Meinung

Instagramstories aus dem Jahre 1942: Projekt erinnert an Sophie Scholl

Sophie Scholl
Hans Scholl (Max Hubacher), Sophie Scholl (Luna Wedler) und Alexander Schmorell (David Hugo Schmitz) besprechen die Flugblattproduktion im Atelier in einer Szene aus der Instagram-Serie @ichbinsophiescholl.

Geschichtsunterricht ist langweilig? Ein Instagram-Projekt des SWR und BR beweist das Gegenteil. Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl macht der Account @ichbinsophiescholl auf das Leben und Wirken der Widerstandskämpferin aufmerksam.

Michelle Müller, funky-Jugendreporterin

Von der Person Sophie Scholl, ihrem Engagement in der Widerstandsbewegung der Weißen Rose und der legendären Flugblattaktion in der Münchener Universität im Februar 1943 hat wohl jeder schon einmal im Geschichtsunterricht gelesen. Nicht immer gelingt es Lehrerinnen und Lehrern jedoch, das Leben der Widerstandskämpferin und ihren Protest gegen das Nazi-Regime auch authentisch und für Schülerinnen und Schüler spannend zu vermitteln. Ändern soll das nun das Instagram-Projekt @ichbinsophiescholl des SWR und BR anlässlich Scholls 100. Geburtstags.

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Die Idee hinter dem Account: das Leben der Widerstandskämpferin aus den Geschichtsbüchern in das Jahr 2021 zu bringen. Und das funktioniert so: Junge Menschen können über Instagram an dem wichtigsten Lebensabschnitt der Widerstandskämpferin teilhaben, als wären sie selbst dabei gewesen. Zu diesem Zweck schlüpft die Schauspielerin Luna Wedler in die Rolle von Sophie Scholl und nimmt die Follower*innen mit auf eine Reise in das nationalsozialistische Deutschland der 40er-Jahre. Durch Foto- und Videobeiträge gewährt sie nun über zehn Monate hinweg täglich rekonstruierte Einblicke in das Leben und den Alltag von Sophie Scholl, die authentisch wirken sollen. Grundlage für diese Beiträge sind die Tagebücher und Aufzeichnungen von Sophie Scholl ab dem Jahr 1937.

Eine virtuelle Tagebuchreise von 1942 bis 1943

Wedler beziehungsweise Scholl beginnt ihr fiktives, virtuelles Tagebuch im Mai 1942 – mit dem Aufbruch nach München, wo sie ihr Studium der Philosophie und Biologie aufnimmt. Auch das Ende der Reise in die Vergangenheit steht bereits fest. Im Februar 1943 wird die Widerstandskämpferin nach der Flugblattaktion, mit der sie zum Widerstand gegen das Regime aufruft, verhaftet. Der traurige Ausgang ihrer Geschichte ist bekannt.

Mit dem Projekt wollen SWR und BR den Geschichtsunterricht lebendig machen. An der spannenden Rekapitulation dieser Zeit dürfen daher alle interessierten Instagramnutzer*innen teilhaben, die dem Instagramkanal @ichbinsophiescholl folgen. Mittlerweile sind es sogar schon über 900.000. Sophie berichtet hier etwa über die aufregende Zeit mit Studienkolleg*innen, die sie über ihren Bruder Hans kennenlernt und durch die sie schließlich zum aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus findet.

Aber die junge Frau lässt ihre Follower*innen auch an ihrem Gefühlschaos teilhaben, denn Sophies Freund Fritz, den sie nur selten sieht, ist Soldat der Wehrmacht. Die Zuschauer*innen können auch selbst mit Sophie in Kontakt treten, indem sie auf die Kommentare unter den Posts reagieren, an Sophies Umfragen teilnehmen oder Sophie an ihrem ersten Unitag Tipps gegen die Aufregung geben. So entsteht ein Austausch zwischen den Zuschauer*innen, aber auch mit Sophie selbst. Jeden Sonntag postet sie einen Rückblick der Woche in Form eines IGTV-Videos.

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Sophie Scholls Leben greifbar für junge Menschen machen

Authentizität soll also großgeschrieben werden – was natürlich allein durch das Format, in dem das Ganze stattfindet, etwas problematisch wird. Dennoch sorgen Elemente wie der „Heil Hitler“-Gruß in einem der Videos, als der Schaffner im Zug die Fahrgäste begrüßt, für Einblicke in die Lebensrealität von Sophie Scholl. Und auch Sophies persönliche Empfindungen über ihr Umfeld vermittelt der Kanal den Zuschauern – beispielsweise in Form von selbst aufgenommenen Videos, in denen Sophie ihr Misstrauen gegenüber den Aktivitäten ihres Bruders Hans anklingen lässt oder betont, wie sehr sie ihren Freund vermisst. Dadurch sollen sich vor allem junge Leute besser in die Lage der Widerstandskämpferin hineinversetzen und sich vorstellen, wie das damalige Leben in der NS-Zeit ablief.

Lehrreich wird das Format auch dadurch, dass Sophie verbotene Bücher oder die Hakenkreuze in ihrer Universität filmt. Die entsprechenden Kulissen wirken realistisch, teilweise werden sogar Originalzeichnungen der Sophie Scholl gezeigt, die ihre künstlerisch-kreative Seite offenbaren. Natürlich dient Sophie auch als Vorbild, da sie sich mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit gegen die Unterdrückung gestellt hat. Sie soll damit auch in den Köpfen junger Leute lebendig bleiben.

Das außergewöhnliche Instagramformat vermittelt politisches und historisches Wissen mit der richtigen Portion Spannung, da man sich jeden Tag auf einen neuen Beitrag freuen kann und sogar selbst Kommentare verfassen darf. Inwiefern mit der fiktionalisierten Instagram-Sophie Authentizität und ungefilterte Perspektiven vermittelt werden, was Ziel des Projekts ist, ist fraglich. Dennoch wird den Schüler*innen auf erfrischend andere Art und Weise Wissen vermittelt. Eine Idee, auf die man erst einmal kommen muss.

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