Alligatoah hat nichts gelernt und kann trotzdem alles. Wir haben das Multitalent getroffen und mit ihm über die Natur und seine diplomatische Ader gesprochen.
Von Margarethe Neubauer

Er singt, rappt, spielt und schneidet – Multitalent Alligatoah hat mit Herzblut den fünften Teil der Mixtape-Album-Reihe „Schlaftabletten, Rotwein“ gebastelt. Erneut schlüpft der Musiker in die Häute schräger Charaktere, entlarvt an ihnen ironisch-bissig die akuten und chronischen Krankheiten unserer Gesellschaft. Doch „Schlaftabletten Rotwein V“ enthält auch eine gute Portion Selbstkritik. Mit uns sprach Alligatoah über seine Liebe zur Natur, musikalische Experimente und seinen Hang zur Diplomatie.

Vor ein paar Wochen hast du dich selbst interviewt und die Presse ordentlich aufs Korn genommen. Welche Promophasen-Augenroller musstest du bisher ertragen?

Der Standard ist die Frage nach meinem Namen, die oft mit der falschen Aussprache einhergeht. Das ist als Einstieg in ein Interview recht problematisch, weil das gleich eine Spannung bei mir aufbaut. Ich korrigiere das dann aber nicht, sondern lasse es einfach passieren. Im Prinzip ist es ja meine eigene Schuld, ich habe mir diesen Namen in genau der Schreibweise gegeben und für die Missverständnisse gesorgt. Ähnlich ist es mit „lustigen“ Krokodil-Anspielungen. Tatsächlich habe ich bei der Wahl des Namens nur auf den Klang geachtet und distanziere mich von diesem Tier.

Wie sähe denn das ideale Alligatoah-Interview aus? Es muss auch nicht mit mir sein.

Ach, das könnte schon mit dir sein. Am besten in der Natur, weil ich da am liebsten bin. Wo Wald und Wiese um mich ist, kann ich mich am besten frei ausdrücken. Da entstehen auch die meisten musikalischen Ergüsse. Das aus meiner Sicht ideale Interview könnte aber wahrscheinlich niemand gebrauchen, denn es wäre eher ein Gespräch in freier Wildbahn. Da würde ich mich auch für dich interessieren und hätte mir deine Vita vorher angeguckt oder du dir meine eben nicht.

Wieso fühlst du dich in der Natur am produktivsten?

Meinen Input sammle ich ja mein ganzes Leben über, wenn ich überhaupt nicht daran denke, Musik zu produzieren und kreativ zu sein. Diese Eindrücke werden alle archiviert, kommen sozusagen ins Regal. Wenn es aber nur das gäbe, hätte ich keine Zeit, das Regal zu sortieren und die Inspiration zu etwas Neuem zu formen. Das mache ich dann, wenn ich draußen bin und die Möglichkeit habe, mit mir selbst ins Gespräch zu kommen. Ich wandere raus aus der jeweiligen Stadt, in der ich gerade bin. Das können Parks sein oder ich setze mich ins Auto, fahre drei, vier Stunden in irgendeine Richtung, schlage mein Zelt auf und gehe nackt im See baden.

Deine Projekte binden oft dein Schauspieltalent mit ein. Warst du ein klassischer Schultheater-Nerd?

Meine Theater-Ader geht noch viel weiter zurück. Mein Vater war Schauspieler und hat mich in meiner Kindheit ins Theater geschleppt, in der Grundschule habe ich dann mal im Krippenspiel irgendeinen Hirten gespielt. Das habe ich aber erst im Kosmos meines Alligatoah-Projektes wieder ausgegraben, wie meine Gitarre aus der verstaubten Wohnzimmerecke. Auch das Filmen, das Malen, das Photoshoppen, all die Arten von kreativen Ausdrucksweisen. Ich hatte immer Angst, dass ich mich entscheiden muss, habe aber gemerkt: Ich kann alles machen. In meinem eigenen Kosmos kann ich mich komplett austoben. So kam auch das Schauspiel zu mir zurück.

Ich bin kein hochkarätiger Cutter, kein gelernter Rapper, kein gelernter Gitarrist.
Alligatoah, Künstler

Du schneidest sogar deine Videos selbst. Wie schaffst du es, da streng genug mit dir zu sein?

Das habe ich gelernt. Wenn man die Videos schneidet, beschäftigt man sich permanent mit seinem Äußeren. Ich sehe beim Schneiden die ganze Zeit über meine Fresse. Eine Woche lang gucke ich nur mein eigenes Gesicht an. Wie ich aussehe, mich bewege. Das macht einen verrückt und man neigt dann dazu, die Eitelkeit durchkommen zu lassen und nur Takes zu nehmen, auf denen man gut aussieht, wenngleich sie die Handlung nicht fördern. Mittlerweile kann ich Prioritäten setzen. Mich meiner Fehlbarkeit und meinen Unzulänglichkeiten auszusetzen, ist auch ein Zufallsfaktor, also das Gegenteil von Perfektionismus. Als Künstler folge ich meinem Gefühl und keinen Lehrbuchsätzen. Ich bin kein hochkarätiger Cutter, kein gelernter Rapper, kein gelernter Gitarrist. Und weil es so dilettantisch ist, entsteht etwas, das anders ist als Dinge, die auf dem Reißbrett entworfen sind.

„Schlaftabletten Rotwein V“ ist in der Tradition deiner Mixtape-Reihe entstanden. Wie hat sich die Arbeit daran von deinen Alben unterschieden?

Die „Schlaftabletten Rotwein“-Reihe war schon immer eine Möglichkeit, experimentell zu sein, Sachen auszuprobieren, die für meinen Kosmos ungewöhnlich sind und mir etwas abverlangen. Einen Metal-Song, bei dem ich schreie, habe ich so noch nicht gemacht. Da musste ich erst lernen, wie ich meine Stimme einsetze. Bei meinen Alben davor habe ich keinen Song verworfen. Es gab keine 30, 40 Skizzen, von denen nur die besten genommen wurden. Diesmal habe ich mich in neue Gefilde gewagt und bin zum ersten Mal wieder gegen die Wand gelaufen, habe mir erlaubt, zu scheitern, und Dinge ausprobiert, die am Ende nicht unbedingt aufgegangen sind. Das habe ich sehr genossen – zu wissen, kein Song muss ein Hit oder eine Radio-Single werden. Davon konnte ich mich komplett frei machen.

Durch deine Platte schlängelt sich ein roter Faden: Kulturpessimismus. Welchen Funken Hoffnung hast du, um für diese irreparabel gestörte Gesellschaft trotzdem Musik zu machen?

Ich habe oft das Gefühl, meine Texte werden pessimistischer gelesen, als sie von mir gesehen werden. Meine Beobachtung der Gesellschaft hebt die brutalen, unschönen Sachen hervor, die auf dieser Welt passieren. Der Schluss, den ich daraus ziehe, ist jedoch niemals ein pessimistischer, resignierender. Ich schreibe gerade auf diesem Album zum ersten Mal stark über mich selbst. Sehr versteckt zwischen den Zeilen und an Stellen, an denen man nicht weiß, ob ich von mir oder einer Rolle spreche. Nichts liegt mir ferner, als das auch aufzuklären. Ich rede von Leuten, die sich nicht klar positionieren, und bin oft selbst der Typ, der zwischen den Stühlen steht. Ich gehe niemals mit dem Zeigefinger auf die Gesellschaft zu und sage „ihr“. Sondern ich sage „wir“, damit meine ich genauso mich. Der Hoffnungsschimmer, den ich zu bieten habe, ist: Am Ende steht die Erkenntnis, dass alles, was passiert, in jedem von uns schlummert. Es gibt auf der anderen Seite ja auch schöne Dinge wie Empathie, die das Gleichgewicht dazu bildet. Am Ende des Tages ist der Hoffnungsschimmer, zu sagen: Es gibt nur Menschen, es gibt keine Monster.

Wenn ich in der Gesellschaft ein richtiges Amt bekleiden würde, wäre ich ein Richter und Schlichter, würde versuchen, den Dialog zwischen Menschen zu ermöglichen.
Alligatoah

Deine strikte Trennung von Kunstfigur und Privatperson, die konstante Ironie sind Mittel, mit denen du unverfänglich neutral bleibst. Wieso äußerst du dich lieber ironisch distanziert?

Wenn ich Tacheles reden wollte, hätte ich nicht den Beruf des Musikers oder Künstlers im weiten Sinne gewählt. Kunst bedeutet nicht, etwas klar zu sagen, sondern etwas ästhetisch zu verpacken, manchmal zu verschlüsseln, und zu etwas Neuem und vielleicht Schönem zu machen. Ich glaube, man kann wenig für sein Wesen und seine Weltanschauung. Doch man muss andere Meinungen hören, um sich zu positionieren. Ich habe das irgendwann gemerkt und sehe es genauso kritisch, dass ich diese neutrale Haltung habe und versuche, alle Seiten einzubeziehen und zu verstehen. Da komme ich auch nicht aus meiner Haut raus. Wenn ich in der Gesellschaft ein richtiges Amt bekleiden würde, wäre ich ein Richter und Schlichter, würde versuchen, den Dialog zwischen Menschen zu ermöglichen. Das ist es, was ich kann und was in meinem Wesen liegt.

Konsumsucht, Alkoholismus, Paranoia – du besingst diverse Laster. Zu welchem bekennst du dich selbst?

Zusätzlich zur Eitelkeit, über die wir vorhin gesprochen haben? Smartphone-Sucht ist definitiv ein Laster von mir, obwohl ich Selbstschutzmaßnahmen unternommen habe, wie keine Spiele auf meinem Handy zu installieren und auf Instagram null Personen zu folgen. Dennoch hat man das Ding ständig in der Hand. Ich versuche aber, das abzulegen und habe sogar konsequent smartphonefreie Tage in meinem Leben eingeführt.

Du lästerst auch über social-media-kompatiblen Urlaub. Wann hast du denn dein letztes Selfie gemacht?

(Überlegt sehr lange) Vorgestern. Aber das kommt nicht so oft vor. Ich laufe nicht mit dem Smartphone durch die Natur und fotografiere jeden Stein und jeden Baum. Ich war zwei Wochen in den USA und habe nur zwei Fotos gemacht, die ich jemandem schicken wollte. Man guckt sich das sowieso nicht mehr an. In dem Moment hätte man das Ganze auch wirken lassen können. Im Urlaub sollte man am besten neue Musik kennenlernen, die man mit den gesammelten Erinnerungen verbinden kann, um die Gefühle zu konservieren und später abzurufen.

 

Und wie ist das Album „Schlaftabletten, Rotwein V“?

Alligatoah, musikalischer Vielkönner, verpackt die Neurosen und Attitüden der Stunde erfreulich experimentell: Neben den üblichen Ohrwürmern gibt es rockige und metal-inspirierte Tracks, die funktionieren. Der Zungenschlag des Albums bleibt zynisch und verschont nicht einmal den Künstler selbst.

Unsere Meinung: Schonungslos gut.

Titelbild: Norman Z