Warum es leichter ist, gegen etwas zu sein – statt dafür

Füße auf Scherben
(c) Matthias Ripp/flickr/CC BY 2.0

Würdest du für Bio-Eier auf die Straße gehen? Nein, aber vielleicht gegen Massentierhaltung? Gedanken zur Protestkultur und darüber, warum es viel leichter ist, gegen etwas zu sein.

Mit dem Protestieren ist es ein wenig wie mit Dates. Man ist sehr schnell dagegen. Es braucht nur einen guten Grund und man ist  gegen ein Date, weil die Person die falschen Schuhe trägt, gegen Massentierhaltung, weil das Tierquälerei ist, und gegen Atomkraft, weil es uns alle töten könnte. Wenn es aber darum geht, für etwas zu sein, wird es deutlich komplizierter. Denn wenn man für etwas ist, kann man nicht einfach mit „nein“ kontern, sollte einem Gegenwind entgegen schlagen. Für etwas oder jemanden zu sein, bedeutet dahinter zu stehen, Argumente hervorbringen können, überzeugend sein, konstruktive – allein schon dieses Wort – Vorschläge machen. Das ist schwerer als „nein“. Viel schwerer. „Nein“ ist absolut, „ja“ ist relativ.

Das Wörtchen „ja“ hat es darüber hinaus in unserem Sprachgebrauch nicht leicht. Jasager haben keine Meinung. Zu allem Ja und Amen sagen, steht für Unterwürfigkeit. Für etwas zu sein, klingt nach Hippietum, dagegen zu protestieren nach Revolution. Und, Hand aufs Herz, Revolution klingt schon besser.

Der Vergleich mit dem Date passt auch deswegen, weil hier das Nein des einen wirkt, wie das Veto des Bundespräsidenten: Es kippt das ganze Unterfangen. Doch der Bundespräsident sagt selten „nein“. Warum eigentlich? Ist er ein Jasager oder vielleicht unser neues Vorbild in Sachen positiver Demonstrationskultur?

Frank-Walter als Vorbild?

Nun der Bundespräsident hat die Pflicht jedes Bundesgesetz auf Verfassungsmäßigkeit zu prüfen. Da in aller Regel neue Gesetze im Bundestag nach den Vorschriften des Grundgesetzes und im Einklang mit der Verfassung zustande kommen, muss der Bundespräsident selten nein sagen. Insgesamt acht Mal ist es in der Geschichte der Bundesrepublik erst vorgekommen, dass ein Gesetz am Bundespräsidenten gescheitert ist. In erster Linie hat er repräsentative Funktionen und hält ermutigende Reden. Frank-Walter Steinmeier appellierte erst kürzlich an die Vorbildfunktion Berlins, kulturelle Vielfalt zu leben. Frank-Walter appelliert so oder so gerne an das Gute, indem er auf das vergangene Gute zurückblickt. Doch hilft uns das?

Nicht wirklich. Denn für einen Protest oder eine Demo braucht es ein konkretes Feindbild. Stuttgart 21, der Ursprung der neueren deutschen Protestkultur, die Geburtsstunde des Wutbürgers, hatte einen Ort und ein konkretes, materielles Bauwerk, gegen das demonstriert werden konnte. Auch die AfD, eine der neueren institutionellen Protestbewegung, hat zwei klare Feinde gefunden: in der Person von Angela Merkel und in der Gruppe von Flüchtlingen, die nach Deutschland kamen und kommen. Auch die Proteste zum G20-Gipfel in diesem Jahr hatten eine Gruppe von Politikern zum Feind und noch dazu einen konkreten Termin sowie einen konkreten Ort. Hamburg, 7. und 8. Juli 2017, gegen G20 und los geht’s!

Ein Erklärungsversuch

Doch die Demos rund um den G20-Gipfel zeigen noch etwas, was uns eigentlich schon lange durch die AfD hätte klar sein könnte: Nur wer laut schreit, wer etwas kaputt macht, die Regeln bricht, der wird auch gehört. Die vielen ehrenamtlich Helfenden im Jahr 2015 und danach verschwanden fast in dem ganzen Hass, der von der AfD, von PEGIDA und anderen enttäuschten Bürgern in die Welt geblasen wurde. Viele friedliche und kreative Proteste zum G20-Gipfel wurden nicht gehört und sind nicht so im Gedächtnis geblieben, weil einige Randalierer, plakativ gesagt, Hamburg anzündeten.

„Nein!“ lässt sich eben schlichtweg lauter rufen als „Ja!“.

Titelbild: Shattered (c) Matthias Ripp veröffentlicht unter der Creative Commons Licence CC BY 2.0

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Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich nur einen Job, der mir nie langweilig wird. Die Kulturszene, dachte ich mir, ist doch eine Szene voller Wandel. Deswegen habe ich Kulturarbeit studiert. Später habe ich festgestellt, dass es im Journalismus noch mehr Abwechslung gibt, weil man stets auf der konkreten Suche nach den neuen heißen Themen ist. Doch weil über Vergangenheit und Gegenwart schon so viel geschrieben wird, studiere ich nun Zukunftsforschung und schaue, ganz ohne Glaskugel, in die Zukunft.

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