Warum die Internetsucht, so wie sie Studien untersuchen, ein fragwürdiges Konzept ist.

„Studie – So süchtig machen WhatsApp, Instagram und Co.“ Wenn ich schon so eine Überschrift lese, macht sich ein unwohliges Kribbeln in meinem Bauch breit, das sich sogleich in die Finger ausbreitet. Wer, wie die DAK, so titelt, weiß schon, wo die Reise hingehen soll. 2,6 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren erfüllen, nach besagter Studie, die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der in den Niederlanden entwickelten „Social Media Disorder Scale“. Das ist eine Umfrage, anhand welcher getestet wird, ob jemand suchtähnliches Verhalten in Bezug auf seine Internetnutzung aufweist.

Dabei sind vielerlei Faktoren aus meiner Sicht seltsam. Sind Instagram und WhatsApp tatsächlich bei einer Frage von Sucht in einen Topf zu werfen? Wenn ich auf WhatsApp-Nachrichten antworte oder welche verschicke, dann trete ich mit Freunden in Kontakt. Ich pflege also meine sozialen Kontakte. Wenn ich Instagram benutze, schaue ich mir erst mal den Alltag anderer Menschen an. Dann schreibe ich auch dort Nachrichten, hinterlasse Anerkennung und Kommentare. Instagram ist anders als WhatsApp eine Art und Weise, meinem schnöden, grauen Alltag zu entfliehen, mich in andere Wohnungen, andere Hobbys und andere Beziehungen hineinzuträumen. Ich erkenne hier durchaus das Potenzial, abzuschweifen in eine Welt, die nicht meine ist. Darüber die Zeit und vielleicht auch die harte Realität zu vergessen, ist gut möglich.

Die Sache mit dem Realitätsverlust

Ich möchte an dieser Stelle einwerfen, dass immer bei neuen technologischen Entwicklungen Ängste vor Sucht und Realitätsverlust geschürt werden, auch wenn Smartphones und Social Media nicht mehr wirklich neu sind. Als der Buchdruck Popularität gewann, hatten Gelehrte Angst, gerade Frauen könnten sich in dieser fiktiven Welt der Romane verlieren. Über die schönen Geschichten vergaßen diese Frauen doch glatt die Zeit – ein Schreckensszenario in einer Welt, in der Frauen für Ordnung, Schönheit und häuslichen Fleiß standen.

Wenn heute eine junge Frau oder ein junger Mann in der Bahn und im Bus, am besten noch stehend und die Welt ignorierend, ein Buch liest, wird sie oder er als beispielhaft vernünftig und gebildet mit einem Lächeln von den älteren Fahrgästen bedacht. Müssten wir den jungen Menschen nun nicht eigentlich bei der Hand nehmen und zur Therapie bringen? Er gefährdet sich doch selbst, wenn er stets nur in sein Buch guckt.

Die Sache mit der Kommunikation

Noch etwas irritiert mich sehr. Es gibt zahllose Tests für Jugendliche, mit denen man herausfinden kann, ob man nun auch zu den 2,6 Prozent der Süchtigen gehört, oder vielleicht doch zu den 97,4 Prozent der Nicht-Süchtigen. Im Übrigen ist das ein Prozentsatz, bei dem in anderen Zusammenhängen von fast allen gesprochen werden würde. Bei der DAK werde ich gefragt, ob mein Nutzungsverhalten zu Streit führt. 22 Prozent der von der DAK befragten Jugendlichen stimmten dem mit „manchmal“ bis „sehr häufig“ zu. Das ist nur logisch.

Wenn meine Eltern aus der Sicht ihrer Generation mein Gesurfe sehen, dann haben sie Angst, weil sie nicht verstehen, was ich da tue. Würde ich ein Buch lesen oder Sport treiben, wäre das etwas anderes. Außer, und nun kommt der Punkt, von dem ich glaube, dass er ausschlaggebend für die Aussagen der 22 Prozent war, die Nutzung des Internets verhindert, dass Hausaufgaben oder ähnlich „Sinnvolles“ gemacht werden. Das bedeutet, es gibt Streit, weil etwas verhindert hat, dass ich mich nützlich gemacht habe. Die Ursache dafür ist vermutlich nebensächlich. Würde ich in derselben Zeit lieber einen Fußball gegen die Wand kicken, Ponys streicheln oder die Choreo noch ein zehntes Mal üben, würden meine Eltern ebenso kopfstehen, in der Angst, ich könne die Schule vernachlässigen oder sie. Es liegt also wie so häufig nicht am Medium, sondern an der Kommunikation.

Die Sache mit der Nutzung

Und noch etwas ist merkwürdig: Die synchrone Verwendung der Wörter online und Social Media sowie das abwertende Instagram und Co. Es gibt kleine, aber feine Unterschiede. Online ist mein Smartphone ständig. Genauso ist es mit dem Internet verbunden. Wenn ich persönlich angeben müsste, wie viele Stunden am Tag ich online bin, müsste ich vermutlich 23,5 Stunden angeben. Die halbe Stunde verbringe ich unterirdisch in der U-Bahn und habe kein Netz.

Entscheidend ist aber, dass ich das Internet nicht immer nutze und es hochgradig unterschiedlich nutzen kann. Niemand wird von Sucht sprechen, wenn ich angebe, acht Stunden am Computer zu arbeiten und mich dabei von Website zu Website zu klicken, Mails und WhatsApp-Nachrichten zu schreiben, bei Instagram Bilder zu posten und zwischendurch noch Facebook zu checken. Und das, obwohl ich bei jedem Server-Problem, bei jedem „Diese Website ist zurzeit leider nicht verfügbar“ und jeder Warnmeldung, mein E-Mail-Postfach wäre voll, nervöse Zuckungen bis Wutanfälle bekomme.

Dieselbe Zeit vor Netflix wäre höchst alarmierend. Dieselbe Reaktion, wenn Netflix down ist, wäre Indiz mich einzuliefern. Solche Unterschiede werden in den meisten Tests, die ich online machen kann, aber nicht getroffen. Die von der DAK befragten Jugendlichen wurden immerhin konkret nach verschiedenen sozialen Netzwerken gefragt. Ob sie bei WhatsApp aber Papi nach dem Einkaufszettel gefragt haben oder sich in die Welt eines anderen vertiefen, interessiert niemanden. Eine reine Feststellung der Nutzungsdauer sagt im Fall der Internetnutzung nichts über süchtig oder nicht süchtig aus.