Selfies sind keineswegs ein Zeichen von Eitelkeit oder Selbstdarstellungssucht, sondern Teil des Erwachsenwerdens. Ein Plädoyer für das digitale Selbst-Porträt.

Von Laura Patz

Wer im Urlaub oder Alltag, alleine oder mit anderen, Selfies macht, erntet häufig genervte Blicke oder gar verbale Kritik. Besonders diejenigen, die ohne Internet, Smartphone und Social Media aufgewachsen sind, sind schnell, wenn es darum geht, Selfies und die, die sie schießen, zu verteufeln. Von Eitelkeit bis Selbstdarstellungssucht muss sich meine Generation viele Vorwürfe gefallen lassen. „Generation Selfie“  ist ein Begriff, mit dem beinahe alle, die im Besitz eines Handys mit Frontkamera sind, über einen Kamm geschoren werden.

Dabei ist das Bedürfnis, Bilder von sich selbst zu machen, nun wirklich kein Symptom unserer Zeit. Selfies sind schlichtweg eine Form des Selbstporträts. Wer einmal durch das nächste Museum schlendert, wird feststellen, dass Selbstdarstellung schon in der Antike en vogue, ja sogar eine Kunstform, war. Nur die Mittel waren damals andere.

Selfies-Knipsen ist Identitätsfindung

Heute haben wir die Möglichkeit, unser Spiegelbild in Sekundenschnelle festhalten zu können. Warum auch nicht, wenn wir uns wohl in unserer Haut fühlen und diesen Moment konservieren möchten? Dahinter steckt mehr als Narzissmus und gewiss keine Abhängigkeit. Vielmehr hat das Selfie-Knipsen mit der Identitätsfindung jener junger Leute zu tun, denen manche das Fotografieren am liebsten verbieten würden.

Selfies sind Teil des Entwicklungsprozesses geworden. Wer sich selbst betrachtet, beschäftigt sich mit sich und reflektiert die eigenen Schönheitsideale. Das belegt auch die Sozialwissenschaftlerin Ulla Autenrieth, die sich wissenschaftlich mit dem Phänomen Selfie auseinandergesetzt hat. Wer bin ich? Wer will ich sein? Es geht um Identitätsfindung, das Thema der Pubertät schlechthin.

Zudem sind wir aufgrund von Social Media dem ständigen Output anderer ausgesetzt. Selfies können eine Art Bewältigungsmechanismus dafür sein. In Bildform können wir anderen zeigen, ob wir einer Meinung oder einem Trend folgen oder uns davon abgrenzen.

Selfies sind auch Erinnerung

Das funktioniert fast so wie Tagebuchschreiben: Wir halten einen Moment unseres Lebens fest. Meistens, weil er eben besonders schön war. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir auf Reisen oder mit Menschen unterwegs sind, die uns am Herzen liegen. Wo Jugendliche bei der Klassenfahrt den Selfie-Stick zücken, fragen Oma und Opa andere Menschen im Restaurant, ob sie ein Bild von der Familie machen können. Ist die eine Variante besser, nur weil man nicht selbst den Auslöser betätigt hat?

Die Veröffentlichung der digitalen Selbstporträts ist vielleicht eine andere Sache als das bloße Erstellen und Speichern von Selfies. Klar, einen Instagram-Feed mit ausschließlich Selfies und Snapchat-Filtern kann man kritisch sehen. Dennoch sollte das Urteil über eine Daseinsberechtigung solcher Inhalte denen überlassen bleiben, die auf den Bildern zu sehen sind. Lasst uns mal einfach unsere Selfies machen!

 

Titelbild: iStock / Eva-Katalin