Von Tanja Ransom

Seine Mitschüler haben sich vor ihm aufgebaut. Es sind die, die ihn beleidigt haben. Bevor sie es wussten – und auch danach. Die meisten in dem kleinen Ort in Baden-Württemberg wissen es jetzt. Freunde, Lehrer, Klassenkameraden. Maximilian, der von allen nur Maxi gerufen wird, hat sich geoutet. Er ist schwul.

Ist doch keine große Sache, denken manche vielleicht, die nicht 14 und homosexuell sind. Die nicht in einer eher konservativen Kleinstadt leben. Die nie beleidigt und nie körperlich bedroht wurden oder Angst haben mussten, einfach nur aufgrund dessen, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Die nicht wissen, dass die Selbstmordrate von lesbischen und schwulen Jugendliche vier- bis siebenmal höher ist als die, anderer Gleichaltriger. Für Maxi ist es eine große Sache, auch jetzt, als seine Mitschüler vor ihm stehen und er nicht weiß, was passieren wird.

Wie Maxi sagen viele Menschen ihrem Umfeld, dass sie nicht heterosexuell sind. Das bezeichnet man auch mit dem englischen Ausdruck Coming-out, das so viel wie „mit der Sprache herausrücken“, also eine Art Geheimnis lüften, bedeutet. Gerade für viele Schüler ist das ein großer Schritt.

Was macht das Coming-out an der Schule so schwer?

Schüler gehen einen Gang entlang

Hauptsache dazugehören? An vielen Schulen bestimmt nach wie vor Heteronormativität den Alltag. Foto: Fotolia

Das läge auch an der Heteronormativität, sagt die Berliner Psychologin Lisa Müller und lacht gequält. „Das heißt, dass im Alltag und auch an der Schule von Vorneherein davon ausgegangen wird, dass man heterosexuell ist – nicht nur von Gleichaltrigen, sondern auch von Lehrern“, erklärt sie. Außerdem spielten gerade in dieser Altersgruppe der Schüler intime Beziehungen und Sichverlieben eine ebenso große Rolle wie dazuzugehören.

Müller leitet das bundesweite Beratungsprojekt IN&OUT des Jugendnetzwerks Lamda, das sich vor allem an schwule, lesbische, bisexuelle und trans* Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren richtet. Sie können sich per Telefon, über E-Mails und neuerdings auch über Einzel- und Gruppenchats an die zehn bis 15 ehrenamtlichen Betreuer wenden.

Das Besondere: Die Berater sind in der gleichen Altersklasse – und haben sich auch selbst geoutet. Der Gedanke hinter sogenannten Peer-to-Peer-Beratungsstellen ist einfach: Menschen, die vielleicht Ähnliches erlebt haben, hören zu, beraten, erzählen vielleicht auch von eigenen Erfahrungen, respektvoll und auf Augenhöhe.

Belastende Gedanken und Ängste

Laut Müller beschäftigen sich etwa 60 Prozent der Jugendlichen, die sich bei IN&OUT melden, mit dem Thema sexuelle Orientierung. Früher oder später geht es dann auch um das Thema Coming-out – bei den Freunden, den Eltern und auch den Mitschülern.

Auch Maxi machte sich vor vier Jahren viele Gedanken darüber, wie er es den anderen sagen sollte. Er war sich sicher, dass es nicht leicht sein würde. Genauso sicher wie er wusste, dass er sich nicht zu Mädchen, sondern zu Jungs hingezogen fühlt.

Hinzu kam die Angst: „Ich wollte auf keinen Fall meine Familie enttäuschen oder ihnen wehtun“, sagt er. Maxis Eltern gehörten in dieser Zeit den Zeugen Jehovas an, er wuchs in einem streng religiösen Haus auf. „Mir wurde von klein auf beigebracht: Das ist nicht, was Gott für uns vorgesehen hat, das ist nicht, was Gott will“, sagt er und meint mit „das“ die Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts.

Wie sag’ ich’s den anderen?

Irgendwann wurde es Maxi zu viel: Als einmal im Unterricht  über Homosexualität gesprochen wurde, machten einige seiner Mitschüler – eben die, mit denen er später konfrontiert sein würde – Sprüche, äußerten sich abwertend. Maxi rannte weinend aus dem Klassenzimmer. Seine Klassenlehrerin, zu der der Neuntklässler ein gutes Verhältnis hatte, folgte ihm. „Ich habe ihr dann alles erzählt, ich wusste, wie sie zu dem Thema steht, das machte es leichter.“ Danach sprach er mit seinen Freunden und seiner Familie.

Maxi

Maxi wusste lange Zeit nicht, wie er mit anderen über seine Gefühle sprechen sollte. Foto: privat

Nun sollten es auch alle anderen erfahren. Maxi entschied sich für einen drastischen Schritt: Er outete sich über Instagram – mit dem Hashtag gay neben seinem Foto-Upload. „Ich wollte, dass alle Leute im Dorf wissen, hey, da ist jemand schwul und der wohnt direkt neben mir oder geht auf meine Schule – Schwulsein war nämlich ein absolutes No-Go-Thema.“ Wenn man ihn fragt, antwortet Maxi, er würde das wieder so machen. „Jedem empfehlen möchte ich das aber nicht“, sagt er. Denn er war sich damals genau bewusst, dass es plötzlich alle wussten und auch negative Reaktionen nachfolgen konnten.

Coming-out: Eine sehr persönliche Entscheidung

Auch Lisa Müller, die jeden Tag mit Jugendlichen zu tun hat, die über ein Coming-out nachdenken, sagt entschieden: „Es wäre total fahrlässig, jedem zu raten, sich zu outen.“ Es gebe immer noch viele homosexuelle Menschen, die versteckt leben. „Das ist auf Dauer wahrscheinlich nicht gesund, aber eine Entscheidung, die Menschen treffen können“, sagt sie. Aus diesem Grund nehmen wohl viele das anonyme kostenlose Beratungsangebot von IN&OUT an: Die meisten jungen Menschen meldeten sich zu einem Zeitpunkt, an dem sie noch mit niemandem über das Thema gesprochen hätten.

Maxi wollte und konnte damals nicht mehr schweigen. Doch auch nach dem Coming-out hatte er Angst. Diesmal vor möglichen Übergriffen in der Schule. Doch es kam anders. Viele waren neugierig, fragten ihn, ob das denn stimmt, was auf Insta stand. Jüngere Schüler bewunderten ihn für seinen mutigen Schritt, ein Sechstklässler, der sich auch zu Jungs hingezogen fühlt, sagte, Maxi habe ihm Mut gemacht. „Da war ich megastolz und hatte das Gefühl, das nicht ,umsonst’ gemacht zu haben“, sagt Maxi.

Maxi in einem Tunnel

Für den heute 18-jährigen Maxi war ein Coming-out keine leichtfertige, aber die richtige Entscheidung. Foto: privat

Dennoch: Es gab auch Blicke, Getuschel, Menschen, die der damals 14-Jährige für Freunde gehalten hatte und sich plötzlich abwandten. Und dann waren da jene Mitschüler, die ihn beschimpften. Namen gaben. Umso beunruhigter war Maxi, als eben diese Jungs auf ihn zukamen und sich vor ihn stellten. Alle gemeinsam. Um sich bei ihm zu entschuldigen. Für die Schimpfwörter, für die Beleidigungen. Sie sagten ihm, dass sie seinen Schritt respektierten und ihn immer noch als den gleichen Menschen sähen, wie vor seinem Coming-out.

Ein wichtiger Schritt: sich selbst und die eigenen Gefühle akzeptieren

Heute, mit 18 Jahren spricht Maxi ganz offen über Homosexualität und hat für Leute, die ihn kennenlernen und gern mehr darüber wüssten, sogar ein YouTube-Video gemacht. Was er anderen jungen Menschen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation wie er vor einigen Jahren sind, gern sagen würde? „Akzeptiert, dass ihr diese Gefühle habt, sie werden immer wieder kommen, auch wenn ihr versucht, sie zu unterdrücken. Akzeptiert euch selbst und sucht euch, wenn ihr soweit seid, jemanden zum Reden.“

 

Titelbild: fotolia / DragonImages