Bevor Joris ein neues Album schreiben konnte, brauchte er erst mal Zeit für sich. Nun hat der Musiker viel zu erzählen.
Von Ria Lüth

Für das erste Album habe man ein ganzes Leben Zeit, für das zweite gefühlte zwei Monate. Etwas länger hat es dann doch gedauert: Seit der Singer-Songwriter Joris diesen Eindruck beschrieb – nach seinem gefeierten Debütalbum im Jahr 2015, einer Auszeit Anfang 2017 und neun Monaten Studioarbeit –, erscheint am 5. Oktober sein neues Album. Der Titel fängt den Zeitgeist ein: „Schrei es raus“. Wir haben Joris zum Gespräch getroffen.

Jetzt geht es also wieder richtig los. Worauf freust du dich ganz besonders und worauf gar nicht?

(lacht) Im Moment überwiegt ganz, ganz klar die Vorfreude. Ich freue mich wahnsinnig auf die Tour. Ich weiß ja, wie es sich anfühlt, die erste Platte live zu spielen, aber die neue wird auch wieder ganz anders sein.

Dein neues Album ist lauter, progressiver. Wieso hast du dich entschieden, mit deiner Musik in diese Richtung zu gehen?

Das hat damit zu tun, dass ich in den letzten Jahren sehr viel auf den großen Festivals spielen durfte und diese Energie mitbekommen habe, die man so spürt, wenn man vor Zigtausenden Leuten auf der Bühne steht. Gleichzeitig komme ich auch selbst daher. Als kleines Kind habe ich angefangen, zu Hard-Rock Schlagzeug zu spielen. „Hybrid Theory“ von Linkin Park war die erste Platte, die ich so gehört habe.

„Am Ende von „Feuerwesen“ werden 63 Klaviere übereinander gespielt und so entsteht eine Art Soundwald.“
Joris über experimentelle Klänge auf seinem neuen Album

Für „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ habt ihr gelegentlich auch Gegenstände wie Gläser und Schlüssel als Instrumente zweckentfremdet. Kann man sich auch dieses Mal auf ein paar Klangexperimente gefasst machen?

Wir haben uns sehr viel Zeit gelassen, sämtliche Instrumente auszuprobieren und am Klang herumzuschrauben – insofern sind da sehr viele kleinteilige Instrumente und Sounds zu finden. Zum Beispiel werden am Ende von „Feuerwesen“ 63 Klaviere übereinander gespielt und so entsteht eine Art Soundwald.

Wie groß ist dieser Druck, wieder abzuliefern – nach einem Debüt, das dir den Titel „Newcomer des Jahres“ 2016 brachte?

Natürlich habe ich eine Art Druck verspürt, weil ich den Vergleich zu früher hatte. Bevor alles losging, habe ich ein-, zweimal im Monat ein Konzert gegeben und dann fast jeden Tag. Das war und ist für mich so erfüllend, dass es gerne so weitergehen darf. Für das künstlerische Dasein ist es aber wichtig, dass man sich relativ schnell von solchen Ängsten löst. Das ist mir aber schnell gelungen.

Nach zwei stressigen Jahren hast du dir 2017 eine Auszeit genommen. War das ein Versuch, mal von der Musik wegzukommen, oder wolltest du in Ruhe neue Musik schreiben?

Ich habe zumindest mehr denn je verstanden, was ich mache, und Zeit gehabt, mir darüber Gedanken zu machen, wo ich stehe. „Herz über Kopf“ hat alle Türen geöffnet, aber manchmal gab es auch wenig Zeit, wirklich mal zu genießen und kurz innezuhalten.

Wo hast du das nachgeholt?

Ich war einen Monat ganz alleine in Italien und habe da meine ganzen Skizzen und Aufzeichnungen rausgeholt. Ich bin viel rumgefahren, habe viele Leute kennengelernt, ein bisschen Italienisch gelernt und war wirklich mal so für mich selber. Danach war ich einige Zeit in Spanien, mit Freunden, Familie und Band – da war eigentlich immer Full House, sodass immer eine supergute Atmosphäre war und wir trotzdem jeden Tag zwei, drei Stunden zusammen Musik gemacht haben.

„Alle Wege führen nach Rom: Das ist für unsere Generation sehr sinnbildlich.“
Joris über seine Auszeit in Rom und den Song „Rom“

Mit deiner Musik erzählst du auch immer Geschichten. Welche ist deine Lieblingsgeschichte auf diesem Album?

„Feuerwesen“ ist für mich einfach ein unglaublich schöner Moment. Wenn ich die Geschichte höre, dann bringt es mich total zur Ruhe. Ich habe diesen Song mit meinem guten Kumpel Jonathan Kluth geschrieben, als er mich in Spanien besucht hat. Wir haben uns vier oder fünf Tage lang einfach nur über das Leben und die Welt unterhalten, und dann saßen wir an einem Abend am Kamin. Ich habe wieder gemerkt, dass mir Feuer mein ganzes Leben lang schon immer so ein Gefühl gibt von diesem ganz kurzen Moment, in dem alles in mir zur Ruhe kommt. Für diesen Moment kann ich alles – sowohl meine schlechten wie auch meine guten Seiten – akzeptieren.

Das vorletzte Lied der Platte heißt „Rom“. Wofür steht „Rom“ für dich?

Es kommt von „Alle Wege führen nach Rom“. Nach der Schule war es auf einmal so, dass alle Wege offen waren. Es ist für unsere Generation sehr sinnbildlich: diese absolute Freiheit, für die so viele Generationen gekämpft haben, in der man aber auch etwas Negatives finden kann, weil man gar nicht mehr so richtig weiß, wo man eigentlich hingehört. Es ist also ein Song darüber, seinen eigenen Weg zu finden.

Wie verlief dein Weg?

Ich habe immer für Gerechtigkeit gebrannt und war auch eingeschrieben für Rechtswissenschaften in Hamburg, aber irgendwie habe ich dann gemerkt, dass ich viel lieber Musiker sein möchte. Es war eigentlich in meinem Kopf gar nicht so eine Möglichkeit, bis ich mich dann in Berlin an der Hochschule der populären Künste beworben habe – und angenommen wurde.

Bei welchem Lied freust du dich am meisten, es mit der Welt zu teilen?

Im Moment „Glück auf“. Für mich ist es ein absolutes Sinnbild für die aktuelle Situation, dass viele Menschen sich gerade in schweren Zeiten befinden und auch manchmal alleine fühlen. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir füreinander da sein müssen und da sind. Bei allen Katastrophen-Aussichten in der Welt ist es wichtig zu erkennen, dass das Einzige, was uns bleibt, Hoffnung ist.

Titelbild: Klaus Sahm