Auslandsjahr: Ein ganz normales Abenteuer

Collage aus Bildern aus Oregon
Unsere Autorin fand ihr Auslandsjahr in Klamath Falls, einer Kleinstadt in den USA, bereichernd aber nicht lebensverändernd. Von dem Gefühl alleine über den Atlantik zu fliegen und in einem fremden Land neuen Alltag zu finden.
Von Katharina Warnecke Soto

Anfang September 2017 war ich auf dem Weg nach Amerika. Genauer gesagt nach Oregon, einem mir bisher unscheinbar erscheinenden Staat an der Westküste der USA. Ein Lückenfüller zwischen dem regnerischen Washington und dem sonnigen Kalifornien. Vor mir lag ein halbes Schuljahr in Klamath Falls, einer Kleinstadt im Süden von Oregon. Ein halbes Jahr entfernt von der mir vertrauten Umgebung, von gewohnten Routinen und von Freunden, Familie und bekannten Gesichtern.

Als ich aber in dem geräumigen Erste-Klasse-Abteil des Flugzeugs saß, das mir überraschend anstatt meines ursprünglichen Economy-Class-Sitzplatzes zugeteilt worden war, gefiel mir die Aussicht aufs Unbekannte. Das erste Mal alleine über den Atlantik zu fliegen, verlieh mir ein Gefühl von Unabhängigkeit. So muss es sich anfühlen, endlich die eigenen Autoschlüssel in der Hand halten zu können oder den ersten Schritt über die Türschwelle einer Wohnung zu machen, in der man theoretisch seine Jacke auf den Boden schmeißen könnte, ohne daraufhin aufgefordert zu werden, sie wieder aufzuheben. In mir kam die Vorstellung auf, dass ich auf dieser Reise etwas erleben würde, etwas, das mein Leben aufrütteln und für eine Zeit aus dem alltäglichen Rahmen herausziehen würde. Fast wie ein Abenteuer.

Was vorher noch surreal war, wird mit einem Schlag Realität

Ich hatte zwar vorher mit meiner zukünftigen Gastmutter über WhatsApp Kontakt gehabt, aber zu Hause auf dem Bett zu sitzen, auf dem Handy ein paar Tasten anzutippen und sich Fotos von bisher fremden Leuten anzusehen, ist dann doch anders, als in Medford, Oregon, am Flughafen auszusteigen und den Menschen gegenüberzutreten, bei denen man für die nächsten fünf Monate wohnen wird. Was sich davor noch surreal anfühlte, war in diesem Moment plötzlich Wirklichkeit.

Ein Auslandsjahr zu machen bedeutet, für ein halbes oder ganzes Schuljahr auf eine Schule in einem anderen Land zu gehen, eine neue oder schon bekannte Sprache zu erlernen oder zu vertiefen, sich auf ungewohnte Situationen einzulassen, für eine Zeit lang Teil einer neuen Familie zu werden, deren Kultur kennenzulernen und sich deren Sitten anzupassen. Es führt einen aber auch zu neuen Freundschaften, besonderen Erinnerungen und gibt Stoff für lustige Anekdoten. Es führt einen an neue Orte und gibt einem Grund, beim Abschied feuchte Augen zu bekommen.

Auch im Ausland gibt es Alltag

Natürlich ist ein Flug in ein anderes Land kein Eintritt in eine andere Welt ohne schlechte Erfahrungen. Auch wenn am Anfang alles aufregend und frisch wirkt, gewöhnt man sich irgendwann einigermaßen an die neue Umgebung und verfällt in einen gewissen Alltag. Schließlich muss man immer noch jeden morgen früh aufstehen und zur Schule gehen. Dazu kommt ab und zu etwas Heimweh, zwischendurch für kurze Momente vermischt mit der Erkenntnis, dass man eigentlich nur ein Gast ist. Jemand, der für ein paar Monate in das Leben von Menschen hineinschaut, die man bis vor Kurzem noch nicht einmal gekannt hat und deren Lebensweise und Ansichten sich vielleicht komplett von den eigenen unterscheiden.

Trotz Höhen und Tiefen oder vielmehr gerade wegen der Höhen und Tiefen kann ein Auslandsjahr zu einem einzigartigen Erlebnis werden. Ich würde es nicht gleich als „lebensverändernd“ bezeichnen. Man kommt nicht als selbstbewusstere, bessere Version von sich selbst wieder, wie es uns beim Vorbereitungswochenende meiner Austauschorganisation vermittelt wurde.

Aber es kann einem eine neue Perspektive geben, die Möglichkeit, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Vielleicht lernt man auch etwas über sich selbst, das man vorher noch nicht gewusst hat. Man wird herausgefordert, Neues auszuprobieren, ob interessant aussehende Gerichte oder landestypische Sportarten. Man kehrt zurück, wissend, dass man ein zweites Zuhause hinter sich lässt. Ein neu entdeckter Ort, der sich nicht hauptsächlich durch atemberaubende Landschaften oder beeindruckende Metropolen auszeichnet, sondern durch die Menschen, die ihn lebendig machen: die lächelnden Gesichter, die dich bei der Ankunft am Flughafen empfangen, die Sitznachbarn, die eine langweilige Mathestunde spannend machen, die entstandenen Insider-Witze, die dich beim Gedanken daran zum Grinsen bringen, und die bunte Mischung von neu dazugewonnenen Familienmitgliedern.

Titelfotos: Klamath Falls in allen Jahreszeiten (c) Katharina Warnecke Soto

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