Meinung

Für Gratis-Tests nach Südtirol? Nein, danke!

Ein Wohnwagen fährt auf dem Brennerpass nach Italien.
Italien will sich im Sommer wieder für Touristen öffnen. Gelockt wird mit Gratis-Corona-Tests.
Auf den großen medialen Aufschrei folgt die Werbeaktion: Italien buhlt wieder um Touristen – diesen Sommer mit Gratis-Corona-Tests. Unsere Autorin hätte sich eine besser überlegte Lockerungspolitik gewünscht.
Von Tamina Grasme, funky-Jugendreporterin

Vor ein paar Wochen wurden bei ALDI Reiseführer in der Ramschabteilung für Norditalien für nur einen Euro angeboten. Das hatte etwas morbides, gingen zum gleichen Zeitpunkt die Fotos der Leichenlastwägen in den Medien umher. Jetzt will Südtirol wieder Touristen anlocken. Als Lockvogel sollen jedoch keine Rabatte, sondern Gratis-Corona-Tests dienen. Was zunächst nach einem Postillon-Artikel klingt, ist aber tatsächlich ernst gemeint.

Während Südtirol mit kostenlosen Corona-Tests Touristen anzulocken versucht, forderte unser Außenminister Heiko Maas die Öffnung der EU-Binnengrenzen für touristische Zwecke. Gleichzeitig wurden Milliardenhilfen an die Lufthansa zugesichert, ohne dass daran Bedingungen geknüpft wären. Die Klimaerwärmungsdebatte, die Verkehrswende, Nachhaltigkeit im Alltag – all das verschwand zusammen mit den Demonstranten von Fridays for Future auf einen Schlag aus den Medien und aus dem politischen Diskurs.

Corona hätte Auslöser für eine Wende zur nachhaltigen Wirtschaft sein können

Dabei sah es zunächst so aus, als könnte die Coronapandemie eine Chance für die Umwelt sein. Bereits kurze Zeit nach den ersten Lockdown-Maßnahmen gingen Bilder von Delfinen in Venedigs Kanälen umher. Die Luftwerte in den Städten verbesserten sich. In Berlin konnte man dies als Radfahrer täglich spüren: Man hatte freie Fahrt, viel Platz und fühlte sich endlich nicht mehr als Störobjekt im Straßenverkehr. Autospuren wurden mit Pollern zu Radwegen abgetrennt. Und auf Instagram wurden Challenges beworben, in Deutschland dieses Jahr den Sommerurlaub zu verbringen.

Auch ich habe mich anfangs tierisch aufgeregt, dass all meine Reisepläne für dieses Jahr ins Wasser fallen, gerade wenn man als Studentin lange für eine Reise sparen musste. Aber dann fand ich die Idee, dieses Jahr zwangsweise umweltfreundlicher, weil regionaler reisen zu müssen, wirklich interessant. Die wenigen Flugzeuge am Himmel über Berlin, die wenigen Autos auf den Straßen, kaum Lärm und reine Luft – das weckte die Vorstellung der Utopie einer grünen Stadt. Während wir im Freundeskreis Radtouren als Naherholung zu schätzen lernten, beschloss die Regierung derweil Rettungspakete für deutsche Auto- und Luftfahrkonzerne. Von Klimaschutz und Nachhaltigkeit war dabei keine Rede.

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Fridays for Future ist verschwunden, der Klimawandel allerdings nicht

Und jetzt sollen alle wieder auf Mallorca ihren Sommerurlaub verbringen, mehr Flugzeuge mit weniger Passagieren fliegen und die Touristen mit Mundschutz durch Südtirol wandern. Es wird sich also nichts ändern – außer die verordnete Maskenpflicht im Urlaub. Mit etwas Pech werden der Konsum und die Umweltverschmutzung durch die Post-Corona-Zeit sogar noch ansteigen. Dafür ist die über ein Jahr andauernde Protestbewegung Fridays for Future hinüber, fungiert nur noch als Randbewegung.

So sehr ich die erneuten Grenzöffnungen und die Lockerungen des Lockdowns persönlich zu schätzen weiß, finde ich es falsch, Touristen mit Gratis-Corona-Tests anzulocken. Das Coronavirus bot vor allem für die privilegierten europäischen Staaten eine Chance auf einen Neufang, die nun leider vorbeigezogen ist. Und ich frage mich wirklich, wer in seinen Sommerurlaub mit Mundschutz durch die gleißende italienische Sonne waten will, wenn einem schon in der Berliner S-Bahn nach 10-minütiger Fahrt der Saft steht. Aber immerhin diese Entscheidung ist ja wieder jedem selbst überlassen.

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