Newcomer-Sängerin Mxmtoon: „Ich bin wesentlich gewagter geworden“

Auf Spotify hat Mxmtoon inzwischen über fünf Millionen monatliche Hörer.
Dass das Popgenre nicht nur aus soften Beats und Liebesliedern besteht, stellt die US-amerikanische Sängerin Mxmtoon unter Beweis. Die 19-jährige wurde nach eigener Aussage mit ihren kontrastreichen und ehrlichen Songs „aus Versehen“ berühmt. Wie es dazu kam und warum es manchmal wichtig ist, nicht jede Emotion zu teilen, erzählt sie im Interview.

Inzwischen hast du dir einen Namen als Sängerin gemacht. Angefangen hast du aber mit dem Zeichnen von Cartoons. Was ist einfacher: Sich durch Zeichnungen oder die Musik auszudrücken?
Wenn du zeichnest, hast du nicht die Möglichkeit, dich klar auszudrücken. Das ist bei der Musik natürlich einfacher, weil du genau das sagen kannst, was du auch fühlst. Worte zu verwenden ist für mich der einfachere Weg, Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Deine Erfolge hast du zunächst geheimgehalten und erst später deiner Familie erzählt. Warum?
Meine Eltern sind beide Lehrer. Eine wichtige Regel war immer: Pass auf, was du online von dir veröffentlichst. Meine Eltern haben auch regelmäßig unsere Namen gegoogelt und geprüft, was online über mich und meinen Bruder zu finden war. Und da ich unter dem Pseudonym „Mxmtoon“ Musik gemacht habe, haben sie mich nicht gefunden. Deswegen hatte ich auch wirklich Angst, es ihnen zu erzählen. Ich fürchtete, dass sie denken würden: Ernsthaft, nach all den Jahren, in denen wir dir beigebracht haben, nichts online zu stellen? Ich hatte auch Angst, dass sie es mir kaputtmachen würden. Als es dann aber immer mehr Klicks wurden, konnte ich es irgendwann nicht mehr verstecken.

Glaubst du, es ist im Allgemeinen besser, gewisse Dinge für sich zu behalten? Also beispielsweise auch sein Liebesleben nicht in die Öffentlichkeit zu tragen?
Das kommt immer auf die Person an. Ich für meinen Teil poste gerne meine Gedankengänge. Das kann natürlich gut und schlecht zugleich sein, da man viel von sich preisgibt. Mir ist es auch wichtig, am Ende des Tages etwas Privatsphäre für mich aufzusparen. Andererseits halte ich es für sehr wichtig, seinen Supportern gegenüber offen und ehrlich zu sein. Da sollte es aber auch immer eine Grenze geben.

Die eigene Persönlichkeit ist ein großer Teil der Musik. Auch wird nicht mehr so stark die Kunstfigur von der eigenen Persönlichkeit getrennt, wie es früher mal der Fall war

Mxmtoon über Künstlerleben

Es erweckt den Anschein als wärst du „aus Versehen“ berühmt geworden. Davor hattest du eigentlich andere Pläne, zum Beispiel Architektur zu studieren. War es überhaupt dein Plan, Musikerin zu werden?
Ich hatte einfach viel Glück. Wenn es um meine Karriere als Sängerin geht, glaube ich tatsächlich, dass es „aus Versehen“ passiert ist. Es war aber auch der unausgesprochene Traum, der immer irgendwie in meinem Hinterkopf herumgeisterte. Aber ich habe mich nie getraut, anderen Menschen davon zu erzählen. Ich hatte das Gefühl, wenn ich es laut ausspreche, würde es nicht wahr werden. Mit Musik Geld zu verdienen war wirklich nie geplant.

Würdest du sagen, dass der Erfolg, der folgte, auch der Grund ist, weshalb der Beruf der Musikerin für dich zur Option wurde?
Ich hatte nie das Gefühl, dass meine Karriere als Sängerin langfristig standhalten würde. Der Moment, wo es wirklich Klick gemacht hat, war, als ich die erste Show als Headlinerin gespielt habe. Es hat schon etwas gedauert, bis ich verstanden habe, dass es echte Menschen sind, die meine Musik hören. Die Live-Shows haben mir dann das Gefühl gegeben, dass ich das gerne mache und auch – zumindest für einen Abschnitt meines Lebens – weiter machen möchte.

In deinem Song „No faker“ auf deinem Album „Dawn“ sprichst du darüber, du selbst zu sein. Wann würdest du sagen, ist dir das am schwersten gefallen?
Ich habe meinen Eltern nichts von meiner Musik erzählt, habe sozusagen erst 2017 mein Coming-out gehabt. Es war auf jeden Fall schwierig, weil ich mich auf der einen Seite auf einer Reise zur Frage „Wer bin ich?“ befand, mir auf der anderen Seite aber auch so viele Leute dabei zugesehen haben. In dem Song geht es vor allem darum, die eigene Stimme zu hören und die Leute, die dich nur runterziehen wollen, zu ignorieren.

Würdest du sagen, dass dieses „Man-selbst-sein“ gerade in der Musikindustrie schwierig ist?
Definitiv, ich habe das Gefühl, als Künstler muss man besonders offen über jedes Detail des eigenen Lebens berichten. Die eigene Persönlichkeit ist ein großer Teil der Musik. Auch wird nicht mehr so stark die Kunstfigur von der eigenen Persönlichkeit getrennt, wie es früher mal der Fall war. Auch das beeinflusst den Schaffensprozess.

In „Used to you“ sprichst du darüber, dass du dich an jemanden gewöhnst. Vielleicht auch zu sehr. Wie bleibst du unabhängig, wenn du gleichzeitig das Bedürfnis hast, viel Zeit mit dieser einen Person verbringen zu wollen?
Ich finde das für mich gerade noch heraus. Für mich ist es wichtig, dass man sich, auch wenn man in einer Beziehung ist, Zeit für sich nimmt. In früheren Beziehungen habe ich das nicht berücksichtigt. Das lief dann eher so, dass ich jede Aktivität mit meinem Partner teilen wollte, was tatsächlich gar nicht so hilfreich war. Also mein Tipp: Man sollte gewissen Teilen des Lebens, die für einen persönlich bestimmt sind, den Raum lassen, der ihnen zusteht. Auch mit einem neuen Menschen im Leben.

Der Song „Suffice“ handelt davon, dass du nicht gut darin bist, ehrlich zu sein. Auf deinem jetzigen Album bist du in meinen Augen sehr ehrlich. Hast du da einen persönlichen Wandel durchlebt?
Ja, ich bin auch deutlich gewagter, was das Teilen meiner Gedankengänge angeht. Das hat so seine Vor- und Nachteile. Ich bin insgesamt aber selbstbewusster geworden, was meine Überzeugungen angeht und auch in der Art und Weise meines Sprechens. Wenn ich einen Crush habe, probiere ich es halt aus. Und wenn ich ein Problem mit jemandem habe, dann konfrontiere ich die Person auch. Mein Charakter hat sich definitiv gewandelt, aber zum Positiven, wie ich finde.

Glaubst du, die Musik hat dir dabei geholfen?
Ja, auf jeden Fall! Durch die Musik konnte ich Gefühle und Gedanken nach außen tragen und auch für andere sichtbar machen. Vor allem, dass andere meine Gefühle teilen und nachvollziehen können, hat mich bestärkt. Ich habe ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass es völlig normal ist, über seine Gefühle zu sprechen. Weil es Menschen gibt, die das Gleiche fühlen.

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Du sagst, dass die High School für niemanden ein wirklich schöner Ort ist. Was würde sie zu einem besseren Ort machen?
Ich hatte zwar gute Erfahrungen, weil ich schulisch die Ziele erreichen konnte, die ich mir gesetzt habe. Wenn das System aber mehr Platz für Begegnungsmöglichkeiten schaffen würde, also dass Schüler und Schülerinnen untereinander mehr in den Kontakt treten, wäre das sehr sinnvoll. Schule war für mich ein sehr isolierter Ort, wo jeder in seiner eigenen Blase gelebt hat. Man muss einfach mehr Blasen platzen lassen. Meine Schule hatte gerade mal 120 Schülerinnen und Schüler. Am Ende meiner Schullaufbahn habe ich immer noch nicht alle kennengelernt, geschweige denn mit ihnen gesprochen. Das finde ich schade.

Du sagst, dass du gerne allein bist. Wo liegt der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein?
Allein sein heißt, sich in seiner eigenen Gegenwart wohl zu fühlen, ohne den Drang zu verspüren, einen anderen Menschen um sich herum zu brauchen, der einem dieses Gefühl gibt. Ich glaube, gerade introvertierte Menschen verstehen, dass Allein-sein nichts Schlechtes ist. Wenn du aber einsam bist, willst du, dass es jemanden gibt, der bei dir ist oder mit dir. Du kannst dieses Gefühl aber auch verspüren, wenn du von Menschen umgeben bist. Es geht darum, die eine Person zu finden, die du bei dir haben willst, wenn du dich einsam fühlst.

Gibt es etwas, von dem du dir jetzt wünschst, dass du es in zehn Jahren noch im Gedächtnis hast?
Eine Sache, die ich auf keinen Fall vergessen möchte, ist, dass es okay ist, auch mal „Nein“ zu sagen. Ich bin manchmal eine richtige Ja-Sagerin, um alle glücklich zu machen. Ich sollte aber am Ende des Tages die sein, die glücklich ist. In zehn Jahren will ich mich darin verbessert haben.

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