Wie soll die Schule von morgen sein? Was wünschen sich Schüler, was Lehrer? Wir haben uns umgehört, festgestellt, dass die Forderungen gar nicht so weit auseinandergehen, und öffnen die Diskussionsrunde.

Von Laura Patz

Schüler beschäftigen sich in ihren Texten häufig mit Schulstress und seinen Folgen. Dass der Druck, den die Schule auf Kinder und Jugendliche ausübt, tatsächlich immensen Einfluss auf ihre Psyche und körperliche Gesundheit hat, belegen auch medizinische Studien.

Neben physiologischen Begleiterscheinungen, wie erhöhtem Blutdruck und erhöhter Gereiztheit, steht Stress besonders mit Erschöpfung und abnehmender Leistungsfähigkeit in Zusammenhang. Das ergab der aktuelle Präventionsradar zu Kinder- und Jugendgesundheit der DAK. „43 Prozent der Schülerinnen und Schüler gaben an, oft oder sehr oft Stress zu erleben“, kann man dort lesen.

Auch der Volkshochschullehrer Heiko Kirchesch aus Nordrhein-Westfalen reagierte in einem Leserbrief auf das Thema Schulmüdigkeit. Er schrieb: „Als Fachbereichsleiter in einer VHS trage ich die Verantwortung für unsere Schulabschlusslehrgänge. Bei mir kommen irgendwann die acht bis neun Prozent eines Geburtsjahrgangs an, die unsere Regelschulen ohne Abschluss verlassen. Sie sind oft demotiviert oder schulmüde. Es wäre ein gutes Projekt, wenn die Gesellschaft einmal über Schule diskutieren würde, statt Worthülsen wie ,Bildung ist unser einziger Rohstoff’ wiederzukäuen. Wie soll Schule aussehen?“

gezeichnete Situation in einem Klassenraum

So soll es im Klassenzimmer nicht aussehen. (c) Lorenz Wilmen, funky-Jugendredaktion

Genau diese Diskussion möchte die Jugendredaktion nun ins Rollen bringen. Es werden verschiedene Perspektiven beleuchtet und Jugendliche wie Erwachsene zu Wort kommen.

Die Wünsche eines Schülers: Schafft die Noten und damit den Druck ab

Jugendredakteur Lorenz ist 15 Jahre alt und besucht ein Berliner Gymnasium. Stress durch Schule ist auch ihm nicht fremd. Er hat klare Vorstellungen davon, wie die Schule von morgen aussehen sollte:

„Der wichtigste Grund dafür, dass Schüler nicht in die Schule wollen und permanent erschöpft sind, sind meiner Meinung nach Noten. Jugendliche geraten dadurch unter Stress und Hobbys und Freunde kommen so oft zu kurz. Dabei könnte gerade dieser Ausgleich die Leistungen von Jugendlichen verbessern.

Klassenarbeiten könnte man immer noch schreiben. Die Lehrer würden eine Wertung abgeben, die dem Schüler sagt, wie gut er den Stoff verstanden hat. Also ungefähr das Prinzip, was an Waldorfschulen schon funktioniert. Gerade in Fächern wie Kunst oder Sport finde ich Noten ungerecht und daher unnötig. Am Ende des Schuljahres braucht man natürlich eine Bewertung. Hier könnten sich alle Lehrer zusammen entscheiden, ob der Schüler für das kommende Jahr bereit ist. Wenn nicht, muss er eben gefördert werden.

Auch der Verzicht auf bestimmte Unterrichtsmethoden würde Druck von den Schülern nehmen. Dazu gehört zum Beispiel das Auffordern von Schülern, die sich nicht gemeldet haben. Eine solche spontane Stresssituation mindert die Leistung des Schülers. Weiterhin sollten sich Lehrer bei der Unterrichts- und Klausurplanung untereinander absprechen. So vermeidet man unnötigen Stress durch vier Klassenarbeiten in einer Woche. Und auch die Schüler selbst sollten bei der Auswahl der Themen demokratisch mit entscheiden dürfen. Denn wer sich für ein Thema interessiert, arbeitet motivierter mit.“

Gezeichnetes Klassenzimmer

So soll Schule aussehen: Schüler haben Laptops und Tablets und hören interessiert zu, der Lehrer unterricht engagiert mit einem Smartboard. (c) Lorenz Wilmen, funky-Jugendredaktion

 

Die Vision einer Lehrerin: Keine Noten, mehr Bildung

Sabine Dreßler ist Grundschullehrerin an einer Montessori-Schule in Thüringen. Wir haben sie zum Schulbetrieb der Zukunft – so wie sie ihn sich wünscht – befragt.

„Alle Beteiligten haben unter den Defiziten unserer 16 Schulsysteme zu leiden – vor allem aber die Kinder“, sagt sie. Zusammen mit ihren Kollegen hat Sabine Dreßler eine lange Liste mit Visionen von einer besseren Schule zusammengestellt. Schule solle als gemeinsamer Weg aller Kinder bis zum Studium oder der Berufsausbildung und als Kultur- und Bildungszentrum des Wohngebiets gesehen werden. Außerdem sollte es aus Sicht des Kollegiums multiprofessionelle Teams in den Schulen geben. Mit dabei wären Pädagogen, Sozialarbeiter, Therapeuten und – ­warum auch nicht – Hausmeister und Krankenschwester.

Die Zusammenarbeit der Schulen mit Sportvereinen, Musikschulen, Kunst- und Kulturangeboten sollte selbstverständlich werden. An Ganztagsschulen sollten Pädagogen über die gesamte Öffnungszeit präsent sein. Die Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich, dass es regelmäßige Supervisionen des Personals gibt. Die Lehrer sollten von Verwaltungsangelegenheiten befreit werden, damit sie den Unterricht ganz in den Mittelpunkt stellen können.

Eine eigentlich selbstverständliche Forderung lautet: Es muss ausreichend Zeit und Raum zum Lernen geben. Nicht ganz so selbstverständlich hingegen ist diese Forderung: Die Zensuren sollen wegfallen. Dafür schlagen die Lehrkräfte vor, könnten Wettbewerbe und eine gesunde Anerkennungskultur etabliert werden. Der Stundenplan sollte täglich Sport vorsehen, ist die letzte Vision.

Zwei Seiten, ähnliche Wünsche

So unterschiedlich Schule in den einzelnen Bundessländern aussieht, in einigen Punkten sind sich die meisten einig: Es muss sich etwas ändern, damit Unterricht Spaß macht und lehrreich ist. Besonders viel Hoffnung macht dabei die Tatsache, dass Schüler und Lehrer sich ihre Traumschule ziemlich ähnlich ausmalen.

Seht ihr das genau so oder anders? Wir sind gespannt auf eure Ideen und Meinungen zum Thema. Schreibt uns an redaktion@funky.de.

 

Kleine Umfrage unter Schülern: Mehr Praxis und Wasserschlachten

Auch im WhatsApp-Kanal der Jugendredaktion „What’s funky“ haben wir die Frage gestellt, wie Schule sein soll. Der am häufigsten geäußerte Wunsch der Schüler war die Integration praktischer Inhalte in den Lehrplan. Besonders die Steuererklärung stand wieder einmal auf Platz eins der gewünschten Themen. Hier einige weitere Antworten auf unsere Frage:

Statement von SamanthaStatement von NoahStatement von MarcStatement von MadelineStatement von Luca

 

Leserkommentare

Wer Leserbriefe fordert, bekommt auch welche. Hier sammeln wir eure Meinungen zur Schule der Zukunft. Wer eine Diskussion möchte, der muss sie auch veröffentlichen. Da sind sie:

Ein Film zum Thema – Schüler aus Schleswig-Holstein

„Ein fröhliches Hallo in die Redaktion,
wir sind Grundschüler und Jugendliche aus Ahrensburg und Husum und haben zu eurem Thema „Wie soll Schule morgen sein?“ zwei Kurzfilme gemacht, die wir in Oldesloe am 20. September, auf den Husumer Filmtagen am 30. September und in Bargteheide und Ahrensburg präsentieren. Titel des Filmes: Kinder machen Schule. Wir gehen in unseren Projekten noch ein paar Schritte weiter als ihr, da wir zu Beginn des Filmes die Vision hatten, dass die Schule abgeschafft wurde. Das gab uns die Freiheit, Schule wirklich neu zu denken.
Viele Grüße und eine sonnige Zeit,
Helga Lütjens (Projektleitung und Produktion)“

Prüfungen neu denken – Ernst Schuberth, ehemaliger Lehrer

„Kann man das Prüfungswesen einmal neu denken? Leiste etwas und zeige es mir – statt: Ich bestimme, was du können sollst, und wenn du das nicht kannst, wirst du (durch schlechte Noten) bestraft. Bei den Fähigkeiten zur Ausübung eines Berufs (zum Beispiel Pilot) werden erfahrene Fachleute derselben Berufsgruppe die Prüfung durchführen. Vom Können eines Piloten hängt das Leben vieler Menschen ab. Deswegen muss er nachweisen, dass er die Technik der Maschine und die Regeln des Luftverkehrs beherrscht und gesundheitlich und charakterlich für diesen Beruf geeignet ist. Die Leistungen von Schülern haben aber in der Regel nicht diese Verbindlichkeit. Die Prüfungen dienen deshalb in hohem Maße der Disziplinierung. Damit wird ganz äußerlich Lernen erzwungen, nicht die Liebe zu einer Sache entwickelt. Tests sollten in erster Linie helfen, das eigene Unterrichten zu prüfen und zu verbessern.

Beim heutigen System müssen Versager produziert, sonst gilt der Test als zu leicht. Wenn eine Klasse in einem Fall nur Einsen schreibt, kann es auch sein, dass der Lehrer sehr gut und verständlich unterrichtet hat und die Schüler gerne mit ihm gearbeitet haben. Das „Zeige mir, was Du kannst“ fragt nicht nach den Schwächen, sondern nach den Stärken eines Schülers. Es respektiert den Schüler als Individualitäten mit eigenem Denk- und Gestaltunngswillen. Gute Lehrer interessieren sich für die Fragen und Gedanken der Schüler, schlechte wollen nur ihre eigenen Aussagen wiederholt hören. Interessanter Weise wünschen Schüler oft, dass ein Lehrer in der Lage ist, ein intensives Lernklima zu schaffen und durchzusetzen.

Das Abitur erscheint mir völlig überflüssig. Wer beruflich für andere etwas leisten will, soll nachweisen, dass er es kann. Wie er sich das Können erwirbt, ist zweitrangig. Warum nimmt die Gesellschaft nicht junge Menschen als Bürger so weit ernst, dass sie ihnen einen Bildungs-Gutschein gibt, mit dem sie Bildung erwerben können, wo sie es für fruchtbar und richtig empfinden. Müssen wir Menschen denn zu unserer Entwicklung von Fähigkeiten gezwungen werden, oder suchen wir sie als ein tiefes Bedürfnis?
Ernst Schuberth“

Das Schulsystem muss flexibler werden – Kertin Njoya, Pädagogin

„Ich bin der Auffassung, das die verschiedenen Begleiterscheinungen der SchülerInnen in den verschiedenen Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen differenziert werden müssen, damit sie sich gesund entwickeln können. Das Schulsystem muss flexibler gestalten, so wie es auch in der Arbeitswelt flexibler wird. Zum Beispiel hat sich der gleitende Arbeitsbeginn etabliert und dies kann durchaus auch an Schulen in Zukunft für viel mehr Ausgeglichenheit und Lernbereitschaft, Lernfähigkeit und gute Lernathmosphäre sowie Prävention von Gewalt sorgen. Auch die Bewegung und Unterricht im Freien sollte mehr von den LehrerInnen und PädagogInnen praktiziert werden. Der Unterricht kann für alle offen, frei wählbar und fachübergreifend gestaltet werden.

Ich finde, zu viele Lehrerinnen und SchulleiterInnen sind einfach viel zu bequem und konfliktscheu, um Themen durchzusetzen und vor allem um sich mit der Entwicklungsforschung von Kindern und Jugendlichen auf dem Laufenden zu halten! Das gehört meines Erachtens unbedingt zu den Weiterbildungspflichten des Lehrpersonals und vor allem der Schulpsychologie, die diese Ergebnisse an SchulleiterInnen unbedingt als Informationen weiterleiten und somit aufklären muss.

Mit freundlichen Grüßen,
Kerstin Njoya, Integrations-/Inklusions-/angehende Empowerment-Pädagogin“

Es muss eine Debatte geben – Ju Paris, Facebook-Nutzerin

„Ich finde es super, dass ihr das Thema ansprecht. Das kommt in der Gesellschaft einfach viel zu kurz. Immerhin sind wir „Das Volk von morgen“.

Zuerst einmal finde ich, Schule darf kein Autoritätsstaat sein. Dazu jedoch verkümmert es eher mehr. Das kann ich tatsächlich von beiden Seiten so wiedergeben. Dies geschieht, da wir eine Gesellschaft des Perfektionismus geworden sind. Eigentlich müssten Talente einzelne gefördert werden. Es müsste gezeigt werden, dass es okay ist, in einigen Bereichen interessierter und besser zu sein als in anderen. Kurz: Es ist okay, Fehler zu machen. Wir sind Menschen, wir sind nicht perfekt. Wir dürfen fühlen. Wir dürfen auch mal einen schlechten Tag haben. Wir dürfen uns auch mal streiten, wir dürfen auch mal weinen, oder einen Tag einfach nur wieder Kind sein. Das wird in Bildungseineichten momentan extrem durch den Perfektinismus in der Form von Wissen und noch mehr Wissen ohne eine Spur von Menschlichkeit gefördert.

Des weiteren geschieht das, da die Lehrpläne zu voll sind. Ebenfalls ein Merkmal unserer Wissensgesellschaft. Die Schule greift inzwischen viel zu sehr auf ein universitäres Niveau vor. Und eigentlich müssten auch Klassengemeinschaften viel mehr gefördert werden. Damit die Kinder Sozialverhalten lernen, aber auch ein Verhältnis zum Lehrer aufbauen, der wiederum ein gutes Lernklima schafft.

Zum Stress lässt sich zu beiden Seiten etwas sagen, Schüler sowie Lehrer. Zum einem ist es zu wenig Personal in der Lehrerschaft. Das kommt durch eine mindere Atraktivität durch zu niedrige Bezahlung und eben dieses zerstörte Schulklima. Dadurch sammeln die Lehrer nicht nur Überstunden ohne Ende, sondern sind auch dauergestresst, was wieder auf dem Rücken der Schüler geschieht und gleichzeitig zu psychischen Krankheiten führt. Immerhin hat der Lehrerberuf mit die höchste Burnout-Rate.

Und was die Schülerschaft angeht: Noten dürfte es bis zur 10. Klasse gar nicht geben, sondern Berichte über Stärken und Schwächen. Eine Leistung mit einer Zahl zu verstehen, begründet nicht. Automatisch kommt es dazu, dass der Schüler denken muss, er sei „dumm“, da ihm all seine Stärken nicht genannt werden. Schwächen sollten mit der Aussage verstanden werden, dass es okay ist, Fehler zu machen. So sollte Schule meiner Meinung nach aussehen.

Dennoch, nochmal ein großes Lob an euch. Versucht mal, das Thema irgendwie in noch mehr Medien zu boxen. Da sollte einfach drüber berichtet werden müssen. Unsere Regierung muss zwar keine Gesetze auf Volksbegehren erlassen, doch immerhin haben wir die Chance, Aufmerksam auf Missstände zu machen und eine Welle zu verbreiten.“

 

Titelbild: Lorenz Wilmen, funky-Jugendredaktion