Indie trifft auf Orchester: Bear’s Den kleiden frühere Songs in neues Gewand

Was dreht sich da Neues auf den Plattentellern? Unser Musikkolumnist Moritz greift für euch tief in die Plattenkiste, hört in vielversprechende Alben rein und fördert neues Genuss- und Ohrwurmpotential zutage. Wo sollte man genauer hinhören?

Bear’s Den – Fragments

Fans des britischen Folk-Rock aufgepasst: Bear’s Den sind zurück! Für ihr neues Album haben sich Sänger Andrew Davie und Gitarrist Kevin Jones den Komponisten Paul Frith geschnappt und einige ihrer früheren Werke neu eingespielt – in Begleitung einiger der besten Streichmusiker Londons. „Fragments“ ist daher kein neues Album im klassischen Sinne: Neben den neu interpretierten Songs sind noch einige Instrumentalstücke hinzugekommen, gänzlich neue Songs gibt es allerdings nicht zu hören. Doch das schmälert die Qualität der Stücke keineswegs. Gerade langjährige Fans der Band und ihres schaurig-schönen Sounds werden durch die aufwändige orchestrale Untermalung ganz neue Facetten in geliebten Klassikern wie „Isaac“ oder „Auld Wives“ erkennen. Der Albumtitel hat hier Programm: Die alten Songs, zu Fragmenten zerbrochen, neu zusammengesetzt und arrangiert, erstrahlen in neuem Glanz. Komponist Frith, der bereits zuvor mit dem Duo zusammengearbeitet hatte und auch für Kompositionen anderer Größen wie The xx oder Radiohead verantwortlich zeichnete, kleidet Davies Stimme gekonnt in ein neues Gewand, sorgt hier mal für Spannung, da mal für Ruhe. Das Ergebnis klingt sehr ausgeglichen – und am Ende vielleicht sogar ein wenig zu sauber. Dennoch überzeugt „Fragments“ als Crossover-Kunstwerk und vermag nicht nur langjährige Fans der beiden Briten zu verzaubern.

Unsere Meinung: Orchestrale Neuinterpretation großartiger Indie-Songs.

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Doves – The Universal Want

Gut Ding will Weile haben: Das haben sich die Mitglieder der britischen Rockband Doves wohl sehr zu Herzen genommen. Die drei Herren aus Manchester, die in den 2000ern den britischen Pop-Rock-Sound maßgeblich mitgeprägt haben und unter anderem auch zum Soundtrack von großartigen Serien wie Scrubs beigetragen haben, verschwanden 2010 gänzlich von der Bildfläche. Mehr als eine Dekade musste nun vergehen, bis sie ihre mittlerweile fünfte LP „The Universal Want“ veröffentlicht haben. Wer sich noch an frühere Werke der immerhin 1998 gegründeten Band erinnert, weiß, dass hier soundtechnisch nichts dem Zufall überlassen wird: Die Qualität der Produktion sucht ihresgleichen, jeder Ton, jedes Gitarrenriff, jeder Beat wurde mit penibler Genauigkeit an der exakt richtigen Stelle platziert.

Dieser perfektionistische Anspruch ist beim Durchhören der 10 Tracks jederzeit spürbar, doch klingt die Platte dabei stets authentisch und niemals erzwungen. Tatsächlich steht sie früheren Werken in nichts nach und knüpft mehr oder weniger direkt an vergangene Hits der Band an. So fühlt man sich mitunter zurückversetzt in die Prä-Streaming-Ära, in der das musikalische Handwerk tatsächlich noch den Erfolg eines Künstlers bestimmte. Die detailverliebten Nuancen fügen sich schnell zu einem epischen Gesamtkonstrukt zusammen, das den Hörer schon nach der ersten Minute des potenten Openers „Carousel“ abholt und – in typischer Doves-Manier – selbst an den erhabensten Stellen stets von einem Hauch Melancholie begleitet wird. Bleibt bloß zu hoffen, dass Konzerte bald wieder möglich sein werden, denn „The Universal Want“ schreit wie kaum ein anderes Werk danach, live erlebt zu werden.

Unsere Meinung: Perfekt produziertes, episches Pop-Rock-Album.

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Big Sean – Detroit 2

Obwohl Big Sean im Jahr 2011 mit seinem Debütalbum „Finally Famous“ bereits hoch hinausschoss, zementierte der ehemalige Protegé von Großmeister Kanye West seine Stellung als feste Größe am Hip-Hop-Himmel erst ein Jahr später mit der Veröffentlichung seines gefeierten Mixtapes „Detroit“. Acht Jahre später folgt nun die Fortsetzung „Detroit 2“, mitunter ein Liebesbekenntnis an Seans krisengebeutelte Heimatstadt. Da wundert es nicht, dass Sean etliche Künstler aus Detroit auf seiner Platte vereint – allein auf der „Friday Night Cypher“ finden sich zehn weitere Detroiter MCs ein, darunter auch Eminem höchstpersönlich. Auch sonst war Big Sean mal wieder umtriebig: Weitere Größen wie Post Malone, Travis Scott und sogar Stevie Wonder finden den Weg auf das neue Tape. Es schadet eben nicht, ein Superstar des Genres zu sein.

Sean gibt sich wie gewohnt vielseitig, mal introspektiv und tiefschürfend vor ruhiger Soundkulisse, mal unangenehm und laut auf wummernden Trap-Beats. Der Sound, an dem auch Kanye West als Executive Producer beteiligt war, wirkt nur an mancher Stelle etwas zu dicht, wenn die scheppernden Beats dazu neigen, Seans Message zu erdrücken. Abgesehen davon sind die 21 Tracks auf „Detroit 2“ eine sehr heterogene Mischung, mit der der Rapper wieder einmal sein lyrisches und technisches Können unter Beweis stellt. Das Mixtape soll übrigens mit dem Anspruch entstanden sein, ausschließlich Textzeilen zu enthalten, die Fans sich als Tattoo stechen lassen wollen. Das mag etwas überambitioniert sein, denn zugegebenermaßen spielt die Platte – auch textlich – nicht in der absoluten Topliga. Trotzdem sollten sich Hip-Hop-Fans diesen musikalischen Trip durch Detroit keinesfalls entgehen lassen.

Unsere Meinung: Vielseitige, mit etlichen Featuregästen veredelte Rap-Platte. Reinhören lohnt sich!

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Dominic Fike – What Could Possibly Go Wrong

Rap trifft auf lässigen Surfer-Sound: Mit Dominic Fike schickt sich ein weiterer Newcomer an, das inzwischen ohnehin schon breit gefächerte musikalische Spektrum des amerikanischen New School HipHop um weitere Nuancen zu ergänzen. Ganz unbekannt war der 24-Jährige allerdings nicht mehr, als er am vergangenen Freitag sein Debütalbum „What Could Possibly Go Wrong“ beim Major-Label Columbia Records veröffentlichte. Schon 2019 erklärten sich Szenegrößen wie Billie Eilish und DJ Khaled zu Fike-Fans und verhalfen dem Rapper und Sänger so zu wachsender Bekanntheit. Auf seinem Debütalbum nun versucht er sich daran, neben herrlich frischen Gitarrenriffs alle möglichen anderen Genres unter einem Dach zu vereinen. So finden sich unter anderem klassischer Chart-Pop („Chicken Tenders“), R&B-inspirierte Songs („Vampire“) und ätherische Elektroballaden („Florida“) auf der Platte zusammen. Das geht leider nicht ganz auf, denn zu Teilen wirkt diese Mischung etwas wirr und willkürlich zusammengestellt. Man vermisst zuweilen einen roten Faden, der durch das Album leitet, doch in Zeiten, in denen Playlists den Musikkonsum unserer Generation bestimmen, ist das ohnehin nur noch zweitrangig. 

Auf lyrischer Ebene hat das Album – ganz in der Tradition des New School Rap – nicht allzu viel zu bieten. Zwar setzt Fike sich auf so manchem Song mit politischen und gesellschaftlichen Phänomenen unserer Zeit auseinander (etwa auf „Politics & Violence“), doch besonders viel Tiefe sollte man hier nicht erwarten. Dafür ist das Klangbild, das gelegentlich an Post Malone erinnert, auf einem Großteil der Songs absolut überzeugend. Ein bisschen Autotune darf natürlich auch bei Fike nicht fehlen, doch glücklicherweise setzt er die Stimmverzerrung in Maßen ein und bewahrt seiner Musik somit einen authentischen und organischen Sound. 

Unsere Meinung: Frischer, unverbrauchter HipHop, der die Grenzen des Genres weitet. Klare Empfehlung!

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Nicolas Jaar – Telas

Wo genau liegt die Grenze zwischen Musik und Geräusch? Vertreter der experimentellen Musik versuchten schon immer, diese feine Linie auszuloten und kreieren dabei nie dagewesene musikalische Erfahrungen. Einer jener Bastler und Tüftler ist der chilenisch-amerikanische DJ, Produzent und Komponist Nicolas Jaar, der mit „Telas“ gerade sein mittlerweile drittes Album in diesem Jahr veröffentlicht hat. Seine Werke lassen sich in keine gemeinsame Schublade zwängen, denn keines gleicht dem anderen. Und so wird auch „Telas“ zu Jaars musikalischem Spielplatz, auf dem er die Grenzen des Minimal bis zum Anschlag dehnt. Oder zeigt er vielmehr, dass es überhaupt keine Grenzen gibt?

Dort, wo traditionelle Instrumente wie eine Bassklarinette auf elektronische (Stör-) Geräusche treffen, wo wilde, urtümlich anmutende Trommelei mit dem metallischen Klang selbstgebauter Instrumente konkurriert und über allem gelegentlich Jaars atmosphärische Stimme fliegt, entsteht ein Raum fernab des Bekannten und Angenehmen. Denn die Soundkulisse berichtet – ohne dabei Worte zu brauchen – von Einsamkeit, von der Konfrontation mit unangenehmen Wahrheiten. Das lässt in Zeiten wahrhaftiger körperlicher und geistiger Abschottung vielleicht ein wenig in Jaars eigenen Schaffensprozess blicken.

Herausgekommen sind vier Songs von jeweils etwa 15 Minuten Länge, die ihre eigene Geschichte erzählen – und die wird für jeden Hörer sicherlich anders klingen. „Telas“ ist ein gelungenes Experiment, das zeigt, was weitab des Mainstreams alles möglich ist.

Unsere Meinung: Bemerkenswertes Unikat fernab des Bekannten und Eingängigen.

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PAINT – Spiritual Vegas

Während man in einer Gruppe noch Kompromisse eingehen muss, kann einem bei einem Soloprojekt keiner mehr dazwischenreden. Und so lässt Pedrum Siadatian, Gitarrist der kalifornischen Psychedelic-Pop-Band Allah-Las, auf seinem Nebenprojekt „PAINT“ den inneren Weirdo von der Leine und tobt sich auf der Gitarre und am Mikrofon aus. Soundtechnisch macht er viele Anleihen beim Psychedelic Rock der 60er und 70er. Das Ganze artet in einem wilden Gestrüpp aus verrückten Gitarrenriffs uns -solos aus, in denen Siadatian des Öfteren auch mal gewollt falsche Noten unterbringt. Weird Pop eben. Begleitet wird die Mischung von seinem oft eher monotonen Gesang, dessen Klangbild die bereits erwähnten Einflüsse verrät. Pink Floyd sei hier nur als ein bekanntes Beispiel zu nennen.

Obwohl einige der Songs Gefahr laufen, ohne nennenswerte Akzente etwas dahinzuplätschern, gibt es zwischendrin auch Außergewöhnliches zu hören. Besonders sei hier der Ausflug in den orientalischen Klangraum auf „Ta Fardah“ zu erwähnen, wo traditionell persisch anmutende Melodien mit zeitgenössischeren Gitarrenriffs vermischt werden. „Land Man“ hingegen scheint wie gemacht für einen brütend heißen Sommertag. Alles in allem ist „Spiritual Vegas“ eine saubere Abwechslung zum Einheitsbrei, die in so manchem Hörer sicherlich das ein oder andere nostalgische Gefühl hervorrufen dürften.

Unsere Meinung: Verrückt, schräg –  und einzigartig.

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Denai Moore – Modern Dread

Dass Pop nicht immer nur nach Einheitsbrei klingen muss, beweist Denai Moore eindrucksvoll auf ihrem gerade erschienenen Album „Modern Dread“. Die mittlerweile dritte Platte der 27-jährigen britisch-jamaikanischen Sängerin ist ein eklektisches Werk voller gewagter musikalischer Umbrüche. Hier werden die Grenzen zwischen verschiedensten Genres gesprengt, die wie ein Flickenteppich um die musikalische Konstante des Albums – Moores prägnante Stimme – gelegt werden. Zwar gibt es zwischendrin auch die ein oder andere eingängige Melodie zu hören, doch zum Großteil klingt hier keine Sekunde wie die andere. Das ist wunderbar erfrischend in einer Zeit, in der gerade in den Bereichen Pop und HipHop nicht viel Abwechslung herrscht. Ob „Modern Dread“ von deutschen Radiosendern gespielt würde, ist daher fraglich. Schön wäre es, denn Moore verdient definitiv viel mehr Aufmerksamkeit, als sie hierzulande bekommt.

Auch inhaltlich trifft die Künstlerin den Zeitgeist, wenn sie unter anderem über Reizüberflutung und Isolation in unserer modernen Welt klagt, oder aber mit dem schädlichen Einfluss toxischer Beziehungen ringt. Alles in allem liefert Moore eine überzeugende Platte ab, auf die man sich gänzlich einlassen sollte. So wird sie auch nach mehrmaligem Durchhören nicht langweilig, da immer wieder neue musikalische Facetten durchschimmern.

Unsere Meinung: Sehr erfrischender Mix aus Pop, RnB, Soul und Electronic. Klare Empfehlung!

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Gordi – Our Two Skins

Aus in einem kleinen Örtchen in New South Wales eroberte Gordi 2017 mit ihrem Debütalbum „Reservoir“ im Sturm die australischen Charts. Schon zuvor hatte sie den starken Klang ihrer Stimme als Backgroundsängerin von Bon Iver unter Beweis stellen können. Nun folgte am vergangenen Freitag das von Fans heiß ersehnte zweite Studioalbum. Und das, obwohl 2020 für Gordi (bürgerlich Sophie Payten) zwischenzeitlich gar nicht im Zeichen der Musik stand. Die 27-Jährige ist nämlich studierte Medizinerin und sprang in den vergangenen Monaten kurzerhand ein, um die teils überfüllten australischen Krankenhäuser bei der Bewältigung der Coronakrise zu unterstützen. Jetzt steht ihre neue Platte „Our Two Skins“ in den Läden – und die Fans dürften nicht enttäuscht sein. Denn einmal mehr bereichert Gordi das Indie-Genre mit wunderschönen Melodien und mutigen Texten. 

Im musikalischen Zentrum des Albums steht stets ihre vielseitige Stimme, die uns mit einem weiten Tonspektrum und hypnotischen Melodien ins Reich der Tagträume entführt. Die begleitenden Instrumente halten sich oftmals dezent im Hintergrund, damit Gordi ihren Stimmapparat richtig in Szene setzen kann, wie etwa auf dem schaurig-schönen und starken Opener „Aeroplane Bathroom“. Auf anderen Songs wie „Sandwiches“ sind die Gitarren und Drums zwar wesentlich prägnanter, doch sie stellen sich dem kraftvollen Gesang niemals in den Weg. Im Gegenteil: Die Harmonie ist zuweilen perfekt. Auch auf lyrischer Ebene kann das Album begeistern. Gordi gibt sich außerordentlich introspektiv und scheut nicht davor zurück, ihre eigenen Schwächen und Ängste zu offenbaren. Es geht um die Suche nach dem Ich, die eigene Sexualität, die Verarbeitung vergangener Beziehungen, aber auch um Verzweiflung, Momente der Panik und den Umgang mit dem Tod. Ein thematisch breitgefächertes Spektrum, in dem sich sicher viele Millennials wiederfinden können. 

Nicht viele Künstler verstehen es Musik zu machen, die gleichermaßen traurig und glücklich stimmt. Gordi hat dieses Konzept bereits auf ihrem zweiten Album gemeistert und liefert somit einen mehr als würdigen Nachfolger zu ihrem Debüt. Klare Empfehlung!

Unsere Meinung: Starker Gesang, wunderschöne Melodien, mutige Texte: Indie at its best!

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Larkin Poe – Self Made Man

Die Schwestern Rebecca und Megan Lovell, die unter dem Namen „Larkin Poe“ seit nunmehr zehn Jahren Rockmusik machen, dürften in Deutschland den wenigsten bekannt sein. Das mag mitunter daran liegen, dass das Duo aus Atlanta größtenteils sogenannten Roots Rock spielt, eine Version des Rock, die Elemente des Country, Blues und Folk vereint und vor allem in den amerikanischen Südstaaten größeren Anklang findet. Trotzdem sollten die beiden Powerfrauen auch hierzulande mehr Aufmerksamkeit bekommen. Gerade haben Larkin Poe ihr mittlerweile fünftes Album mit dem ironischen Titel „Self Made Man“ veröffentlicht. Und das geizt keineswegs mit starken Gitarrenriffs und eingängigen Melodien. Kombiniert mit der tiefen Stimme von Leadsängerin Rebecca Lovell entstehen dabei durchaus Songs mit Hitpotential, wie etwa „Holy Ghost Fire“ und „Keep Diggin’“ beweisen. Das Schwesternduo, das 2018 sogar schon für einen Grammy nominiert war, strotzt auf jedem Song geradezu vor Selbstbewusstsein und liefert genau zur richtigen Zeit im Jahr ein markiges Album für sonnige Tage.

Fun Fact: Der etwas merkwürdige Name, den die Lovells für ihre Band gewählt haben, stammt von ihrem Ur-Ur-Ur-Großvater, der ein Cousin des berühmten Schriftstellers Edgar Allan Poe war.

Unsere Meinung: Erfrischender Südstaaten-Rock in zeitgemäßem Gewand. Empfehlenswert!

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Haftbefehl – Das Weiße Album

Haftbefehl ist zurück. Der Offenbacher Rapper hat fast sechs Jahre seit seinem letzten Soloalbum („Russisch Roulette“) verstreichen lassen und betritt nun mit einer 14 Songs umfassenden neuen Platte erneut die Deutschrap-Bühne. Auf den ersten Blick mag man meinen, inhaltlich hätte sich bei Hafti nichts geändert: Bei seinem „Weißen Album“ ist der Name Programm – es geht mal wieder ausführlich um das Geschäft mit dem kolumbianischen Exportschlager. Doch das Album zeigt schnell die inhaltliche Entwicklung auf, die Haftbefehl in den letzten Jahren durchgemacht hat. In der Zeit seit dem letzten Album hat sich nämlich einiges getan: Der Gangsta-Rapper, der mit seinem harten Straßensound eine ganze Generation abgeholt hat, ist sesshaft geworden und hat eine Familie gegründet. 2020 muss er nun den gefährlichen Spagat wagen, gleichzeitig hart zu klingen, aber auch authentisch zu bleiben. Ein Familienvater mit Haus und Vorgarten dealt in der Regel eben nicht mehr auf der Frankfurter Straße. In einer Zeit, in der die Rapszene von einem sehr jungen Haufen neuer Künstler dominiert wird, gehört Hafti sowieso schon eher zu den Oldies. Da wundert es kaum, dass er sich auf seinem neuen Album erneut mit Marteria zusammengetan hat, um einen Song an die Söhne der beiden zu richten („Papa war ein Rolling Stone“). Väterlicher Rap von der Straße sozusagen. Haftbefehl hat gemerkt, dass er sich allein altersmäßig in einer anderen Sphäre befindet als die deutsche Newschool. Zum Glück macht er nicht den Fehler, sich ihr anzubiedern, sondern möchte sich im Gegenteil von ihr abgrenzen. Auf „Morgenstern“ wird diese nächste Generation daher eifrig gedisst. Ohne Widersprüche wäre Haftbefehl aber nicht Haftbefehl: Einerseits kreidet er seinen Gegnern übermäßige Autotune-Nutzung an, andererseits macht er selbst üppigen Gebrauch von der Stimmverzerrung. Und irgendwie funktioniert das bei ihm auch meistens. Auf Beatebene ist „Das Weiße Album“ besonders hochkarätig: Die zutiefst brachialen und ausgefeilten Beats von Produzent Bazzazian sind wie gewohnt die treibende Kraft hinter dem Album.

Alles in allem klingt der neue Haftbefehl ausgezeichnet. Straßenrap aus Papa-Perspektive funktioniert hier gut, der Sound ist rund und ausgereift. Und natürlich zeigt Hafti einmal mehr eindrucksvoll, was ihn als Rapper zum Unikat macht. Völlig abgedrehte Reimketten und geniale grammatikalische Fehler inklusive.

Unsere Meinung: Haftbefehl muss man hassen oder lieben. Wer ihn feiert, wird auch die neue Platte lieben!

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Flying Lotus – „Flamagra“ (Deluxe Version)

Zugegeben, „Flamagra“ von Flying Lotus ist nicht absolut brandneu. Das sechste Studioalbum des Steven Ellison, wie „FlyLo“ mit bürgerlichem Namen heißt, ist eigentlich schon vor einem Jahr erschienen. Fans des Beatproduzenten aus Los Angeles hatten nach dem 2014 erschienenen „You’re Dead!“ ganze fünf Jahre auf eine neue Platte warten müssen – und wurden nicht enttäuscht. Nun, ein gutes Jahr später, erscheint die Deluxe-Version von „Flamagra“, die von Hobbyrappern und DJs sehnlichst erwartet wurde. Denn mit ihr kommen alle 27 Tracks des ursprünglichen Albums als Instrumentals. Dabei hat das Originalwerk eine Fülle hochkarätiger Featuregäste zu bieten: Anderson .Paak, Denzel Curry und der legendäre Thundercat seien hier nur als Beispiele zu nennen. Doch egal, ob Originalsong oder Instrumental: FlyLo hat auf „Flamagra“ ganze Arbeit geleistet. Das satte 107 Minuten lange Album schäumt über vor musikalischer Vielfalt, Finesse und Detailverliebtheit. Das führt dazu, dass man bis heute bei jedem Durchhören neue Facetten und Nuancen entdecken kann. Typisch für Flying Lotus verschmelzen hier unter anderem Funk-, Jazz- und Hiphop-Elemente scheinbar mühelos zu einem einzigartigen Kunstwerk, das keiner starren Linie folgt und sich stetig neu erfindet. Auf lyrischer Ebene sollte man hier keine Offenbarung erwarten: Ausdrucksstark wird „Flamagra“ allein durch die Musik. Daher funktionieren die Instrumentals auch ganz alleine, ohne Gesang oder Rap.

Ein musikalischer Trip, der nach vorne prescht, nur um im nächsten Moment von ganz hinten wieder neu zu starten; der mal nach rechts, mal nach links, oben oder unten ausschlägt – und den Hörer dabei stets mitnimmt.

Unsere Meinung: Starke Symbiose verschiedenster Genres, die in der Instrumentalversion auch ganz ohne Gesang oder Rap funktioniert.

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The 1975 – „Notes On A Conditional Form”

Man kann viel über die Musik von „The 1975“ behaupten, doch mit Sicherheit nicht, dass sie eintönig sei. Auch das neue Werk der britischen Pop-Rockband ist in musikalischer Hinsicht ein Album der Extreme. Auf der 22 Tracks umfassenden Platte wollen die Jungs um Frontsänger Matthew Healy den chaotischen Zeitgeist unserer Generation reflektieren, was sich zum großen Teil im eklektischen Charakter des Werks niederschlägt. Wer auf dem Weg durch das Album nämlich einen stilistischen roten Faden sucht, wird auf „Notes On A Conditional Form“ garantiert nicht fündig: Hier ist wirklich alles vorhanden – von aggressivem Anarcho-Punk („People“) über angestaubt klingende Indie-Hymnen („If You’re Too Shy“) und dahinplätscherndes Synthie-Füllmaterial („Yeah I Know“) bis hin zu treibendem House mit Dancehall-Einflüssen („Shiny Collarbone“). Die Rechnung geht leider nicht wirklich auf, denn wo alle möglichen Stile in einen Topf geworfen werden und viel experimentiert wird, lässt sich schwer ein zugrundeliegendes Konzept erkennen. Mit den Lyrics versucht Sänger Healy, die wilde Mischung irgendwie zusammenzuhalten – es gibt eine gehörige Portion Selbstreflektion und Sozialkritik zu hören – doch letztendlich ist die Platte etwas überladen und hätte eine Entschlackungskur vertragen können. Da hilft auch die Stimme Greta Thunbergs nicht, deren knapp 5-minütiger Monolog auf dem allerersten Track den Hörer auf Kampf und Rebellion einschwört.

Trotz aller Ambitionen ist weniger eben doch manchmal mehr. Dennoch ist „Notes On A Conditional Form” ein außergewöhnliches Album, das teils wirklich schöne und erfrischende Tracks beheimatet. Vielleicht sollte man sich diese Highlights einfach in die Playlist packen und auf Überschüssiges dankend verzichten – so macht man das doch ohnehin heutzutage.

Unsere Meinung: Eklektisches, leicht überambitioniertes Album mit einigen Highlights.

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Moby – „All Visible Objects“

Was treibt eigentlich Moby? In den vergangenen Jahren ist das New Yorker Electronic-Urgestein immer mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, was nicht zuletzt an der zunehmenden Irrelevanz seines musikalischen Outputs liegt.
Nun hat Richard Melville Hall, wie Moby mit bürgerlichem Namen heißt, sein mittlerweile 17. Album veröffentlicht. Der Künstler und Aktivist verfolgt mit der Platte durchaus ehrenwerte Ziele: Sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf des neuen Albums gehen an Tier- und Menschenrechtsorganisationen. Nur zu gerne würde man solch noble Zwecke unterstützen, wenn doch auch die Musik Spaß machen würde. Jedoch liefert Moby wie schon auf seinen letzten Alben nicht mal ansatzweise eine musikalische Qualität und Finesse, wie man sie etwa noch auf legendären Platten wie „Play“ (1999) vorfand. Thematisch bewegt sich „All Visible Objects“ konsequent im Bereich Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Tierrechte. Musikalisch haben die größtenteils EDM-lastigen Songs leider nicht viel zu bieten. Die Mischung kommt monoton und generisch rüber, die sich stetig wiederholenden Lyrics der Gastsänger öden an. Das geht soweit, dass Tracks wie das pseudo-kämpferische „Power is Taken“ eigentlich nur nerven. Auch eine atmosphärische Stimmung, die so manches Lied wie der gut neunminütige Titelsong „All Visible Objects” heraufbeschwören möchte, will sich leider nicht so recht einstellen. Irgendwie hat man das Gefühl, man hätte das alles schon zigmal gehört. Schade! Von einem ehemaligen Avantgardisten des elektronischen Pop hätte man mehr erwarten können.

Unsere Meinung: Musikalisch unspektakuläres Album, das leider bei Weitem nicht an vergangene Meisterwerke anknüpfen kann.

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I Break Horses – „Warnings“

Wer Lust auf eine ausgedehnte Reise in die Tiefen der Seele hat, sollte sich das neue Album des schwedischen Duos I Break Horses zu Gemüte führen. Auf den ersten Blick lässt die Kombination aus der ätherischen Stimme von Sängerin Maria Lindén und den federleichten, geschichteten Synthie-Melodien dem Hörer regelrecht Flügel wachsen.
Doch der zu weiten Teilen euphorische Dream-Pop-Sound des Albums trügt: Inhaltlich fliegen die Schweden nicht in Richtung Himmel, sondern tauchen tief in die emotionalen Abgründe einer gebeutelten Seele ein. Der vernichtende Rückblick auf eine vergangene Beziehung, der im ersten Song den Ton für das gesamte Album angibt, ist nur ein Beispiel. Weitere Lieder mit den Titeln „I’ll Be the Death of You“ oder „Depression Tourist“ sprechen für sich. Wer in der Stimmung ist, sich mit entsprechenden Themen auseinanderzusetzen, den erwartet ein facettenreiches, musikalisch überzeugendes Album.  

Unsere Meinung: Verträumter, emotional tiefschürfender Synth-Pop.

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Car Seat Headrest – „Making a Door Less Open“

Auf ihrem neu erschienenen Album schlägt die amerikanische Indie-Rock-Band um Mastermind Will Toledo neue Töne an. Wer mit der Musik von Car Seat Headrest vertraut ist, merkt, dass die Jungs sich hier von ihrem bisherigen Sound entfernen und neue Wege gehen wollen. Dabei helfen soll der verstärkte Einsatz von Syntie-Melodien und allerlei Effekten. Herausgekommen ist ein eklektisches Werk fernab von eingängigem Rock-Pop, das leider nicht auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Teils wirkt die Mischung etwas überladen, viele der Soundexperimente funktionieren nicht wirklich. Doch dazwischen finden sich mit Songs wie „Can’t Cool Me Down“ oder „Hollywood“ sehr erfrischende Passagen, die teils sogar Hitpotential bergen.

Unsere Meinung: Experimentelles und abwechslungsreiches Album mit Höhen und Tiefen.

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