„Das Gewicht ist nicht ausschlaggebend“ sagt Psychotherapeut Stephan Kalveram, mit dem wir über Schönheit gesprochen haben.

Federn ohne Hintergrund

Von Leonie Wendt

In einem hellen Raum, der eher an ein gemütliches Wohnzimmer als an eine Praxis erinnert, sitze ich auf einem bequemen Sessel. Mir gegenüber sitzt der Psychotherapeut Stephan Kalveram. Ich habe ihm Fragen zum Thema „Schönheit“ gestellt und erfahren, was passiert, wenn sich junge Leute nicht als schön empfinden.

Stephan Kalveram, Psychotherapeut

Stephan Kalveram, Psychotherapeut

Was bedeutet für Sie „Schönheit“?
Das ist eine schwierige Frage! Schönheit sind für mich auch innere Werte. Ich glaube, bei jemandem, mit dem ich mich nicht verstehe, sehe ich auch keine Schönheit. Schönheit ist aber auch, wenn man von Anfang an sympathisch rüberkommt, vielleicht auch angemessen gekleidet ist und gut in Kontakt kommt. Geruch ist für mich auch sehr wichtig! Also wenn jemand extrem nach Rauch riecht oder extrem nach Schweiß, dann kann der aussehen, wie er will. Da bin ich in der Situation so vorbelastet, dass ich dann auch die Schönheit nicht mehr erkenne.
Ich glaube, da merkt man, dass ich es schwierig finde, Schönheit zu definieren, weil ganz viele andere Dinge auch noch wichtig sind. Mir ist durch meine Arbeit natürlich klar, wie das klassische Schönheitsideal unserer westlichen Gesellschaft aussieht, aber für mich ist das etwas anders.Für mich ist nicht jeder, der einen BMI von 16 hat, wunderschön.

Was ist die Gefahr, wenn sich junge Patienten nicht als schön empfinden?
Die Gefahr ist, dass viele glauben, wenn sie dünner sind, sind sie schön! Damit habe ich jeden Tag zu tun. Wenn junge Patienten zu mir kommen, nachdem sie viel abgenommen haben, würden die meisten Leute sagen, dass sie vor der Erkrankung schöner waren. Man versucht sich oft durch Gewichtsreduktion zu verschönern. Das wäre bei tatsächlich übergewichtigen Leuten eine interessante Überlegung und ist sicherlich auch wirkungsvoll. Allerdings nicht bei den Menschen, mit denen ich hier zu tun habe. Die sind in der Regel schon schlank und wollen dann halt noch schlanker werden. Die Patienten nehmen das selbst wahr und haben dadurch das Gefühl, noch weiter abnehmen zu müssen. Wenn man da nicht therapeutisch behandeln würde, würden sie an Unterernährung sterben. Sie können so viel abnehmen, wie sie wollen, denn schön finden werden sie sich dadurch nie.

„Die meisten, die an Magersucht leiden, fanden sich zu irgendeinem Zeitpunkt nicht schön“
Stephan Kalveram

Ist denn sich nicht schön zu finden immer gleich Magersucht, oder gibt es noch andere Auswirkungen?
Es gibt natürlich noch andere Auswirkungen. Ich glaube, ich habe jetzt einfach damit angefangen, weil das mein Schwerpunkt ist. Nicht jeder, der sich nicht schön findet, leidet auch an Magersucht. Aber die meisten, die an Magersucht leiden, fanden sich zu irgendeinem Zeitpunkt nicht schön.

Was sind denn so die ersten Schritte, die in der Therapie anstehen?
Am Anfang steht das Kennenlernen im Vordergrund. Was ist einem passiert? Wie ist man da reingerutscht? Patienten, die zu mir kommen, haben oft schon zehn bis 15 Kilo abgenommen, bei einer Größe von vielleicht 1,65 Metern. Das ist eine ganze Menge, wenn man von einem normalen Gewicht ausgeht. Bevor es losgeht, muss klar werden, was die Risiken der Krankheit sind und warum es sich lohnt, daran zu arbeiten. Erst mal muss dann das strukturierte Essen wieder gelernt werden. Wir erstellen gemeinsam einen Essensplan, also was überhaupt gegessen werden soll. Dann entwirft der Patient ein Essenstagebuch. Darin wird aufgeschrieben, was dann tatsächlich gegessen wurde. Das ist ein zentrales Element der Therapie, was ich durchziehe. Erst danach kommt die Arbeit an den Kognitionen, um zu gucken, was überhaupt dahintersteckt.

Letzte Frage: Empfinden Sie sich selbst als schön? Warum?
Jedenfalls quälen mich nicht ständig Gedanken, dass ich mich nicht schön finde oder gerne anders aussehen würde. Ich hatte ja am Anfang schon gesagt, dass ich das Gewicht nicht als ausschlaggebend für Schönheit empfinde. Trotzdem ist mir das nicht egal. Ich habe im letzten Jahr ein paar Kilo zugenommen. Die habe ich jetzt wieder abgenommen. Darüber freue ich mich, aber eher aus einem gesundheitlichen Aspekt. Ich bin zufrieden mit mir! Vor dem Hintergrund, was ich am Anfang gesagt habe, finde ich mich schön genug. Ich habe nicht den Wunsch, mich zu verschönern!

 

Über die Serie „Körpergefühle“
Fragen rund um den erwachsen werdenden Körper und die Selbstfindung werden in der Serie „Körpergefühle“ verhandelt. Den Anfang macht die Frage „Was ist schön?“ Im Laufe der nächsten Wochen werden wir uns noch mit Jugendpsychologen unterhalten. Wir werden den Einfluss von Instagram auf das Selbstbild von jungen Menschen analysieren, im Selbsttest herausfinden, ob es wirklich sinnvoll ist, sich nur um sich selbst zu kümmern und Schönheitsideale kommentieren. Viele Befragte gaben in der Online-Umfrage an, sich besser zu fühlen, wenn sie sich gut gestylt haben. Auch in der Natur ist das Phänomen weit verbreitet, insbesondere unter Vögeln. Deswegen schmücken vier Federn jeden Artikel, der zur Serie gehört.

 

Titelbild: Getty Images/Katarzynabialasiewicz