Interview

Sportreporter Patrick Berger: „Die Chemie der Nationalmannschaft ist wirklich gut“

Jogi Löw feuert seine EM-Nationalmannschaft an
Jogi Löw feuert beim Abschlusstraining seine National-Elf an.

Am Dienstag startete die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in die Europameisterschaft 2021. Im ersten Gruppenspiel der Gruppe F traf sie (eher weniger erfolgreich) auf den amtierenden Weltmeister Frankreich.

Nick Lindenau, funky-Jugendreporter

Die EM 2021, die aufgrund der Pandemie um ein Jahr verschoben werden musste, verspricht spannend zu werden. Wie die Vorbereitungen im Trainingslager in Seefeld (Österreich) liefen, welche Chancen die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM haben könnte, welche Nationen heiße Kandidaten für den Titel sind und wie es mit der Nationalmannschaft nach der EM unter dem neuen Bundestrainer Hansi Flick weiter gehen wird, darüber haben wir mit dem SPORT1-Chefreporter und Experten Patrick Berger gesprochen. Er war im Trainingslager in Seefeld dabei und kann die Stimmung der Mannschaft und die Möglichkeiten bei dieser EM einordnen.

Lieber Patrick, du warst ja im Trainingslager der deutschen Mannschaft in Seefeld dabei. Was sind deine persönlichen Eindrücke von der Mannschaft? Wie ist die Stimmung dort und wie laufen die Einheiten im Training?
Die Stimmung der Mannschaft ist wirklich sehr gut. Es hat natürlich auch was hergemacht, dass man nach Seefeld geflogen ist und das Wetter da sehr gut war. Das klingt so banal, aber es war erst Regen angesagt. Man muss sagen, dass die teaminterne Chemie wirklich gut ist, fast schon zu gut. Die Jungs machen sehr viel zusammen, ich habe mit dem ein oder anderen Spieler gesprochen, die gesagt haben, dass sie nach dem Mittagessen gar nicht auf die Zimmer wollen, sondern gesellig in der Gruppe bleiben und Karten, Poker oder Billard spielen wollen. Im Vergleich zu 2018, als es zwei verschiedene Lager und viele vereinzelte Grüppchen gab, ist das ein positiver Unterschied. Die ersten Tage waren erstmal dazu da, dass die Mannschaft zueinander findet, auch auf anderer Ebene miteinander harmoniert. Dann ging es auch schon an die Feinarbeit. Es gab drei Schwerpunkte, die Jogi Löw sehen wollte. Zum einen waren das die Standards, da wurde wirklich sehr intensiv geübt: Wie verhalte ich mich als Verteidiger? Wie ist die Raumaufteilung als offensive Spieler? Dann wurde sehr akribisch defensiv gearbeitet, denn das war Löw in den letzten Monaten ein Dorn im Auge, sprich, dass viel zu viele Gegentore kassiert wurden. Dann ging es noch um die Offensive und den Torabschluss, weil man vor dem Tor einfach kaltschnäuziger sein muss. Das waren die Hauptpunkte, die in Seefeld bearbeitet wurden.

Die Jungs machen sehr viel zusammen.

Patrick Berger über die Dynamik der Mannschaft

Kommen wir zur Personalie des Rechtsverteidiger. Gegen Lettland hat man ja mit einer 3er-Kette begonnen. Jetzt hat Jogi Löw mit Günther, Halstenberg und Gosens drei Linksverteidiger mitgenommen und als gelernten Rechtsverteidiger nur Klostermann dabei. Wenn wir jetzt gleich noch auf das Mittelfeld schauen: Glaubst du, Löw plant auch damit, dass eventuell ein Joshua Kimmich wieder auf seiner alten Position zum Einsatz kommen könnte?
Ja, das glaube ich schon. Wenn er diese 5-er oder 3-er Kette, die ja dann zu einer 5-er Kette wird, wirklich mit ins Spiel nimmt – und das klingt schon wirklich sehr deutlich durch – dann hätte man drei Innenverteidiger. Löw hat sein System gegenüber Kritikern auch sehr stark verteidigt. Deswegen gehe ich davon aus, dass Joshua Kimmich hinten rechts verteidigen wird. Das ist sozusagen das Opfer, das er bringen muss, weil man eben ein Überangebot im Mittelfeld hat. Von Lukas Klostermann kam nach meinem Empfinden ein bisschen zu wenig. Dann hat er sich auch noch zu allem Überfluss am Knie verletzt und hat so eine leichte Blessur davongetragen. Die Erkenntnis, die daraus reift, ist, dass Kimmich, auch wenn er nicht der größte Fan dieser Position ist, das hinten rechts machen wird.

Ich habe ein bisschen recherchiert und deine EM-Wunschelf vom 02.04 gefunden. Ich denke, es ist ja ein bisschen Zeit vergangen und du verfolgst die Spieler gerade aktuell im Trainingslager. Hat sich diesbezüglich etwas an deiner Aufstellung geändert, beispielsweise weil der FC Chelsea die Champions League gewonnen hat und ein Kai Havertz immer mehr in den Fokus rückt?

Patrick Bergers alte Aufstellung (4-2-3-1):
Tor: Neuer
Abwehr: Can, Hummels, Rüdiger, Kimmich
Defensives Mittelfeld: Kroos, Gündogan
Offensives Mittelfeld: Gnabry, Goretzka, Müller,
Sturm: Werner

Ich habe mir die Elf lustigerweise heute nochmal angeschaut und evaluiert, wie falsch oder wie gut ich da lag. Ich muss tatsächlich sagen, in manchen Punkten lag ich falsch – deswegen war diese Vorbereitung auch nochmal gut, um ein bisschen was zu sehen. Ich hatte damals Robin Gosens nicht eingesetzt. Das war ein Fehler, davon würde ich jetzt abweichen, denn der hat mich in den Trainingseinheiten und den Spielen wirklich sehr überzeugt. Das ist auch einfach ein top Charakter, ein super Typ, der uns Reportern in den Pressekonferenzen auch Spaß macht. Er bringt die Leistung und schaltet sich in der Offensive sehr gut ein und fordert die Bälle. Also den würde ich hinten links einsetzen, da hätte ich vorher den Emre Can gesehen. Hinten rechts würde ich bei Kimmich bleiben. Das wird auch passieren, denke ich. Und vorne habe ich Timo Werner die Chance gegeben, statt Kai Havertz. Das würde ich glaube ich inzwischen auch ändern, weil Kai Havertz jetzt schlichtweg mit so viel Selbstvertrauen spielt, das Final-Tor geschossen hat und er der Spieler sein kann, der den Unterschied machen kann, das hat man auch im Test gegen Lettland gesehen. Also Havertz würde ich von Anfang an bringen und Timo Werner dann eher als Joker. Aber bei mir bleibt Leroy Sane trotzdem auf der Bank, das war vorher auch der Fall. Da kommt für mich einfach zu wenig, aber er kann dann trotzdem jemand sein, der dann auch in der 70. Minute eingewechselt wird und dann auch für einen Überraschungsmoment sorgt.

Patrick Bergers neue Aufstellung (4-2-3-1):
Tor: Neuer
Abwehr: Gosens, Hummels, Rüdiger, Kimmich
Defensives Mittelfeld: Kroos, Gündogan
Offensives Mittelfeld: Gnabry, Goretzka, Müller
Sturm: Havertz

Schauen wir einmal auf die Gruppe F. Wie wird diese am Ende aussehen, und wer hat die Nase dort vorne?
Ich glaube das Frankreich auf jeden Fall der Top-Favorit in dieser Gruppe ist. Für mich ist Frankreich auch der Top-Favorit für den Titel. Da kann man einfach eine unglaubliche Offensive beobachten. Da ist natürlich die Frage, inwiefern die Rückholaktion von Benzema, der ja auch immer mal wieder im Klinsch mit Giroud liegt, sinnvoll ist und ob sich die Mannschaft dann auch wirklich versteht oder zerfleischt. Wie die Harmonie im Team ist, wird da ganz entscheidend sein. Aber klar – das ist die stärkste Mannschaft in dieser Gruppe. Die setze ich auf Position eins, und dann werden Deutschland und Portugal den zweiten Platz unter sich ausmachen. Ich hoffe natürlich, dass es am Ende die Deutschen sind.

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Wie weit kommt die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM?
An manchen Stellen wird mir die Mannschaft dann auch ein bisschen zu schlecht gemacht, vor allem in der Offensive. Das ist eine Top-Mannschaft. Klar, man hatte diesen Ausrutscher im Jahr 2018, der hoffentlich auch nur ein Ausrutscher bleibt. Aber in dieser Mannschaft sind Spieler, die standen in den vergangenen Jahren im Halbfinale der Champions League, im Finale der Champions League, die haben die Champions League gewonnen. Da stehen Weltmeister auf dem Platz. Ich glaube, dass für die deutsche Mannschaft zumindest das Viertfinale möglich ist, wenn nicht sogar das Halbfinale.

Bei dieser EM dürfen 26 Spieler in einem Kader mitgenommen werden, aber bei jedem Spiel müssen aufgrund der aktuellen Corona-Situation drei Spieler auf die Tribüne und dürfen nicht am Spiel teilnehmen. Findest du dieses Konzept gut oder würdest du lieber mit 23 Spielern in die EM gehen?
Also grundsätzlich ist dieses System mit 23 Spielern, also 20 plus drei Torhüter, schon gut und ordentlich. In dieser besonderen Situation mit Corona halte ich das schon für sinnvoll. Die einzige Sache ist: Es wird eine große Aufgabe sein, das zu moderieren. Dass da drei Spieler, die natürlich alle Stammspieler in ihren Vereinen sind, auf die Tribüne müssen. Egal, ob das dann am Ende Günther ist, ob das ein Volland ist oder ob das ein Jonas Hofmann ist, der eine riesige Saison gespielt hat. Da wird am Ende natürlich jemand enttäuscht sein. Und genau da liegt die große Hürde: Das zu moderieren und den Spielern dennoch das Gefühl zu geben, dass sie unfassbar wichtig sind.

Für mich ist Frankreich der Top-Favorit für den Titel.

Patrick Berger über den Ausgang der EM

Hansi Flick übernimmt nach der EM das Amt von Joachim Löw. Was für einen Umbruch wird es dann geben?
Ich glaube schon, dass sich da etwas verändern wird. Ich glaube nicht, dass Flick alles auf den Kopf stellen wird, aber ich könnte mir vorstellen, das steht und fällt damit, in welchen Verein Jerome Boateng wechselt. Ich glaube, es gibt durchaus eine kleine Möglichkeit für Jerome Boateng, in die Mannschaft zurückzukehren, weil Hansi Flick sehr hervorgehoben hat, wie sehr er es bedauert, dass Boateng nicht im EM-Kader ist. Ansonsten können auch junge Spieler wie Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Riedle Baku von Hansi Flick profitieren und er wird womöglich auch die ein oder andere Änderung im Trainer-Team vornehmen. Macht Marcus Sorg weiter, holt er vielleicht Danny Röhl vom FC Bayern mit als Co-Trainer ins Boot? Wird er weiterhin mit Andi Köpke arbeiten? Da wird es die eine oder andere Veränderung geben. 

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