Wer willst du sein, wenn du nicht gerade dabei bist, zu versuchen, jemand für andere zu sein? Fragen wie diese treiben einen um, wenn man jung ist. „Lady Bird“ stellt sie ganz subtil.

Von Ria Lüth

Sacramento im Jahre 2002. Mittendrin hat Lady Bird, wie sich Christine (großartig gespielt von Saoirse Ronan) selbst nennt, nur eine Sehnsucht: weg von hier. Am besten an die Ostküste, wo in ihren Vorstellungen alles wild und laut ist. Irgendetwas erleben. Sie ist im letzten Jahr an einer katholischen High School. Zwischen Liebe und Jungs, der Frage nach dem eigenen selbst und einer komplizierten, von unbändiger Hass-Liebe geprägten Beziehung zu ihrer Mutter (Laurie Metcalf), schafft es der Film Momente zu zaubern, die immer mit einem dezenten Schmunzeln daherkommen und vor allem verdammt authentisch sind. Lady Bird schreit nach ihrem ersten Kuss laut in die Nacht, kauft an ihrem achtzehnten Geburtstag einmal alles jetzt Legale  – einfach weil sie es kann – und stürzt sich aus Wut über ihre passiv-aggressive Mutter aus dem Auto.

Greta Gerwigs Drehbuch soll kein autobiographisches Werk sein und doch sind die Parallelen zwischen ihrer Jugend und der von ihr geschriebenen Welt unverkennbar. Infolgedessen entsteht ein Film, der in seiner Ruhe und Beständigkeit nah an einen herankommt – vor allem, weil er so normal ist.

Dabei gelingt ihr mit dem Charakter „Lady Bird“ eine schmale Gradwanderung. Denn ja, Coming-of-Age-Filme hat man schon oft gesehen, aber selten auf diese Art und Weise. Lady Bird ist weder das unsichere, schüchterne Mädchen, das sich im Laufe der Zeit als glitzernder Schwan entpuppt, noch ein unbeirrbarer Juno-Verschnitt. Nein, sie ist eine Persönlichkeit ohne festen Boden, ein wenig schräg und ausgeflippt, will ganz viel, nur was, das weiß sie selbst nicht ganz genau. Und so verzweifelt sie rebellisch und manchmal egoistisch zwischen Sinnsuche und Luftleere und verliert sich ab und an auf dem Weg zu sich selbst.

„Lady Bird“ ist intelligent, nicht künstlich aufgebauscht, dezent und echt. Und beiläufig schafft es Gerwig noch den anderen Charakteren viel Raum zu geben, sodass sich neben der Welt von Lady Bird noch andere kleine Universen abzeichnen. Völlig verdient erhielt die Tragikomödie zwei Golden Globes und fünf Oscarnominierungen.