Über manche Themen kann oder möchte man keinen journalistischen Text schreiben. Zum Glück gibt es noch viele andere Möglichkeiten, das was einen beschäftigt aufzuschreiben.

Von Elmira Akbarzada, Helmut-Schmidt-Gymnasium Hamburg

„Das Schwarze Fenster“ 

Ein Fenster. Nichts Besonderes.
Es ist da, aber schnell nimmt man es nicht mehr wahr.
Du willst wissen, ob es regnet, und öffnest deine Wetter-App. Stimmt’s?

Ein Fenster.

Mein Fenster ist anders, anders als alle anderen:
Mein Fenster ist schwarz.
Blickdicht.

Es war nicht immer so, aber eines Tages geschah es:
Das einzige Fenster, das ich je besaß, wurde bemalt.
Bemalt mit dickflüssiger, schwarzer Farbe.
Es ging schnell und hat keine Bemühungen gekostet.
Die … die schwarze dickflüssige Farbe war nass!
Je mehr ich daran rieb, um mir verzweifelt die Sicht frei zu wischen, desto schlimmer wurde es und desto mehr verteilte sich diese schwarze Farbe.
Die Farbe war überall, an meinen Klamotten, an meinen Haaren, an den Wänden.
Ü-ber-all.

Es überanstrengte mich und ich gab auf.
Lebte mit einem Fenster ohne eine Sicht nach draußen.
Und so vergingen Tage.

Ich ließ die Farbe trocknen.
Es ermüdete mich, im Dunkeln zu leben und nie wieder die Sonnenstrahlen
auf meinem kleinen, runden Teppich vor meinem Bett zu sehen.
Ich bildete mir ein, die Farben des Himmels vergessen zu haben:
War er blau oder rot?
Regnete es oder schien die Sonne ?

Ich musste lernen, mich auf meine Sinne zu verlassen.
War es kalt, so spürte ich den kalten Zug, der mir über meinen Rücken lief.
War es warm, erstickte ich in meiner Dunkelkammer.
Und wenn es mal regnete, hörte ich ein Konzert, dirigiert vom Wind.
Und so vergingen Wochen.

Ich wollte nicht aufgeben und begann langsam, die getrocknete Farbe abzukratzen.
Es tat weh.
Dieses Geräusch, wenn meine Nägel an der Scheibe kratzten.
Dieser Schmerz!
Ich durfte nicht aufhören.

Ich schaffte mir ein Guckloch durch die schwarze Wand, die mich trennte von der Sicht:
Winzig klein, und doch war es die Welt für mich.
Doch das Licht, das zum ersten Mal nach Monaten schien, war anders, anders als in meiner Erinnerung.
Es war nicht mehr warm, es war gemein und aggressiv: zu grell.
So grell, dass es mir wehtat.

Ich hatte mich schon zu sehr an die Dunkelheit gewöhnt.
Und nun ist es zu spät.
Es vergehen Jahre, und ich?
Ich gewöhne mich immer mehr an die Dunkelheit.
Akzeptiere sie.

Für mich sind Fenster, meine Sicht: nie wieder selbstverständlich.
Sie wurde mir genauso einfach geraubt, genauso einfach, wie sie mir gegeben wurde.

Hintergrund: Säureattentate zeichnen die Opfer für immer

Das Gedicht über das erblindete Mädchen ist Fiktion. Die Autorin Elmira Akbarzada sollte in der Schule einen Poetry Slam zum Thema „eingeschlossen / ausgeschlossen“ schreiben – das ist das Resultat. Elmira findet, dass zu wenig darüber berichtet wird, was Frauen und Mädchen in vielen Teilen der Welt täglich angetan wird. Darauf will sie mit diesem Poetry Slam über Säureattentate aufmerksam machen.

Angriffe mit ätzenden Flüssigkeiten sind schlimme Formen der Körperverletzung. Sie finden überall auf der Welt statt. Laut der Organisation Acid Survivors Trust International werden jährlich rund 1.500 Angriffe mit Säure registriert, doch in Wahrheit werden es deutlich mehr sein. Auch wenn in diesem Jahr besonders der Fall von innogy-Vorstand Bernhard Günther, der in Haan Opfer eines Säureattentats wurde, in den deutschen Medien Beachtung fand: 80 Prozent der Opfer sollen Frauen sein, die Täter mehrheitlich Männer.

Solche Attentate werden besonders häufig in Ländern begangen, in denen Frauen noch immer als weniger wertvoll angesehen werden als Männer: Indien, Bangladesch, Pakistan. Oft geht es um Rache und Einschüchterung, nicht selten geschehen die Verbrechen im Familien- und Bekanntenkreis. In manchen Fällen reicht es, dass eine Frau Nein zu einem Heiratsantrag gesagt hat.

„Ich werde weiter zur Schule gehen, auch wenn sie mich umbringen.“
Schamsia, Opfer eines Säureangriffs

In Afghanistan, dem Herkunftsland der Eltern der Autorin des obigen Gedichts, verüben Islamisten regelmäßig solche Anschläge, auch, um Mädchen davon abzuhalten, zur Schule zu gehen. Unter der Herrschaft der Taliban war Mädchen der Schulbesuch nämlich untersagt, noch immer ist Bildung nicht selbstverständlich für sie. Im Jahr 2008 erregte ein Anschlag besonderes Aufsehen: 15 Mädchen wurden auf dem Schulweg mit Wasserpistolen bespritzt, die mit Säure gefüllt waren. Eines der Opfer, die 17-jährige Schamsia, sagte noch im Krankenhaus: „Ich werde weiter zur Schule gehen, auch wenn sie mich umbringen.“

Auch das Vereinigte Königreich steht auf dieser traurigen Liste ganz weit oben. Dort sind übrigens mehr Männer als Frauen betroffen, die Säureattentate stehen vermehrt im Zusammenhang mit Raub und Bandenkriminalität. Der Kriminologe Simon Harding erklärte dem „Hamburger Abendblatt“ dazu, Säure sei für die Täter eine billige und legale Waffe. Sie wollten „das Opfer durch einen Akt der Dominanz entstellen und dadurch einen Rivalen ausschalten“.

Säureangriffe haben Folgen für Körper und Seele

Säureangriffe verursachen nicht nur Narben, sie können auch zu Erblindung und sogar zum Tod führen. Es wird in diesem Zusammenhang häufig von lebensverändernden Verletzungen gesprochen, da die Opfer für immer von diesem Verbrechen gezeichnet sind. Die Überlebenden haben oft mit großer Scham und psychischen Problemen wie Depressionen zu kämpfen.

Auf der Webseite von Acid Survivors Trust International erzählen Farida und Flavia von ihrem Leben danach. Sie machen damit genau das, was die Täter nicht wollten: Sie machen weiter, stehen in der Öffentlichkeit, zeigen sich und lassen sich nicht unterkriegen. (funky)

 

Bild: Isabel Dangus