Mit 15 Jahren ist Marian Grau wahrscheinlich Deutschlands jüngster Reiseblogger. Jetzt hat er ein berührendes Buch geschrieben. Ein Interview

Er reist für sein Leben gern. Sucht jeden Tag Flüge, checkt neue Reiseziele aus. Bloggt darüber. Jetzt hat Marian – neben der Schule – auch noch ein Buch geschrieben. Der Titel: „Bruderherz. Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt.“

Du hast mit 15 Jahren schon 31 Länder bereist. Muss ja schön sein, wenn die Eltern alles organisieren und bezahlen …
Weder noch! Meistens suche ich das Reiseziel aus und versuche dann, meinen Vater oder meine Mutter – die leben getrennt – davon zu begeistern. Und ich zahle meinen Flug und ein paar Unterkünfte immer selbst.

Woher nimmst du das Geld?
Zeugnis, Geburtstag, Weihnachten – ich wünsche mir: Geld. Ist natürlich unpersönlich, aber davon kann ich meinen Traum weiter finanzieren.

Als Blogger könntest du sicher Influencer werden und damit Geld verdienen.
Nee! Für mich ist schon das Wort negativ behaftet. Und meinen Lesern etwas verkaufen … Nee. Ich gründe später sicher auch kein Reisebüro – ich möchte ja nicht irgendjemandem das beste Hotel auf Malle vermitteln. Ich will lieber spannende Sachen on tour machen. Vielleicht mache ich mal was mit Medien.

Jetzt hast du erst mal ein Buch geschrieben. Worum geht es da?
Es handelt vom Leben mit meinem Bruder Marlon, von unserem Alltag, von unseren Schwierigkeiten und vom Urlaub, den wir miteinander verbracht haben. Und es geht um meine Reisen und darum, wie Marlon sechs Jahre nach seinem Tod präsenter denn je ist in meinem Leben.

Wie ist die Verbindung zwischen Marlon und dem Reisen?
Er ist immer mit dabei – also wirklich (holt ein gerahmtes Bild von seinem lachenden Bruder hervor). Ich hätte ihm gerne die Welt gezeigt, deshalb nehme ich ihn mit. Wir entdecken zusammen die Welt.

Marlon hatte das Leigh-Syndrom, bei dem die Lebenserwartung nur wenige Jahre beträgt. Da war an größere Trips wahrscheinlich nicht zu denken.
Früher sind wir jedes Jahr zweimal ins Kinderhospiz gefahren. Das war für mich die schönste Zeit im Jahr. Ich habe nichts vermisst, habe nicht gesagt: „Mir wird langweilig, lasst uns doch mal woanders hinfahren.“ Das Reisefieber kam erst später, etwa zwei Jahre nach Marlons Tod, und geht auf meine Mutter zurück: Die kam eines Nachmittags mit der Idee nach Hause, zu Weihnachten etwas ganz Besonderes zu machen und nach Kambodscha zu reisen. Da hat sie sich was eingebrockt … Seitdem wähle ich die Reiseziele aus und sage, wo’s langgeht.

Was muss ein Land haben, um deinen Reisewunsch zu wecken?
Gutes Essen. Tolle Menschen. Aufregende Geschichte. Interessante Kultur.

Was darf in deinem Gepäck nicht fehlen?
Die Reiseplanung, eine dick gefüllte Klarsichtfolie mit einer großen Tabelle – mit jedem Tag einzeln und dem, was ich so angedacht habe. Dann natürlich ein Bild von meinem Bruder. Was zum Essen. In Asien fährt man schon mal richtig lange Bus, da ist das Gold wert. Ein Tablet ist auch gut. Mein Vater hat auf unseren Reisen außerdem Haare von meinem Bruder in einem Kuvert dabei. Wir verteilen sie an ganz besonderen Orten. Ich finde es toll, dass ein Teil von ihm am Nordkap ist und einer an der Copacabana und ein anderer bei Machu Picchu …

Was ist Reisen für dich: eine Form der Verarbeitung, weglaufen …?
Therapie. Für mich ist es nicht weglaufen, es ist Freiheit. Auf Reisen warten Herausforderungen darauf, gemeistert zu werden. Reisen prägt. Reisen ist total spannend, das hat was mit Neugier zu tun. Neugierige Menschen sollten auf jeden Fall reisen. Und es macht natürlich Mordsspaß.

Jetzt bitte nicht lange überlegen: Stadt oder Land?
(zögert) Stadt.

Hotel oder Hütte?
Hütte.

Propellermaschine oder Jumbo-Jet?
Jumbo-Jet.

Bus oder Zug?
Zug.

Alleine reisen oder in Gesellschaft?
Als Minderjähriger kann ich nicht mal in ein Hotel einchecken. Aber ich finde es eh ganz nett, wenn man jemanden hat. Dann kann man quatschen und es ist nicht so langweilig.

Bester Reisebegleiter?
Meine Mutter, die ist cool. Ich bin auch so ein kleines Muttersöhnchen.

Planen oder spontan sein?
Ich bin spontan. Es sollte schon geplant laufen, aber wenn man sagt: „Ach guck mal, da sieht’s auch schön aus“, ist es kein Problem, wenn man links abbiegt.

Bekanntes oder Neues?
Ich finde, das zweite Mal ist nie so schön wie das erste Mal. Deswegen bin ich ein Freund von Neuem.

Liebstes Reiseziel?
Bangkok. Und Kambodscha.

Und die nächsten?
Mit meiner Tante ins Baltikum – Pfingsten. Mit meiner Mutter nach Dubai – August. Mit meinem Vater und seiner Frau nach New York – Oktober. Und mit meiner Mutter und einer Freundin nach Taiwan – zum Jahreswechsel.

Klingt irgendwie auch ganz schön stressig. Wie gut kannst du dich auf die vielen Reisen einlassen?
Für mich ist Reisen kein Stress. Mich auf jede einzelne Reise vorzubereiten und dann loszuziehen, ist genau das, was ich brauche, um mich gut zu fühlen.

Hört das wohl je auf mit deiner Reiselust?
Es gibt so viel zu entdecken. Von daher: Glaube ich nicht.

Wie gerne bist du eigentlich zu Hause?
Gerne! Ich bin zwar auch gerne draußen und unterwegs, aber ich sitze auch gerne mit meinem Hund auf der Couch.

Du bist ganz schön viel mit dem Flugzeug unterwegs. Tust du im Gegenzug was fürs Klima?
(schaut entschuldigend) Nein … Es ist ein schlimmes Thema, aber es ist eine Leidenschaft von mir. Ich fliege gerne. Andere Menschen rauchen halt. (lacht) Wenn ich die Wahl habe zwischen sieben Stunden Zug und einer Stunde Flugzeug, was ein bisschen aufregender ist, dann nehme ich leider das Flugzeug. Aber ich würde nicht von Stuttgart nach München fliegen. Und es gibt ja so Leute auf YouTube, die fliegen nach Australien, um da zwei Stunden am Flughafen zu sitzen und dann wieder zurückzufliegen – für ein Video. Da sage selbst ich: Die haben einen Schatten.

Eins noch: bloggen oder Buch schreiben?
Buch schreiben. Weil man mit mehr Menschen in Kontakt kommt, und zwar anders als beim Bloggen nicht nur virtuell.

Reiseberichte und nützliche Tipps von Marian findet ihr auf seinem Blog geomarian.de

Das Interview führte Lukas Wohner aus der funky-Jugendredaktion.

Beitragsbild: privat.