Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, lässt Pressekonferenz mit 50 Schülern sausen.

Gastbeitrag von Karim Nassar und Noah Egner, Reporter der Schülerzeitung Peperoni

Was ist typisch deutsch? Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit sind Tugenden, die uns Deutschen oft nachgesagt werden. Denkt man nun an einen Politiker wie Jens Spahn von der CDU, der Bundesgesundheitsminister ist, wird keiner bezweifeln wollen, dass er über jene Attribute eigentlich verfügt. Doch als Schüler machten wir die Erfahrung, ihm wohl nicht wichtig genug für Zuverlässigkeit zu sein.

Auf Einladung des Bundesministers kamen am Freitag, den 15. Juni 2018, rund 50 Jung-Journalisten aus allen Regionen Deutschlands nach Berlin, um an einer eigens für Schülerzeitungen einberufenen Pressekonferenz des Ministers teilzunehmen. Einige hatten dafür Fahrzeiten von bis zu neun Stunden auf sich genommen, wie uns andere Schülerzeitungskollegen berichteten.

Ratlos, fassungslos, enttäuscht – in der Reihenfolge

Kurz vor dem angesagten Beginn der Pressekonferenz war die Spannung mit Händen zu greifen, klackende Kugelschreiber, wippende Beine und letztes Getuschel. Dann öffnet sich endlich die Tür, zwei Herren kommen herein. Der eine stellt sich als Christian Kolb vor, der Moderator und Organisator dieser Pressekonferenz. Doch wer ist der andere Typ? Jens Spahn sicher nicht! Beide setzen sich auf die Bühne. Wir sehen uns ratlos an.

Dann die Begrüßung von Kolb, der uns mitteilt, dass Jens Spahn nicht erscheinen kann, da Abstimmungen im Bundestag anstehen. Wir waren fassungslos. Stattdessen saß nun Lutz Stroppe, der Staatssekretär von Spahn, vor uns. Was sollten wir mit dem nun für kritische Punkte ansprechen? Was sollten wir tun mit unseren vielen vorbereiteten kritischen Fragen an Jens Spahn, zum Beispiel, ob er meint, wenn Hartz IV nicht Armut bedeutet, dass Krankenschwestern mit ihrem Gehalt im Luxus leben können?

Die Planung von Schülern und Redaktionen war damit vergeblich. Wir haben Fragen gestellt, die spahnsche Antworten verdient hätten, bekamen aber nur nüchterne Ausschweifungen von Lutz Stroppe, der, wie es schien, den Koalitionsvertrag auswendig gelernt hatte und uns dann aufsagte. Nach einer halben Stunde war die Pressekonferenz schon wieder vorbei. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Die frühmorgendliche Sternfahrt durch die Republik war für uns Teilnehmer völlig umsonst. Wir kamen an und bekamen „no show“, was wenig Wertschätzung für uns durchblicken lässt.

Mehr Geld für den Wahlkampf ist wichtiger als die Jugend

Umso weniger, wenn man sich klarmacht, dass das Bundesgesundheitsministerium nur vier Dienstwagenminuten vom Bundestag entfernt liegt. Jens Spahn hätte während der halben Stunde wenigstens einmal alle begrüßen und sich persönlich entschuldigen können. Zudem kam die Information kurioserweise so kurz vor der Pressekonferenz, dass selbst Christian Kolb darüber ein wenig verärgert schien.

Übrigens ging es in einer der Abstimmungen, für die Spahn uns sitzen gelassen hat, um die Änderung des Parteiengesetzes. Es sieht vor, dass Parteien zukünftig 190 Mio. anstatt 165 Mio. an staatlicher Finanzierung erhalten. Mit 371 „Zustimmungen“ wäre die Abstimmung auch ohne Spahns Stimme erfolgreich gewesen. Liegt ihm also nichts an der Jugend, der Zukunft von morgen? Rückblickend betrachtet kann man sagen: Die Reise hätten wir uns auch spahn können.

 

Titelfoto: Bernd von Jutrczenka/dpa