Silbernetz: Generationsübergreifende Freundschaften schließen

Eine junge Frau beim Telefonieren
Telefonfreundschaften mit älteren Menschen können neue Perspektiven eröffnen.

Jeden Mittwoch um Punkt 19 Uhr greift Annabell* zum Telefon, um mit Edith* zu sprechen. Seit mehr als einem Jahr unterhalten sich die beiden Frauen wöchentlich über all das, was ihnen gerade so durch den Kopf geht: politische Entwicklungen, Literatur, den letzten Film im Fernsehen – ganz alltägliche Dinge eben. Das Besondere daran: Zwischen ihnen liegen über 50 Jahre Altersunterschied und persönlich getroffen haben sie sich noch nie.

Die 24-jährige Jura-Studentin und die 77-jährige ehemalige Verkäuferin sind beide Teil des 2016 gegründeten Projektes „Silbernetz“, das ältere Menschen wie Edith dabei unterstützen möchte, ihren Weg aus der sozialen Isolation zu finden. Während der Pandemie brachen viele soziale Kontakte und Freizeitangebote weg, weshalb gerade die zur Hochrisikogruppe gehörenden Seniorinnen und Senioren vermehrt unter Einsamkeit litten.

Unter dem Motto „Einfach mal reden“ begreift sich Silbernetz als ein niedrigschwelliges telefonisches Angebot für ältere Menschen mit Einsamkeitsgefühlen, das unter anderem die strukturelle Lücke zwischen Alt und Jung schließen möchte. Zwischen 8 und 22 Uhr kann hier jeder und jede ab 60 durchklingeln, um ein paar Worte loszuwerden. „Pro Tag erreichen uns über 200 Anrufe. Wir haben aktuell fast 30 hauptamtliche Mitarbeitende, am Telefon und im Büro. Hinzu kommen über 260 Ehrenamtliche, die am Silbertelefon oder als Silbernetz-Freunde für uns tätig sind“, erklärt Celeste Copes, Leiterin des Trägervereins Silbernetz e.V.

Wer Lust auf mehr hat und sich regelmäßig mit derselben Person austauschen möchte, kann sich für eine sogenannte „Silbernetz-Freundschaft“ vermitteln lassen, wie Edith und Annabell sie führen. Silbernetz schaltet zu diesem Zweck eine Leitung, sodass beide Gesprächsteilnehmenden die Möglichkeit haben, anonym zu bleiben. Im Voraus wird anhand einer kurzen Befragung festgestellt, ob die Personen zueinander passen.

Senior*innen können beim niedrigschwelligen Telefonangebot von Silbernetz jederzeit anrufenm um ein paar Worte loszuwerden. © Silbernetz e.V.

„Zu Beginn dachte ich, dass man mehr gibt, als dass man etwas zurückbekommt, aber das Matching hat bei uns wirklich sehr gut funktioniert“, erzählt Annabell. „Edith ist eine unglaublich warmherzige Person, sie interessiert sich auch für mein Leben, fragt immer wieder nach und merkt sich auch Dinge, die ich erzähle.“

Von Einsamkeit bis Tagespolitik

Dennoch hält sich Annabell bei den gemeinsamen Telefonaten eher im Hintergrund, um Edith den Raum zu geben, sich mitzuteilen. „Für mich steht Edith klar im Fokus. Meistens frage ich sie, wie es ihr gerade geht, was sie die Woche über gemacht hat, und dann lasse ich sie einfach erzählen. Wir stoßen dann entweder auf Sachen, die aktuell passiert sind, oder sie fängt an, ein bisschen von früher zu erzählen, von ihrer Arbeit oder von Menschen, mit denen sie viel Zeit verbracht hat. Das finde ich besonders spannend.“

Die Palette an Themen, über die ältere Menschen bei Silbernetz sprechen wollen, ist ebenso groß wie der Gesprächsbedarf. „Das reicht von sehr ernsten und intensiven Themen wie Trauer um einen verstorbenen Partner oder eine verstorbene Partnerin, Krankheiten und den Lebensabend bis hin zu ganz alltäglichen Dingen“, fasst Celeste Copes zusammen. „Es gibt mehrere Anruferinnen und Anrufer, die sich täglich bei uns melden. Eine Anruferin zum Beispiel braucht meist nur ein paar nette Sätze, um in den Tag zu starten. Und manchmal sind es auch lustige Geschichten, die uns erreichen: Unsere älteste Anruferin war 104, sie hat im vierten Stock gelebt und konnte noch alleine die Treppen hochsteigen. Und sie hat sich über ihren 80-jährigen Sohn lustig gemacht, der immer außer Atem oben ankam“, schmunzelt Copes.

Bei Heiratsanträgen ist die Grenze erreicht

Wenig überraschend ist auch: Die Einsamkeit spielt immer wieder eine große Rolle. Auch bei Annabell und Edith klingt das Thema des Öfteren an, wenn auch nur beiläufig im Nebensatz. „Für solche Situationen haben wir von Silbernetz eine Schulung bekommen. Das finde ich sehr hilfreich. Wir hatten ein Seminar, wo uns beigebracht wurde, nicht über solche Situationen hinwegzugehen.“ Statt also mit wenig hilfreichen Ratschlägen wie „Setz dich doch einfach ins Café, dann bist du nicht mehr so einsam“ halbherzig Trost zu spenden, versucht Annabell, Ediths Gefühle aufzufangen und zu spiegeln, ohne ihr gleich Lösungsansätze zu liefern. „Ich höre überwiegend zu und zeige Interesse. Manchmal möchte man einfach nur hören: Das muss schwer sein, ich kann mir vorstellen, dass das traurig macht.“

„Manchmal möchte man einfach nur hören: Das muss schwer sein, ich kann mir vorstellen, dass das traurig macht.“

Annabell

Doch es gibt auch Themen, die über das „Einfach mal reden“ hinausgehen. „Wir sind keine Beratungsstelle und  auch kein Therapieersatz“, betont Celeste Copes. „Wir sind aufmerksam und empathisch und haben einfach ein nettes Wort übrig. Und natürlich bereiten unsere Mitarbeitenden sich in der Schulung auf schwierige Situationen wie Suizidgespräche vor. Wenn wir aber merken, dass Bedarf nach professioneller Beratung besteht, dann geben wir die Nummer der Telefonseelsorge oder des Krisentelefons heraus.“

Auch persönlich müsse man manchmal eine Grenze ziehen: „Einige Kolleginnen haben schon Heiratsanträge bekommen. Aber wir sind keine Partnervermittlung.“

Beide Parteien profitieren vom Austausch

Copes zufolge melden sich vermehrt junge Menschen Anfang zwanzig, die sich regelmäßig mit einer älteren Person austauschen möchten. So viele, dass ein weiterführendes Projekt im Gespräch ist, das gezielt jüngere Menschen mit älteren Menschen in Seniorenheimen zusammenbringen möchte. „Ich höre immer wieder von sehr schönen Begegnungen auf Augenhöhe, trotz des Altersunterschiedes. Ich glaube, dass junge Menschen auch sehr von der Lebenserfahrung und Resilienz der Älteren profitieren können“, so Copes. „Gerade in unsicheren Zeiten kann eine zuversichtliche Sicht auf die Dinge Mut machen.“

Ein anderer Blickwinkel schadet nie – und eine ordentliche Portion Lebenserfahrung sicher auch nicht. „Ich bewundere Edith dafür, dass sie so ein positiver Mensch ist“, erklärt Annabell. „Manchmal erzählt sie natürlich von Sachen, die nicht so gut gelaufen sind. Aber dann fängt sie das immer wieder auf und ergänzt, was dafür gut läuft.“

Annabell versucht, sich die kleinen Weisheiten und Tipps, die sie von Edith bekommt, zu merken. „Ich denke häufig noch in der darauffolgenden Woche daran, was sie mir mit auf den Weg gibt. Das wirkt nach. Und ich habe schon das Gefühl, dass da inzwischen eine richtige telefonische Freundschaft draus geworden ist. Ich denke, das sieht Edith genauso.“

*Namen von der Redaktion geändert

Wer nun selbst Lust bekommen hat, bei  Silbernetz mitzumachen, findet Hier weitere Infos!

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