Interview

#lbm19: „Dunkle Gefühle sind die stärksten“

Autor Kevin Brooks
Kevin Brooks selbst macht keinen Unterschied zwischen Jugend-und Erwachsenen-Literatur (c) Privat
Der britische Schriftsteller Kevin Brooks war dieses Jahr Gast bei der Leipziger Buchmesse. Preise für seine Jugendbücher hat er aber schon vorher gewonnen.
Von Marti Mlodzian

Kevin Brooks ist ein Star seiner Szene – und mag es nicht, dass er als „bekannter Jugendbuchautor“ betitelt wird. Auf der Leipziger Buchmesse hat er sich Zeit für ein Gespräch mit unserem Buchmesse-Korrespondenten genommen.

Im Moment sind Sie ein – mehr oder weniger – bekannter Autor für Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Wie kamen Sie dazu? Wie haben Sie begonnen?

Zuerst zu der Bekanntheit: Neben den ein oder zwei „Top-Büchern“ kennt, glaube ich, nicht jeder die Bücher von mir. Ich mag diese Formulierung nicht, dass ich bekannt bin.

Okay. Und wie haben Sie angefangen zu schreiben?

Ich habe eigentlich schon immer geschrieben. Am Anfang keine Bücher, aber so etwas wie Kurzgeschichten, in diese Richtung. Aber es dauerte wirklich lange, bis ich den Entschluss gefasst habe, irgendetwas davon zu veröffentlichen. Es dauerte, bis ich gewusst habe, was ich schreiben möchte. Es dauerte, bis ich für mich gewusst habe, welche Art von Büchern ich schreiben möchte. Es dauerte, bis ich etwas geschrieben habe, das mich zufriedengestellt hat. Ich habe da noch anders geschrieben als heute. Dann habe ich begonnen, mein Buch an verschiedene Verlage zu senden. Viele Verlage haben mir das dann zurückgesendet, gesagt „Nein danke“. Ich habe es aber weiter versucht, versucht, es an alle Verlage in Großbritannien zu schicken. Es war Glück, dass dann ein unabhängiger, kleiner Verlag sagte: „Okay.“

„Ich finde, man sollte Bücher nicht in Kategorien einordnen!“

Kevin Brooks über seinen Schreibstil in verschiedenen Veröffentlichungen

War es denn immer Ihr Plan, Autor zu werden?

Ich wollte schon. Ich machte meine ersten Versuche so mit 15 oder 16 und ich mochte es zu schreiben. Aber dann habe ich die Musik für mich entdeckt und ich habe die nächsten paar Jahre lang versucht, meinen eigenen Song rauszubringen. Aber damit konnte ich halt nicht so wirklich Geld machen. Dann versuchte ich es künstlerisch, habe versucht, meine Bilder zu verkaufen. Es war so in dieser Zeit, dass ich für mich entschieden habe: Jetzt möchte ich ein Buch veröffentlichen.

Sie schreiben Jugendbücher und auch Romane für Erwachsene: Was schreiben Sie lieber?

Ich finde, man sollte die Bücher nicht in Kategorien einordnen. Sie sind an sich nicht so verschieden. Beim Schreiben ändere ich meinen Schreibstil nicht. Nur bei der Geschichte ist es halt wichtig, ob ich zum Beispiel einen 15-jährigen Jungen oder einen 50-jährigen Mann als Protagonisten nehme. Aber sonst gibt es da nicht so wirklich Unterschiede.

In Ihrem aktuellsten Buch „Deathland Dogs“ haben Sie ein sehr negatives Bild der Zukunft: Die meisten Leute können nicht lesen und schreiben und sie kämpfen um Wasser. Glauben Sie, dass die Zukunft wirklich so aussehen wird?

Ich denke schon, dass die Zukunft in gewisser Weise so aussehen wird. Ich denke, das ist so eine Art natürliche Weiterentwicklung. In einigen Tausend Jahren sind die Menschen weg und irgendeine andere Spezies wird die Erde bevölkern. Wir Menschen halten uns immer für irgendetwas Spezielles, aber irgendwann sind auch wir weg. Das ist der Weg, wie er immer war. Ich würde aber nicht sagen, dass dieses Bild negativ ist. Das ist einfach der Weg, wie er wahrscheinlich sein wird. Vielleicht kann es auch sein, dass die Welt sich irgendwann zusammentut, um den Weltraum zu erkunden und dann darin zu leben. Aber das würde mich sehr überraschen.

Der Protagonist Jeet ist ein Jugendlicher, der bei Wölfen aufgewachsen ist. Es gibt ja auch Legenden, die in diese Richtung gehen, zum Beispiel die Legende von Romulus und Remus, die die Stadt Rom gegründet haben sollen. Hat Sie das inspiriert beziehungsweise wie kamen Sie darauf?

Es gibt sehr viele Geschichten über Kinder, die bei Wölfen aufgewachsen sein sollen. Es gibt auch wirklich belegte Geschichten über Kinder, die im Wald gefunden wurden, nicht sprechen konnten und auf allen vieren gelaufen sind. Die Geschichte von einem Mädchen zum Beispiel. Da war die Geschichte dann, dass sie bei einem Bären aufgewachsen ist. Es war meine Idee, einen Charakter zu erschaffen, der ein bisschen abgehärtet ist. Aufgewachsen bei einer anderen Spezies. Einen in gewisser Weise vielschichtigen, komplizierten Charakter mit ebendiesen speziellen Fähigkeiten eines Tieres.

In der englischen Version gibt es viele Abkürzungen, um dieses Zukunftsbild zu verdeutlichen. Im Deutschen hat der Übersetzer alle Kommas weggelassen, da es diese Abkürzungen im Deutschen nicht gibt. Was denken Sie darüber? Was denken Sie über Übersetzungen im Allgemeinen? Haben Sie eigentlich Einfluss auf die Übersetzungen oder vertrauen Sie dem Übersetzer einfach?

Ich arbeitete für die englische Version mit diesen Abkürzungen und wusste, dass es schwierig wird, sie zu übersetzen. Ich kenne auch die deutsche Sprache nicht so gut und ich wusste nicht genau, wie sie es übersetzen wollten. Dann wurde mir gesagt, dass die deutsche Version ohne Kommas sein sollte und ich war zuerst zwiegespalten. Doch dann habe ich entschieden, dass das auch eine gute Möglichkeit ist, um diese Botschaft zu verdeutlichen. Aber es war wirklich schwer für mich, mir das vorzustellen. Bei dieser Übersetzung war es aber wirklich so, dass ich sehr miteinbezogen wurde. Manchmal fragte Uwe (Name des Übersetzers: Uwe-Michael Gutzschhahn, Anm. d. Redaktion) bei bestimmten Abschnitten, was ich damit meine. Bei vielen anderen Übersetzungen ist es aber so, dass ich wirklich gar keinen Einfluss habe. Das Buch wird dann an den Verlag im Ausland geschickt und etwa sechs Monate später bekomme ich dann das Übersetzte zurück. Weil ich die Sprachen teilweise auch nicht kenne, weiß ich dann nicht, ob das „richtig“ oder „falsch“ übersetzt wurde. Auch wenn ich ein Buch zum Beispiel nach Amerika weitergebe, wo die Formulierungen und die Grammatik anders sind als im britischen Englisch, ist das dann so. Du musst dann halt entscheiden, was für dich mehr wert ist: dass dein Buch richtig übersetzt wird, wobei man es dann nicht ins Ausland verkaufen dürfte, oder deinen Lohn zu kriegen, um zu leben und die Familie zu versorgen.

„Der Deutsche Jugendliteraturpreis bedeutet mir mehr, als die englischen Preise.“

Der britische Schriftsteller Kevin Brooks über seine Auszeichnungen

Sie haben zweimal den Deutschen Jugendliteraturpreis und auch einige englische Preise gewonnen. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Welcher war der wichtigste für Sie?

Der, der mir mehr bedeutet, ist der Deutsche Jugendliteraturpreis. Ich habe einige gute Erinnerungen an diesen Preis, weil es eben etwas sehr Besonderes ist, ihn zu bekommen. Es ist auf jeden Fall der Preis, der mehr in meinem Kopf geblieben ist. Der englische Preis ist weniger spannend, er hat nicht so eine große Bedeutung für mich. Aber der englische Preis war auf jeden Fall der Preis, der besser für meine Laufbahn war und mich bekannter gemacht hat. In England berichten sie einfach auch mehr über diese Preise.

Was denken Sie denn allgemein über Buchpreise? Finden Sie die gut?

Ich denke, allgemein sind Buchpreise sehr gut. Aber es gibt da eben auch verschiedene, und ich kenne nicht alle. Ich finde die Idee teilweise nicht so gut, dass zum Beispiel fünf Juroren mein Buch mochten und fünf andere nicht. Aber im Allgemeinen finde ich die gut und habe eher schöne Erinnerungen damit verbunden.

Sie schreiben sehr oft Thriller oder spannende Bücher. Warum schreiben Sie diese und nicht andere Genres wie Liebesgeschichten oder so etwas?

Einige meiner Bücher enthalten tatsächlich Liebesgeschichten. Also, ich schreibe keine reinen Liebesgeschichten, aber in vielen meiner Bücher gibt es in der Handlung noch eine Liebesgeschichte. Sonst ist es ja so, dass du mit einem Buch die Gefühle, die in dir vorgehen, wiedergibst. Bei mir ist es dann oft so, dass meine „dunkle Seite“ die Geschichten vorgibt. Aber es hat auch damit zu tun, dass ich es mag, über die eher dunkleren Gefühle zu schreiben. Das ist quasi für mich unser stärkstes Gefühl. Außerdem ist es auch so, dass ich einige schlechte Zeiten in meinem Leben hatte, und das Schreiben nutze ich dann, um das in gewisser Weise auszudrücken.

Sie schreiben dünne, aber auch dicke Bücher. Was ist einfacher zu schreiben?

Die dünnen Bücher wollte ich vor allem schreiben, weil es einen Verlag in Großbritannien gibt, der solche dünnen Bücher veröffentlicht. Zu der Schwierigkeit kann ich sagen, dass es auf jeden Fall mehr Zeit braucht, dicke Bücher zu schreiben. Aber bei dünnen Büchern ist es eben manchmal auch schwierig, die ganze Geschichte auf einigen Seiten zu erzählen.

Können Sie schon sagen, wovon Ihr nächstes Buch handelt?

Ja, ich habe mein nächstes Buch schon fertig. Ich darf aber noch nicht genau sagen, worum es geht. Ich sag mal so: Es geht um ein Mädchen mit einer dünnen Haut.

Beitragsbild: Privat

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Schreiben ist nicht einfach, finde ich. Während ich schreibe, muss ich so viel beachten. Ich muss verschiedene Meinungen finden und respektieren, muss Fakten und Fakes auseinanderhalten, muss Experten anschreiben und hoffen, dass sie antworten, und zum Schluss alles in die richtigen Worte fassen. Doch trotzdem macht Schreiben mir Spaß. Am meisten Spaß, wenn ich über Zukunft, Politik oder Umwelt schreibe. Oder wenn ich meine Meinung zu neuer Musik und neuen Filmen kundtue.