Interview

Die Jungs von „Provinz“ im Interview: „Man fühlt sich gemeinsam einsam“

Die Jungs aus Baden-Württemberg. machen seit 2017 zusammen Musik.
Die Jungs aus Baden-Württemberg machen seit 2017 zusammen Musik.
Ihre Musik fängt Momente ein und untermalt sie mit Melodien und einer Stimme, die so packend ist wie ihr gesamtes Debütalbum „Wir bauten uns Amerika“, das im Juli erschienen ist. Die Rede ist natürlich von der deutschen Indie-Pop-Band Band Provinz. Die vier Jungs zwischen 17 und 24 aus dem baden-württembergischen Vogt machen seit 2017 zusammen Musik. Im Interview verraten Moritz und Vincent unter anderem, warum das Leben in der Provinz manchmal einsam macht.

Ich habe in den Kommentaren auf YouTube gelesen, dass deine Stimme an eine Mischung aus Faber und Henning May erinnert. Findest du diesen Vergleich nervig oder siehst du ihn eher als Kompliment?
Vincent: Irgendwie kann ich es nachvollziehen, da sind schon Ähnlichkeiten vorhanden, auch textlich. Beide Künstler stehen für handgemachte Musik und emotionale Texte. Unabhängig davon sind wir aber natürlich eine andere Band und wollen schon für uns selbst stehen. 

In eurem Song „Was uns high macht“ geht es um ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Was gibt euch das Gefühl der Schwerelosigkeit?
Moritz: Das kann einfach eine gute Party sein, aber auch gute Gespräche. Es kommt immer auf die Situation an. Selbst Fifa spielen mit den Jungs verursacht manchmal dieses Gefühl. 
Vincent: Natürlich gehören da auch Musikhören und Tanzen dazu. 

High sein ist schön, abheben nicht. Es scheint, als würde es euch aber auch nicht schwerfallen, bodenständig zu bleiben. Was hilft euch dabei?
Vincent: Ich glaube, dass wir immer noch in der Provinz wohnen. Vom ganzen Trubel, den wir in den Großstädten zurücklassen, kommen wir in die Natur zurück. Wieder ist weit und breit kein Mensch zu sehen und alle behandeln einen so, wie sie es immer schon getan haben. Das erdet einen. Mama macht hier zum Beispiel immer noch die Wäsche. Wir erden uns auch gegenseitig, einfach weil wir uns schon so lange kennen. Irgendwann wollen wir aber natürlich auch wegziehen, weil das dann doch zu der natürlichen Entwicklung dazugehört.
Moritz: Wir sind auch einfach nicht die Typen, die abheben wollen oder immer im Mittelpunkt stehen wollen. 

Es macht manchmal einfach Spaß, die Vernunft mal hintanzustellen.

Vincent über das Loslassen

In dem Song singt Vincent auch „Du sagst, es geht uns viel zu gut in diesen kranken Zeiten“. Ich finde, die Zeile passt gerade in Corona-Zeiten gut. Hast du manchmal das Gefühl, dir darf es nicht so gut gehen?
Vincent: Es ist eher andersherum, man denkt eher: Mir darf es nicht schlecht gehen. Weil da immer der Gedanke ist: Eigentlich müsste es mir doch sehr gut gehen, warum habe ich immer noch Sorgen? Bezogen auf die Corona-Pandemie schätzt man inzwischen auch einfach wieder Dinge, die man zuvor für selbstverständlich gehalten hatte. Alles, was im letzten Jahr so bei uns abging, haben wir gar nicht so richtig wahrgenommen, weil wir die ganze Zeit unterwegs waren. Wir hatten keine Zeit, uns mit Leuten zu unterhalten, weil wir die ganze Zeit von A nach B gehetzt sind und nur nach vorne geschaut haben. Durch Corona hat man eine Pause, das hat uns auch geholfen, uns neu zu sortieren und auch dankbar zu sein. Das haben wir dieser Krise als positiven Aspekt abgewinnen können. 

Wart ihr auch die Art Musiker, die in der Krise jeden Tag im Studio waren?
Vincent: Wir haben schon an unserem zweiten Album herumgeschraubt. Wir konnten uns, weil wir keine Deadlines hatten, komplett auf die Musik konzentrieren und auch Neues ausprobieren. Wir konnten uns bei allem Zeit lassen, was ein schönes Gefühl ist und auch zur Kreativität beiträgt. 

Habt ihr einen Song auf eurem jetzigen Album, von dem ihr vor einem Jahr noch nicht gedacht hättet, dass ihr in produzieren würdet?
Vincent: Ja, „Chaos“. Da hatten wir nur die Demo und waren uns tatsächlich unsicher, ob der Song funktioniert. Dann kam unser Produzent um die Ecke und meinte: „Ey, Jungs, der Song ist geil, den kann man megagut produzieren.“ Wir haben ihn dann live gespielt und waren wirklich überrascht, dass er so gut klingt. Da hatten wir wirklich einen Aha-Moment. 

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Weil er sich live anders angehört hat?Vincent: Genau, wenn man einen Song nur als Demo und mit Computer-Drums hört, fühlt man den nicht so, wie wenn man ihn mit der ganzen Band live spielt. Als wir „Chaos“ selber gespielt haben, waren wir extrem angetan. 

Auf dem Song „Verlier dich“ geht es darum, auch mal loszulassen. Warum glaubt ihr, ist es wichtig, sich auch mal zu verlieren?
Vincent: Es macht manchmal einfach Spaß. Auch dass man die Vernunft mal hintanstellt, so nach dem Motto: Ich mache mir heute einfach mal keine Gedanken darüber, was ich morgen studieren werde. Heute bin ich einfach mal der Typ, der Spaß mit seinen Freunden hat.
Moritz: Gerade in der heutigen Zeit, wo man Stress und Druck ausgesetzt ist, man die ganze Zeit an seinem Handy hängt und konstant beschäftigt ist, tut es auch mal ganz gut, sich komplett von allem frei zu machen. 

Schlussendlich ist es egal, in welcher Stadt man wohnt, solange man mit den richtigen Leuten dort wohnt.

Vincent über Freundschaft

Wann habt ihr euch das letzte Mal verloren?
Vincent: Beim Musikmachen verliert man sich tatsächlich auch. Oder wenn wir zusammen bei uns am See Mate trinken, die Nacht an uns vorbeizieht und die Sonne auch schon wieder aufgeht, da verliert man sich auch. Dass wir uns so richtig verlieren, passiert uns aber auch eher selten. 

In dem Song „Wenn die Party vorbei ist“ geht es um eine Stille, die endlich eintritt. Seid ihr eher Leute, die sich gerne ihren Gedanken aussetzen, als sie auf einer Party zu verdrängen?
Vincent: Ich mag Partys, ich mag aber auch den Moment danach, wenn es ruhiger wird. Dann ist man noch ein bisschen benebelt und läuft nach Hause. Ich habe dann oft noch Gedanken und schreibe in so einem Moment dann auch mal einen Song. Nach einer Party denke ich irgendwie anders über Dinge nach. 

In „Augen sind rot“ heißt es „Brauchen kein Berlin, brauchen nur uns“. Wann kam diese Erkenntnis?
Vincent: Wenn du in der Provinz groß wirst, dann fühlt man sich ein bisschen außen vor. Man hat immer die gleichen Freunde, man chillt immer mit den gleichen Leuten. Man fühlt sich gemeinsam einsam. Dieses Gefühl ist hier ausgeprägter als in einer Großstadt. Und nach dem Abitur, wo sich alles in andere Städte verläuft, denkt man sich: Ja, Großstadt ist schon geil, aber das, was ich mit meinen engen Freunden habe, war alles, was ich gebraucht habe. Schlussendlich ist es egal, in welcher Stadt man wohnt, solange man mit den richtigen Leuten dort wohnt. 

Ebenfalls eine interessante Zeile findet sich in dem Song „Tanz für mich“, nämlich „Wer die Freiheit liebt, liebt die Einsamkeit“. Warum ist ein freiheitsliebender Mensch einsam?
Vincent: Wenn du dich an irgendwen bindest, bist du ja abhängig von ihm. Wenn du die Freiheit liebst, dann bist du nicht abhängig. Aber vielleicht auch allein, weil du da einfach keine Bindung eingehen willst. Wir befinden uns alle gerade in einer Phase, in der wir keine Beziehung eingehen wollen. Das hat natürlich auch eine Kehrseite, man will natürlich immer das, was man nicht hat.Wenn man frei ist, denkt man sich: Jetzt bin ich aber allein. Wenn man aber in einer Beziehung ist, wünscht man sich, frei zu sein. Das finde ich schade. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich viel am Suchen bin und nicht so richtig weiß, was ich will. Aber jetzt gerade kann ich das auch herausfinden. 

Was ist Freiheit für euch?
Vincent: Freiheit bedeutet für mich, Musik zu machen, seine eigenen Projekte zu haben und mein eigenes Leben frei bestimmen zu können. Für uns alle ist die Musik die Freiheit, die wir schätzen. Freiheit bedeutet für mich nicht, faul sein zu können und im Garten chillen zu können. Kunst kann ja auch nur funktionieren, wenn du frei bist. 

Würdet ihr sagen, ihr seid im Schaffensprozess eurer Musik komplett frei von äußerlichen Zwängen?
Vincent: Man hat natürlich schon Ansprüche an sich selbst, man wird nicht von externen Kräften eingeengt, sondern spürt einen inneren Druck. Man selbst setzt die Messlatte hoch an. Wir sind auch zielstrebige Songwriter. 
Moritz: Ja, wenn wir das noch optimieren, dann könnten wir sagen, dass wir komplett frei sind. Ich glaube auch, komplett frei in der Musik kannst du nur sein, wenn du alles ausprobiert hast. 

Wann ist ein Song für euch gut?
Vincent: Ein Song ist dann gut, wenn er wahr ist. Wenn jeder von uns sagt: „Okay, krass, das Gefühl kenne ich.“ Es kommt nicht darauf an, welchem Thema man sich widmet, sondern darauf, wie man es darstellt. Gerade wenn ich an Texte denke, ist es eine Herausforderung, mit immer neuen Worten neue Bilder zu schaffen. Wenn ich dann merke, dass es nichts Vergleichbares gibt und der Song quasi für sich selbst steht, dann hat man was Neues geschaffen. Natürlich ist ein Song auch dann gut, wenn Leute dabei tanzen und mitsingen.
Moritz: Oder auch wenn die Musik es schafft, Gefühle aus der Jugend hervorzurufen. Dass man das Lied hört und Bilder im Kopf hat.

Dass ihr euch Amerika gebaut habt, ist eine schöne Metapher für euren musikalischen Erfolg. Was ist der wichtigste Baustein, der euer Amerika zusammenhält?
Moritz: Das ganze Team drum herum.
Vincent: Es war sehr wichtig, dass wir uns als Band gefunden haben und alle die gleiche Intention haben. Wenn das nicht gegeben ist, dann funktioniert nichts, dann kann man sich auch kein Amerika bauen. Dann kommt noch hinzu, dass wir eine gute Plattenfirma haben, bei der alles sehr familiär ist. Amerika steht auch einfach für eine Vision, hinter der man herrennt. Ich glaube, jeder hat sein eigenes Amerika.

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