Lernort Stadion – Lernen beim Lieblingsverein

Foto: Tanja Ransom

Der Verein Lernort Stadion bietet kostenlose Workshops für Klassen und Jugendgruppen in ganz Deutschland an. Dabei geht es um mehr als „nur Fußball“. Wir haben eine achte Klasse in die heiligen Hallen der Hertha in Berlin begleitet.

Von Tanja Ransom

Die Stimmung im Medienraum der Hertha BSC ist angespannt. Vorne auf der Bühne, wo normalerweise Trainer und Spieler des Erstligisten ihre Plätze einnehmen, sitzt heute der 14-jährige Maximilian. Er ist nervös. Die Kamera läuft, mehr als 30 Augenpaare sind auf ihn gerichtet. Schließlich ergreift er das Wort. Er richtet seine erste Frage an den Mann neben sich: Ingo Schiller, Geschäftsführer von Hertha BSC.

Maximilian und seine Mitschüler stellen an diesem Vormittag den Ablauf einer Pressekonferenz nach: Die Achtklässler der Helene-Lange-Schule in Steglitz überlegen sich gemeinsam Fragen, lernen, worauf es bei einem Interview ankommt und wie man eine Kamera führt. Am Ende werden sie einen Kurzfilm von ihrem Projekt in den Händen halten.

Im Gespräch:  Schüler Maximilian (rechts) stellt seine Fragen an Hertha-Fanbeauftragte Julia Reimann und Geschäftsführer Ingo Schiller.                                                                                                                                                                                          

Das ist Teil eines viertägigen Workshops des „Lernzentrums Berlin“, bei dem die Jugendlichen sich nicht nur kreativ, sondern bei spielerischen Bewegungseinheiten auch körperlich austoben können. „Uns geht es um eine Kombination aus Sport und gesellschaftspolitische Themen“, sagt Söhnke Vosgerau, der Vorstandsmitglied bei Lernort Stadion ist und Projekte des Lernzentrums Berlin koordiniert. Diese Workshops beschäftigen sich zum Beispiel mit Themen wie Diskriminierung, Gewalt oder Migration.

Insbesondere richte sich das Angebot an Jugendliche zwischen 14 und 20, die seltener mit klassischen Bildungsangeboten in Berührung kämen. Neben Schulklassen gab es zum Beispiel auch Workshops mit Schulabbrechern, jungen Geflüchteten oder Menschen mit Behinderung.

Stadionfieber: 18 Lernzentren in Deutschland

Lernzentren wie das in Berlin gibt es auch an 17 weiteren Standorten in ganz Deutschland. Sie alle sind Teil des Lernort Stadion e.V.. Der gemeinnützige Verein bietet Bildungsangebote für Jugendliche an und arbeitet dabei eng mit großen deutschen Fußballvereinen zusammen.

„Die Idee dazu stammt aus England“, sagt Vosgerau. „Dort gibt es Auflagen im Profisport, die die Vereine zur Jugendbildung verpflichten.“ Hierzulande beteiligen sich die Vereine auf freiwilliger Basis. Und das Konzept geht auf: Da die Projekte von der Robert Bosch Stiftung und der DFL Stiftung finanziert werden, ist die Teilnahme für Schulklassen und Gruppen kostenlos. Das ist natürlich toll für die Schüler, doch was haben die Vereine eigentlich davon?

Gutes tun und darüber sprechen

Die Idee, dass sich große Firmen und auch Sportvereine sozial engagieren, bezeichnet man in der Wirtschaft als Corporate Social Responsibility, kurz CSR. Es geht darum, Gutes zu tun, sich zum Beispiel für Umwelt- oder wie in diesem Fall Bildungsprojekte zu engagieren, und das auch medial zu vermitteln. Ein gutes Image, eine positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist den meisten Unternehmen sehr wichtig.

Die Berliner Hertha macht seit 2010 gemeinsame Sache mit Lernort Stadion e.V.. „Gerade an einem historisch belasteten Ort wie Berlin haben wir eine große gesellschaftliche Verantwortung“, sagt Geschäftsführer Ingo Schiller, der von Anfang an bei den Projekten dabei ist und sich auch heute eine halbe Stunde Zeit nimmt, um den Schülern Rede und Antwort steht.

Und die möchten es in der inszenierten Pressekonferenz ganz genau wissen: „Ärzte retten Leben – Fußballer rennen nur einem Ball hinterher und verdienen viel mehr. Ist das fair?“, fragt eine Schülerin im Publikum. Schiller antwortet, dass Berufe im sozialen Bereich besser bezahlt sein müssten, aber auch, dass Profifußballer Künstler seien und nur eine bestimmte Zeit hätten, um mit Profifußball Geld zu verdienen. Wie viel die Künstler von Hertha monatlich erhalten, möchte er dann allerdings nicht verraten.

So still ist es im Klassenzimmer wohl nicht immer: Die Schüler verfolgen aufmerksam die selbst vorbereitete Pressekonferenz.                                                                                                                                                                                

Und was sagen die Schüler zu dem Projekt?

Bei den Achtklässlern kommt der Workshop an. Zum Beispiel bei der 12-jährigen Linh, die heute ihren blauweißen Hertha-Schal um den Hals geschlungen hat. „Ingo Schiller kennenzulernen war bisher mein Highlight, er ist ein erfahrener Geschäftsführer“, sagt sie. Ihre Mitschülerin Chiara ist besonders von der Besichtigung der „Jugendakademie“, dem Internat, in dem die Nachwuchstalente der Hertha leben und ausgebildet werden, beeindruckt. Maximilian, der gerade noch die Pressekonferenz geleitet hat, wird jetzt erst klar, was er da eben geschafft hat. Auf die Frage, ob er einen Workshop in einem Lernzentrum weiterempfehlen würde, sagt er: „Auf jeden Fall. Hier lernt man ganz grundsätzliche Dinge, die man im Leben braucht. Zum Beispiel im Team zusammenzuarbeiten oder Inhalte vor anderen zu präsentieren.“

Die Achtklässler der Helene-Lange-Schule.                                               

Ihr möchtet bei Lernort Stadion e.V. mitmachen?

Klassen, die nun selbst gerne bei dem Projekt mitmachen und eines der verschiedenen Lernzentren in Deutschland besuchen möchten, wenden sich am besten an die jeweiligen Koordinationsstellen. In Berlin wäre Söhnke Vosgerau der richtige Ansprechpartner für die Anmeldung zu einem der zwölf bis 13 Projekte im Jahr. „Meist braucht es einen Vorlauf von mindestens drei Monaten“, sagt er. Besonders begehrt seien die Termine kurz vor den Ferien, da müsse man sich oft länger im Voraus anmelden. Weitere Infos findet ihr auch unter Lernort-stadion.de.

Fotos: Tanja Ransom

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.

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