Opa, erzähl mal – Geburtstag in Kriegsgefangenschaft

Alte Dokumente auf einem Tisch (c) Conrad J. Bornemann
Der Opa ist leider schon verstorben. Was bleibt ist die Erinnerung an ihn und eine Geschichten.
Unsere Großeltern haben so viel erlebt, können so viel erzählen – lassen wir sie zu Wort kommen! Den Anfang der Reihe „Opa, erzähl mal von früher“ macht der Opa von Autor Conrad, der bei der Landung in der Normandie auf deutscher Seite gekämpft hat.

Ein Memento an die Menschlichkeit – „Two man for kitchen please“

Dies ist eine Geschichte aus dem Leben meines Opas. Als er in der dunkelsten Zeit, Menschlichkeit genau da fand, wo er sie am wenigsten erwartete – bei seinem Feind. Alles beginnt am Anfang vom Ende. Am Ende des zweiten Weltkrieges. Am Beginn einer Invasion, die die Welt besser machen sollte. Der wir auch unser Europa heute verdanken. Der wir verdanken, dass wir nicht unter dem Einfluss eines Regimes leben müssen, dass das Wort „Menschlichkeit“ vermutlich gar nicht kannte.

Es ist der 6. Juni 1944, D-Day, Tag der Landung in der Normandie. Mein Opa steht schon im frühen Morgengrauen im Geschützbunker. Mit gerade einmal 19 Jahren ist er Teil der größten Landeoperation der Geschichte. Er kämpft als deutscher Soldat der Marineinfanterie in einem Geschützbunker gegen die einfallenden alliierten Schiffe. Später erzählt er genau das, was alle Soldaten, die an diesem denkwürdigen Tag in der Normandie gekämpft haben, erzählen: „Es wurde hell, aber der Horizont blieb schwarz, schwarz vor Kriegsschiffen.“

Mit der unbeschwerten Jugend war es von jetzt an vorbei

Er war in den Bunkern des deutschen Atlantikwalls am Ärmelkanal in der Normandie stationiert und beschoss die Schiffe mit schweren Kanonen. Doch gegen die einfallenden 6400 Schiffe, 326.000 Soldaten und die mobilen Häfen hatten die deutschen Soldaten keine Chance. Mein Opa hatte Glück, er selbst verlor an diesem Tag „nur“ ein Trommelfell durch eine Granate, aber viele tausend andere Soldaten verloren ihr Leben.

Selbst wenn noch ein kleines bisschen Kind in ihm steckte, hatte er es spätestens an diesem Tag des Krieges verloren. Ein wahnsinniges Regime hatte ihm Kindheit und Jugend genommen. Ein wahnsinniges Regime hatte Amerikanern, Japanern, Briten, Franzosen und so vielen mehr das Leben genommen.

Einige Tage nach der Landung wurde er in Cherbourg von den Alliierten gefangen genommen. Er musste tote Soldaten auf den Schlachtfeldern einsammeln, beziehungsweise das, was nach Schüssen, Granaten und Kanonen noch von ihnen übrig war. Wie sehr muss es abstumpfen, Kameraden, Feinde, Zivilisten, Offiziere und Tiere auf den Schlachtfeldern zusammenzukratzen? Bleibt da noch Menschlichkeit, oder geht sie verloren? Menschen, die vorher gegeneinander oder miteinander gekämpft haben, die einen für eine bessere Welt, die anderen für die Ideologie einiger Deutschen. Nebeneinander begraben in Massengräbern auf den Schlachtfeldern. Von einigen konnte man die Identität nicht mehr feststellen. Es sind die, die nie nach Hause kamen.

Hey man, today is your birthday. You do not have to work this day. Sit down and eat.

Das sagte ein amerikanischer Soldat zu meinem Opa

Einige Zeit danach wurde mein Opa mit den Kriegsgefangenentransporten der Amerikaner am 18. oder 19. Juli nach New York verschifft. Am 20. Juli 1944 hatte mein Opa Geburtstag. Er wurde 20 Jahre alt. Was natürlich in Anbetracht der Umstände eher zweitrangig war, dachte er. Wer würde ihm gratulieren, wie sollte er feiern, er war auf offenem Meer im Atlantik.

Doch an diesem Tag kam ein amerikanischer Soldat mit dunkler Hautfarbe und „groß und breit wie ein Bär“ in den Aufenthaltsraum der Gefangenen und sagte: „Two man for kitchen please.“ Mein Opa konnte zwar nur ein kleines bisschen Englisch, dachte sich aber, dass „Kitchen“ Küche bedeuten könnte. In der Hoffnung etwas Ordentliches zu essen zu ergattern, meldete er sich freiwillig. Die nächste Anweisung des amerikanischen Offiziers war daraufhin, seinen Namen, sein Geburtsdatum und seine Feldpostnummer auf einen Zettel zu schreiben. Als der Soldat sein Geburtsdatum sah, sagte er: „Hey man, today is your birthday. You do not have to work this day. Sit down and eat.“

Menschlichkeit gibt es auch in brutalen Zeiten

Der Mann, der das absolute Paradebeispiel für das Feindbild der Nazis war, bot einem deutschen Soldaten an, zu entspannen und zu essen, weil dieser Geburtstag hatte. Er wusste nicht, ob der Mann der vor ihm saß, ein überzeugter Nazi war oder nicht, trotzdem behandelt er ihn menschlich, freundlich und herzlich. Soldaten können also trotz des Krieges noch Menschlichkeit in sich tragen und diese auch teilen.

Ein spannender Zufall, dass der 20. Juli 1944 auch der Tag des Stauffenberg-Attentats im Hauptquartier Wolfsschanze ist. Ein Tag, an dem sich tausende Kilometer entfernt, Menschen Gedanken gemacht haben, über das was richtig und wichtig ist. Über Menschlichkeit und nicht nur über den Vorteil des Individuums oder einzelner Länder.

Titelbild: Conrad Bornemann

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„Selber Erleben und das Erlebte aufschreiben!“ Ich liebe das Schreiben und das Fotografieren. Mit Fotos kann man unglaubliche Momente visuell festhalten und mit dem Schreiben kann man Witziges, Faszinierendes, Trauriges, Lehrendes und vieles mehr vermitteln. Es ist eine spezielle Art sich auszudrücken. Häufig denkt man über das, was man sagt nur kurz nach, aber wenn man schreibt, sind es wohl gewählte Worte und alles hat einen Sinn.