Anfeindungen sind auch bei Jugendfußballspielen keine Ausnahmen. Ein junger Schiedsrichter erzählt von seinen Erfahrungen.

Von Moritz von Blittersdorff

„Schiri, wir wissen, wo dein Auto stand, hat gut gebrannt!“ – Immer wieder kochen bei Fußballspielen die Emotionen über, sowohl bei den Spielern und Trainern als auch bei den Zuschauern. Oft müssen dann die Unparteiischen als Sündenböcke herhalten. Wie viel sie einstecken müssen, erzählt Lars van der Wee. Er ist 16 Jahre alt und seit etwa zwei Jahren Schiedsrichter.

Lars lächelt in die Kamera

Lars van der Wee hat sich schon einiges anhören müssen.

Ob als Hauptschiedsrichter in der Bezirksliga oder als Assistent in der Jugend-Regionalliga, Lars muss sich fast in jedem Spiel Beleidigungen und sogar Androhungen von Gewalt stellen. „Mit Kommentaren wie ‚Was bist du für ein Vollpfosten!‘ oder ‚Wenn ich dich noch mal sehe … ‘ muss man klarkommen“, sagt er. Und zwar von Anfang an: „Gleich in meinem ersten Spiel als Assistent kamen nach einer Abseitsentscheidung alle Spieler auf mich zu und beleidigten mich. Auch die Zuschauer machten mit.“ Auch wenn er in diesem Spiel nicht – und zum Glück auch in keinem anderen – körperlich angegriffen wurde, wird ihm dieses beängstigende Erlebnis immer im Kopf bleiben.

Dass Hass und Gewalt gegen Schiedsrichter keine Seltenheit sind, zeigen Schlagzeilen wie „Wenn der Bolzplatz zum Tatort wird“, „Kompletter Spieltag wegen Gewalt gegen Schiedsrichter abgesagt“, „Gewalt im Jugendfußball – Schiedsrichter treten in Streik“. Der „Spiegel“ hat viele solcher Fälle zusammengetragen, in denen Schiedsrichter übel zugerichtet, sogar krankenhausreif geprügelt wurden. Die Redaktion zitiert aus einer Studie, nach der fast zwei Drittel der Schiedsrichter Gewaltandrohungen und mehr als ein Viertel sogar tatsächliche Gewalt erlebt haben. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass es in Deutschland seit Jahren immer weniger Fußballschiedsrichter gibt.

Die Zuschauer nehmen, wen sie kriegen können

„Hauptsächlich die Eltern und Zuschauer regen sich über uns Schiedsrichter auf“, sagt Lars, „vor allem, wenn sie keine oder nur geringe Regelkenntnisse haben.“ Dabei stürzen sie sich auf den, den sie kriegen können: Als in einem Kreispokalfinale der U19 die eine Mannschaft nach 2:0-Führung plötzlich 2:3 hinten lag, ließen Trainer und Zuschauer von da an ihren Frust raus. „Alle Entscheidungen wurden kritisiert und angezweifelt“, erzählt Lars. Da er aber mitten auf dem Feld und damit nicht in greifbarer Nähe war, sei sein Assistent das gesamte Spiel über bis aufs Äußerste beleidigt worden. Ganz sicher keine schöne Erfahrung.

Lars gefällt es trotzdem sehr, Schiedsrichter zu sein. Er ist der festen Überzeugung, dass die Schiedsrichterei seine Persönlichkeit gestärkt hat, weil er immer wieder mit komplizierten Situationen umgehen muss. Für alle, die auch Schiedsrichter werden wollen, hat er einen Tipp: „Man sollte sich niemals unterkriegen lassen, vor allem nicht durch Zurufe von Trainern und Spielern, denn nur man selber kann die Entscheidungen treffen.“ Wer beim Spiel souverän auftritt, verschafft sich Respekt – und sollte sich danach, findet Lars, selbstreflektiert zeigen und auf konstruktive Kritik von Spielern und Trainern eingehen.

 

Die Studie zur Gewalt im Amateurbereich

  • Adrian Sigel hat für seine Masterarbeit in Psychologie 915 Schiedsrichter im Amateurfußball befragt. Auch wenn die Studie aus dem Jahr 2015 nicht repräsentativ ist, zeigt sie doch die Tendenz.
  • 62 Prozent der Befragten gab an, dass ihnen schon einmal Gewalt angedroht wurde.
  • 27,5 Prozent gaben sogar an, selbst Gewalt erlebt zu haben. 
  • Viele der Schiedsrichter verzichten auf eine Anzeige. Sie wollen die Gewalt auf dem Platz lassen.