Meinung

Zündstoff | Was sind die Probleme mit Männer- und Frauentoiletten?

Klopapierrolle mit Diverszeichen
Sind Unisex-Toiletten die Lösung für das Inklusionsproblem?

In einem Punkt sind sich wohl alle einig: Es wird immer Menschen geben, mit denen man sich uneinig ist. In dieser Rubrik diskutieren junge Menschen über Themen, die für ordentlich Zündstoff sorgen.

Amelie Bahlert und Lara Eckstein, funky-Jugendreporterinnen

Immer häufiger gerät die Aufteilung in zwei Geschlechter in die Kritik, da sie zu einem Inklusionsproblem führe. Dafür ist es wichtig, den Unterschied zwischen dem biologischen und gesellschaftlichen Geschlecht zu verstehen. Das biologische Geschlecht ordnet Menschen auf ihrem Geschlecht basierend primären Sexualorganen zu. Inzwischen wird jedoch immer deutlicher, dass es auch ein gesellschaftliches Geschlecht gibt, das sich vom biologischen Geschlecht unterscheiden kann. So kann man mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren worden werden und sich dennoch als Mann fühlen.

Das gesellschaftliche Geschlecht ist dabei vielmehr als ein Spektrum und nicht als Box mit zwei Schubladen zu verstehen. Und auch biologisch kann die hormonelle Zusammensetzung von Körper zu Körper sehr verschieden sein, obwohl man dem gleichen biologischen Geschlecht angehört. So reichen die traditionellen Konzepte „männlich“ und „weiblich“ schon lange nicht mehr aus, um die Komplexität der Geschlechter ausreichend zu beschreiben.

Ein Thema, an dem sich die Diskussion des Öfteren entlädt, ist das sogenannte stille Örtchen: Ob nun an der Uni oder im Club – die Probleme mit Männer- und Frauentoiletten sind vielfältig. Wieso das so ist und wo die Meinungen auseinandergehen, greifen Amelie und Lara in einer neuen Portion „Zündstoff“ auf.

Pro: Lasst die Toiletten einen funktionalen Ort sein

Nicht jede*r möchte seine Geschlechteridentität vor Betreten einer Klokabine mit sich ausmachen oder vor jemandem rechtfertigen. Warum dann nicht einfach die Geschlechtertrennung abschaffen? Das würde nicht nur das Inklusionsproblem lösen, sondern auch die Wartezeiten verkürzen. Denn man kennt es: Männer haben durch platzsparende Urinale oft mehr Toilettenmöglichkeiten, obwohl Menstruierende häufiger Toiletten nutzen müssen. Das wird jedoch nicht durch zusätzliche Kabinen oder Unisex-Urinale auf Frauentoiletten kompensiert – wodurch die Frauen Schlange stehen, während die Kabinen auf Männertoiletten leer sind.

Mein Vorschlag: Optimal wäre doch der pragmatische Ansatz, denn das jetzige Toilettensystem ist nicht so effektiv, wie es sein könnte. Lasst uns Toiletten wieder als einen funktionalen Ort sehen, an dem niemandem unnötig Geschlechteridentitäten aufgedrückt werden.

Bei abschließbaren Toilettenkabinen finde ich eine Geschlechtertrennung überflüssig und auch Großraumtoiletten können Unisex funktionieren. Zum Beispiel indem man Kabinen baut, die bis zum Boden und bis zur Decke reichen, Männerurinale hinter einer Sichtwand im hinteren Teil der Toilette installiert und visuell abgetrennte Unisex Urinale anbietet. Mit all dem Platz, den man gewinnt, in dem man aus zwei Toilettenräumen einen großen macht, können zusätzliche Klokabinen für alle geschaffen werden.

Unser langfristiges Ziel sollte es sein, das Zusammenleben der Geschlechter zu normalisieren und nicht zu tabuisieren, sodass alle lernen, respektvoll miteinander umzugehen. Vielleicht können wir also an manchen Orten überlegen, ob die Geschlechtertrennung auf Klos wirklich sinnvoll ist oder bloß Ausgrenzungen ermöglicht und kostbare Zeit verschwendet.

Amelie Bahlert, funky-Jugendreporterin

Contra: Die Toilette kann als Safe Space dienen

Grundsätzlich gefällt mir die Idee, dass das Geschlecht beim Toilettengang irrelevant ist – so sollte es in der Theorie sein, denn hier handelt es sich vor allem um ein menschliches Grundbedürfnis. Dass die Lösung dafür eine Unisex-Toilette ist, bezweifle ich wiederum. Es scheint mir mehr wie ein Abfrühstücken und Beiseiteschieben der eigentlichen Problematik zu sein, da viele Faktoren außen vor gelassen werden und die Komplexität des Themas vergessen wird. Es geht nicht allein um den Toilettengang, denn öffentliche Klos sind viel mehr als das. Für mich sind sie beispielsweise ein Ort des Rückzuges, also eine Art Safe Space.

Nehmen wir mal an, eine Frau möchte ihre Menstruationstasse ausleeren. Sie muss diese im Waschbecken ausspülen und wenn die Becken sich außerhalb der Klokabinen befinden, könnten es alle Menschen, die dieses Klo benutzen dürfen, sehen. Grundsätzlich sollte Periodenblut normal sein, dennoch werden Frauen tagtäglich aufgrund ihrer Periode diskriminiert – vor allem durch Cis-Männer, also Männer, deren biologisches Geschlecht ihrem gesellschaftlichen Geschlecht entspricht, da das Thema Menstruation unter anderem durch die Erziehung und die sekundäre Sozialisation tabuisiert wurde. Frauen müssen also grundsätzlich davon ausgehen, dass sie verurteilt werden. Das ist ein Problem, das definitiv gelöst werden muss – ich bin allerdings nicht davon überzeugt, dass es die Aufgabe der Frauen ist, Cis-Männer so lange mit Periodenprodukten zu konfrontieren, bis sie es als etwas Normales empfinden.

Zusätzlich könnte das Sicherheitsgefühl von Frauen gestört werden. Vor allem in Clubs und Bars, wo Frauen am laufenden Band Belästigung erfahren, kann die Toilette als Rückzugsort dienen.

Doch so, wie es jetzt ist, kann es auch nicht bleiben. Ich als Cis-Frau habe jetzt meinen Safe-Space, aber was ist mit denen, die nicht weiblich gelesen werden, nicht binär sind oder denen aus anderen Gründen der Zugang zu „Frauenklos“ verwehrt wird? Es müssen alle Flinta*-Personen (Anmerkung der Redaktion: Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen) berücksichtigt werden. Hierfür gibt es zwei Lösungen: Eine dritte Toilette für Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen oder zwei Toiletten, wovon eine für alle zugänglich ist, die einen Safe-Space benötigen, während die andere weiterhin für Cis-Männer bestimmt ist. Beide dieser Wege würden die Problematik behandeln, ohne dass andere darunter leiden müssen. Ich verstehe Unisex-Klos als eine Utopie, die erst funktioniert, wenn wir das Patriarchat abgeschafft haben.

Lara Eckstein, funky Jugendreporterin

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