehen kann und jeder zuhören muss. Irgendwann hatte ich aber keine Lust mehr, auf meine Herkunft reduziert zu werden, die Attitude hat sich geändert. Ich habe kein Problem, wenn mich jemand als fremd betrachtet. Wenn mich jemand nicht mag, warum sollte ich dazugehören wollen?

Die deutschsprachige Hip-Hop-Szene ist noch immer ein Forum für Selbstprofilierung – durch Hass und Gewalt. Wieso ist dir persönlich die Liebe lieber?
Liebe ist unser aller Ding. Das ist das einzig Reale, was es gibt. Mit Liebe und Humor können wir alle besser durchs Leben gehen. Sicher ist es besser, über die Musik seinen Frust rauszulassen als physisch jemandem wehzutun. Ich habe aber für mich herausgefunden, dass mich die Texte, die ich schreibe, jahrelang begleiten. Da möchte ich mich nicht in so einen negativen Modus versetzen. Ich schreib’s ja auch für mich, das ist die beste Therapie. Wenn ich live spiele, muss ich manchmal losweinen. Und auch die Leute haben mittlerweile verstanden, wie ich das meine. Das ist mir wichtiger als der kurze Erfolg oder Geld. Jetzt verdiene ich ja auch damit und nehme nur noch, was ich brauche. Damit bin ich glücklich.

Dennoch verkauft sich Hass erstaunlich gut.
Würde ich etwas hassen, würde ich darüber schreiben. Aber ich habe keinen Frust in mir. Ich versuche immer auch, das Negative ins Positive zu übersetzen. Wenn mich jemand ekelhaft kritisiert, aber recht hat, versuche ich trotzdem, das ins Positive umzuwandeln. Klar, Actionfilme mit Gewalt sind eher Kassenschlager als Independent-Filme in Schwarz-Weiß. Trotzdem muss man sich bewusst sein, warum man etwas macht. Und ich mache das, was meiner Seele guttut. Etwas anderes wäre gar nicht authentisch. Wenn du nicht verkörperst, was du sagst, ist das peinlich.

Vor allem Frauen sind in Rap-Songs oft Hassobjekt. Warum haben viele Rapper Angst vor Gleichberechtigung?
Ich weiß nicht, was für Frauen die so kennenlernen. Vielleicht kotzt sie ihr eigenes Beuteschema an oder sie sind wütend auf eine Frau und verarbeiten das. Vielleicht liegt es an der Phonetik? Bitch klingt halt cool. Ich spekuliere jetzt nur. Es kommt darauf an, was man erlebt. Ich würde keine Frau eine Bitch nennen, die Sex mag. Wenn dich eine so psychomäßig kaputt macht, das ist ’ne Bitch. Aber das gilt ja für Männer genauso.

 

Titelbild: Roman Goebel

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