Interview

„Können bringt nichts, nur Drama“ – Die ehemalige GNTM-Teilnehmerin Katharina im Interview

„Ich habe heute leider kein Foto für dich!“ Mit diesem Satz hat Jurorin Heidi Klum bei der Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ schon einige Modelträume zum Platzen gebracht. Seit mittlerweile 15 Jahren kürt sie Jahr für Jahr aus tausenden Bewerberinnen Deutschlands nächstes Topmodel – so richtig durchstarten konnten auf internationalen Laufstegen bisher allerdings nur wenige von ihnen. Die jungen Teilnehmerinnen bekommen keine Garantie, auch nach der Show auf Laufstegen und Magazincovern zu landen. Katharina Wandrowsky (23) hat 2015 den vierten Platz bei GNTM belegt. Im Interview erzählt sie, warum eine Modelkarriere durch GNTM unwahrscheinlicher wird, der eigene Charakter entscheidend ist und wie sich nun, Jahre später, ihr Blick auf das Format verändert hat.
Knut Löbe, funky-Jugendreporter

Du warst 2015 bei Germany’s Next Topmodel dabei. Wie blickst du heute auf die Zeit zurück?
Ich bin froh, dass ich mitgemacht habe. Es war mit die beste Zeit, die ich bisher hatte. Es hat mir einfach sehr viel Spaß gemacht. Ich finde es allerdings schade, was man am Ende daraus gemacht hat, also was den Zuschauern gezeigt wurde. Insgesamt aber hatte ich unglaubliche Erlebnisse.

Die vielen Auslandsaufenthalte und das Leben in der Modelvilla sehen für Zuschauer*innen sehr aufregend aus.
Ja, aber auch das stellt man sich immer besser vor, als es dann wirklich ist. Du siehst im Ausland nichts, denn du verbringst die meiste Zeit entweder im Auto oder dort, wo du untergebracht bist. Du kannst also nicht einfach herumlaufen und alles entdecken. Das vergessen, glaube ich, viele, die auch gerne bei der Castingshow mitmachen würden.

Wie ging es nach der Show für dich weiter?
Ich war in der Modelagentur von Günter Klum, dem Vater von Heidi Klum. Da wurde man quasi so ein bisschen festgehalten. Nach der Show hast du es auf jeden Fall schon schwieriger als Model. Für meine Hochschulreife habe ich nach GNTM ein einjähriges Praktikum im Theater gemacht. Nebenbei habe ich weiter gemodelt und eine neue Agentur gefunden, der ich ein Jahr Zeit gegeben habe, meinen Ruf wieder neu aufzubauen. Das hat sich als schwieriger herausgestellt als gedacht. Ich war zwar für drei Monate als Model in Madrid, habe dann aber vor zweieinhalb Jahren mein duales Studium im Gesundheitsmanagement angefangen. Meine Agentur und ich haben gesehen, dass mir da die Zeit zum Modeln einfach fehlt und haben die Zusammenarbeit beendet. Heutzutage modele ich deshalb nur noch über Kontakte, Instagram und eine vegane Agentur.

Wie kann man sich als Zuschauer*in die Welt in dieser Castingshow vorstellen?
Ich würde schon sagen, dass 75 Prozent echt sind. Die Kandidatinnen werden eher nach Charakter ausgesucht. Klar, das Aussehen sollte auch einigermaßen stimmen, aber in so einer Show soll nun auch mal etwas passieren. Also kommen viele verschiedene Charaktere zusammen. Es braucht vor allem welche, die provozieren können. Sieht man einen Streit, ist der auch wirklich echt. Ich muss sagen, dass ich überrascht war, was es für unterschiedliche Charaktere gibt. Vor meiner Teilnahme dachte ich, so etwas wird extra für die Show produziert. In meiner Staffel musste man allerdings nichts extra nachstellen. Das war da schon Realität. Natürlich wurde auch bei uns einiges zusammengeschnitten, sodass der Streit noch mal anders dargestellt wurde. In meiner Staffel gab es aber immer Stress.

Und welche Charakterrolle solltest du erfüllen?
Sagen wir es mal so: Ich glaube, die hatten es mit mir wirklich schwer. Beim Vorcasting hatte ich erzählt, dass ich schon mal gemodelt habe und auf der Fashion Week gelaufen bin. Das wollten sie bei mir herauskitzeln und ich sollte meine Modelerfahrung vor der Kamera immer wieder betonen. Ich glaube, sie haben gehofft, dass ich ein bisschen arroganter und von mir eingenommen wäre. Dem war aber gar nicht so. Viel geht also von der Produktion aus. Die stellen die Fashion Week als großes Ding dar, als ob dort nur Topmodels auf den Laufstegen laufen würden. Die Fashion Week ist aber eher für Newcomer-Models, um ein bisschen bekannter zu werden. Da ist es eher eine Ehre, für den Designer zu laufen, als andersherum. Ich glaube, ich wurde viele Runden weitergeschickt, weil gehofft wurde, dass ich meine Rolle irgendwann noch erfülle. Und ich hatte auch das Glück, dass die beiden Juroren Thomas und Wolfgang mich super fanden und ich gut mit den Fotografen klargekommen bin.

Baut man über die Zeit ein persönliches Verhältnis zu der Jury auf?
Nein, eher mit den Leuten drum herum. Mit Heidi Klum wirklich gar nicht. Bei ihr war es wirklich so, dass die Kameras auf sie gewartet haben und sie dann ihren Text gesprochen hat. Dann ist sie auch schon wieder gegangen. Ich habe abseits der Kameras vielleicht einmal einen Satz mit ihr gewechselt.

Hast du dir das vorher anders vorgestellt?
Ich habe mir tatsächlich vorab gar nicht so viele Gedanken gemacht. Aber ich glaube tatsächlich schon. Die Juroren Wolfgang und Thomas kamen manchmal beim Catering vorbei und haben uns gefragt, wie es uns so geht, aber auch das war immer nur flüchtig. Ich muss auch sagen, dass ich nicht immer wusste, ob ich denen vertrauen kann. Denn auch die Juroren sind ja alle in ihrer Rolle.

Du warst erst 18 Jahre alt bei deiner Teilnahme. Was würdest du jungen Frauen raten, im Hinblick auf deine persönliche GNTM- Erfahrung?
Also zunächst einmal sollten alle, die an so einer Show teilnehmen, wissen, was sie damit erreichen wollen und warum sie das überhaupt machen. Dafür braucht man auf jeden Fall ein starkes Selbstbewusstsein, keine Selbstzweifel und gute Freunde. Mir war es zwar nicht egal, was da ausgestrahlt wird, aber was andere von mir denken schon. Ich war einfach ich selbst und wusste, dass meine Freunde wissen, wie ich wirklich bin. Bei meiner damaligen Modelagentur war allerdings niemand von meiner Idee begeistert. Mir wurde von Anfang an gesagt, geh bloß nicht zu Topmodel. Ich dachte, das liegt einfach an der Art, wie man dort dargestellt wird. Deshalb habe ich darauf geachtet, was ich sage, damit man es später nicht so zusammenschneiden konnte, dass ich voll die Zicke bin. Ich wollte also mit Können überzeugen. Dann wird man aber einfach gar nicht gezeigt. Können bringt nichts, nur Drama.

Wenn man nur mit Können überzeugen will, wird man nicht gezeigt. Wird man dadurch für die Jury uninteressant?
Ja, auf jeden Fall. Das sage ich immer so selbstbewusst, aber das ist halt wirklich so. Während der Staffel wurde ich regelmäßig interviewt an den Interviewtagen. Eine Redakteurin hat immer mal wieder gesagt: „Sag doch einfach mal, was du wirklich denkst.“ Manchmal waren da auch echt dumme Fragen dabei, auf die ich gar nicht antworten konnte. Ich sollte zum Beispiel meine Meinung zu einem Fotoshooting einer anderen Kandidatin abgeben, obwohl ich selber gar nicht dabei gewesen bin. Was sollte ich jetzt dazu sagen? Ich habe da keine großen Emotionen gezeigt und auch nicht gelästert. Im Vorfeld hatte ich mir vorgenommen, dass ich auf keinen Fall lästern werde. Ich Nachhinein bereue ich das ein bisschen. Das hört sich so gemein an, aber manche hätten es verdient. Da gab es schon zwei Charaktere, wo ich heute denke, das kann nicht deren Ernst gewesen sein. Ich frage mich, ob ich da noch genauso reagieren würde, wenn es nochmal ein Wiedersehen mit den gleichen Personen gäbe. Ich war einfach noch sehr jung und wusste nicht, was alles vor der Kamera über mich erzählt und gesagt wird.

Wie denkst du Jahre später über den schnellen Weg in die Öffentlichkeit?
Ich habe es genossen. Aber ich glaube, das lag auch daran, dass ich irgendwie ein bisschen gefestigter und bodenständig bin. Ich mochte das total gerne. Das war auch der Grund, warum ich zu GNTM gegangen bin, weil es im normalen Modelleben nur von Casting zu Casting geht. Der Höhepunkt ist dann immer der Job. Hast du diesen Job gemacht, fängt es wieder von vorne an. Bei der Show wusste ich, dass ich die ganze Zeit die Kamera um mich herum haben werde und weniger dafür tun muss. Außerdem lernt man auch gute Kunden kennen.

Wirst du heute noch viel erkannt?
Viel seltener. Ich habe ja auch jetzt schon einige Phasen des Umstylings hinter mir und es ist schon länger her. Leute, die GNTM damals geschaut haben, erkennen mich aber manchmal noch. Aber nicht so wie damals. Zu der Zeit habe ich im Einzelhandel bei Abercrombie & Fitch gearbeitet. Da haben sich richtige Schwärme um mich gesammelt und ich musste immer und immer wieder alles erzählen. Zum Glück durfte ich das vom Arbeitgeber aus. Ich wusste schon, wen ich auf der Straße angucken durfte, und wen nicht, damit ich nicht angesprochen werde. Ich hätte allerdings nicht erwartet, dass das so heftig wird, weil ich bis zur viertletzten Folge kaum gezeigt wurde. Ich komme eigentlich aus einer Kleinstadt, da bin ich – in Anführungszeichen – immer noch prominent und jeder kennt meinen Namen. Ich habe da kein Problem mit. Insgesamt habe ich es genossen und finde es schade, dass alles so schnell wieder vorbei war.

Hast du in der Zeit Erwartungsdruck verspürt?

Bei der Show selbst habe ich mich wirklich gar nicht unter Druck gesetzt gefühlt. Ich habe das nicht als Konkurrenzkampf gesehen, sondern als Erfahrung und Abenteuer. Ich glaube, das ist auch für die Seele das Beste. Ich wusste auch nie, was man hätte besser oder schlechter machen können, gerade bei den Fotoshootings. Danach war Instagram aber definitiv ein Stressfaktor, weil ich, was das angeht, wirklich sehr schlecht bin. Im Jahr 2015 hatte Instagram seinen krassen Durchbruch. Eigentlich müsste man nach GNTM richtig mit den Followern interagieren und am besten jeden Tag ein Bild posten. Ich wusste aber gar nicht, woher ich die Bilder und Stories nehmen sollte. Ich habe da Bilder hochgeladen, die sahen so schlimm aus. Meine Mutter hat die Bilder gemacht, also habe ich meistens einfach die genommen, die scharf waren. Wenn ich dann mit Freunden unterwegs war, wollte ich lieber Zeit mit ihnen verbringen und nicht mit meinem Handy. Es ist halt wirklich ein Job! Ich hätte nicht gedacht, dass das solche starken Auswirkungen hat. Bei mir hat zu der Zeit wirklich mal jemand kommentiert: „Wow, das Finale ist vorbei und du hast seit einem Monat nichts gepostet.“

Würdest du das rückblickend anders machen, wo du jetzt weißt, wie wichtig Instagram sein kann?
Auf jeden Fall. Ich wüsste zwar auch immer noch nicht zu 100 Prozent, was für Content ich hochladen würde – ich hätte aber wahrscheinlich auch nicht das Leben, das ich gerade führe. Meinen alten Instagram-Account habe ich stillgelegt. Ich hatte irgendwie etwas anderes damit vor. Ich wollte lieber auf die Themen Nachhaltigkeit und Veganismus aufmerksam machen. Es gibt zwar jetzt so langsam echt viele, die so etwas machen, aber sie holen nur die eine Menschengruppe ab und nicht den großen Teil der Konsumgesellschaft.

Instagram ist für viele Models ein zweites Standbein. Wie wichtig ist eine Absicherung in diesem Geschäft?
Nach GNTM ist dein Gesicht verbraucht. Das ist auch das Problem, warum ich danach nicht mehr so richtig modeln konnte. Deshalb switchen die meisten zu Instagram. Die richtige Modebranche möchte keine verbrauchten Gesichter haben, sondern neue Gesichter bekannt machen. Designer wollen nicht, dass Models von ihrer Kleidung oder Produkten ablenken. Sie wollen ein Gesicht für ihre Modemarke und nicht das Gesicht von „Germany’s Next Topmodel“. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass man ein zweites Standbein hat. In der Modebranche weißt du nie, wie es läuft. Momentan haben es Models wirklich schwer, weil nicht wirklich geshootet werden kann. Ein Gesicht kann erfolgreich sein, ist dann manchmal aber auch in der nächsten Saison schon wieder out. Wenn du älter als 28 bist, dann wird es eh schwierig – gerade für Frauen. Wenn man dann kein zweites Standbein hat, was macht man dann?

Findest du, man trägt als Influencer*in eine besondere Verantwortung?
Ja, auf jeden Fall. Das merke ich selbst, wenn ich mit Freunden über Influencer und deren Produkte rede. Man holt sich Inspiration und versucht diese in das eigene Leben zu integrieren. Man folgt nun mal denen, die man gut findet. Da haben Influencer auf jeden Fall eine Vorbildfunktion. Daher finde ich es manchmal kritisch, dass viele von ihnen Schönheitsoperationen machen und am Ende alle gleich aussehen. Jeder soll mit dem eigenen Körper machen, was er will, aber das ist überhaupt nicht mehr individuell. Vor allem sind sie ja schon schön. Warum lassen sie sich dann die gleiche Nase oder Lippen kopieren?

Für die aktuelle Staffel hat Heidi Klum mehr „Diversity“ versprochen. Heidi Klum wirft laut eigener Aussage alle Schönheitsideale über Bord. Die Kritik: Diversität nur für die Quote und eine unveränderte Reduzierung auf den Körper und das Aussehen. Wie stehst du dazu?
Ich glaube, dass GNTM einfach dem Trend folgen möchte. Sonst hätte man dieses Konzept nicht erst jetzt eingeführt, sondern schon vorher. Ich finde die Idee an sich nicht schlecht. Manchmal frage ich mich dann aber, was ein Model noch ausmacht? Man wird eben meistens nur auf das Äußere reduziert und wie man vor der Kamera agiert. Schlussendlich muss die Kleidung sitzen. Andererseits geht der Trend dorthin, dass man mehr Unterschiede in der Modebranche sieht. Die Kleidung ist nun mal für die Menschen gemacht und die Mehrheit sieht nun mal anders aus als die Models auf den Laufstegen. Da braucht es schon eine Veränderung!

Wieso schließen sich Feminismus und das Modelbusiness deiner Meinung nach nicht aus?
Es kommt da wieder darauf an, was man selbst daraus macht. Wenn man sich tatsächlich nur auf den eigenen Körper fixiert, dann schließt es sich auf jeden Fall aus. Wenn man aber die eigene Meinung teilt und neue Kontakte schließt, um für seine Lebenserfahrung etwas mitzunehmen, dann spricht es eigentlich nur dafür.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.