So schwer ist es, dem emotionalen Lockdown wieder zu entkommen

Die innere Öffnung ist nach Wochen des persönlichen Lockdowns nicht allzu einfach für unsere Autorin.
Die innere Öffnung ist nach Wochen des persönlichen Lockdowns nicht allzu einfach für unsere Autorin.
Wir alle brauchen Zuneigung und Körperkontakt, damit es uns gut geht. Leider ist das gerade häufig nicht möglich. Was macht also der Mangel an physischem Kontakt zu anderen mit uns?

Über die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf jeden Einzelnen ist in den letzten Wochen viel geschrieben worden. Kein Wunder, beherrscht das Virus doch mittlerweile unseren gesamten Alltag, inklusive Medien.

Zeit für ein erstes Resümee nach den ersten Wochen der Kontaktbeschränkungen. Das Arbeiten im Homeoffice stellte sich, trotz einiger technischer Startschwierigkeiten, schnell als sehr angenehm heraus. Keine langen Wege, die zwischen WG und Uni zurückgelegt werden müssen, auch das 8-Uhr-Seminar ist jetzt kein Problem mehr. Meine Arbeitszeiten kann ich flexibel einteilen. Auch die fürchterliche Angewohnheit des Händeschüttelns ist endlich weggefallen.

Doch trotz dieser netten kleinen Nebeneffekte wirkt sich Corona massiv auf den Rest des Alltags aus – und das oft auf negative Art und Weise. Zwar habe ich noch das Glück, in einer WG und nicht allein zu wohnen und meinen Freund regelmäßig sehen zu können, weil er in der gleichen Stadt wie ich lebt. Menschen, die allein leben oder eine Fernbeziehung führen, waren sicher in der Hochphase der Einschränkungen viel einsamer.

Nichtsdestotrotz fehlt auch mir der enge Kontakt zu meinen Freunden und meiner Familie. Im Februar habe ich einen geliebten Menschen aus meinem engsten Familienkreis überraschend verloren. Die Beerdigung, auf der sich niemand in den Arm nehmen und nur eine Handvoll Angehörige kommen durften, war vielleicht auch deswegen weniger tröstlich, als es ohne Corona der Fall gewesen wäre. Viele meiner Freunde wissen noch nichts von meinem Verlust, denn so etwas kann man schlecht am Telefon oder per Skype erzählen. Und das wird mit jeder Woche merkwürdiger, die vergeht. Wie soll ich denn nach drei Monaten davon erzählen, so völlig aus der Kalten heraus?

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Das Social Distancing hat in meinem Fall dazu geführt, dass ich mich nur noch einer ganz kleinen Gruppe, bestehend aus Familie und Freunden, anvertraut habe. Und selbst das war schwierig für mich. Auch wenn das Bedürfnis, die eigenen Freunde wiederzutreffen und in den Arm genommen zu werden, nach Wochen des Abstands groß ist, hat sich eine emotionale Barriere aufgebaut. Ich bin nicht besonders gut darin, über Whatsapp und Co. regelmäßig Kontakt zu halten und nachzufragen, wie es den anderen geht. Telefonieren ist für mich immer etwas gewesen, das ich möglichst vermieden habe. Stattdessen treffe ich mich normalerweise mit meinen Liebsten lieber in persona, bin gerne in Gruppen unterwegs oder lade zu Kochabenden bei mir zu Hause ein. All das geht jetzt nicht mehr.

Auch wenn die Maßnahmen langsam gelockert werden und sich wieder zwei verschiedene Haushalte treffen dürfen, so ist doch die innere Öffnung nach Wochen des persönlichen Lockdowns nicht allzu einfach. Aber Übung macht den Meister: Jede Woche eine Verabredung außerhalb meiner WG, das ist derzeit das Ziel. Und so geht es in kleinen Schritten wieder zurück in eine Art Alltag, raus aus der emotionalen und physischen Abgrenzung. Inwiefern sich die Kontaktbeschränkungen langfristig auf uns auswirken werden, können wir sicherlich erst in der Zukunft richtig einschätzen. Bis dahin kann noch eine Menge passieren.

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