Interview

Metal-Rapper Grafi: „Ich schreibe mir meine Sorgen von der Seele“

Deutschrap meets Metal: Der Individualist Grafi schafft den Spagat.
Deutschrap meets Metal: Der Individualist Grafi schafft den Spagat.
Deutschrap ist ein Genre mit vielen Facetten. Das stellt auch der Berliner Musiker Grafi unter Beweis, der zwischen Rap Lines und dem „Metal Schreien“ Bilder seiner tiefsten Gefühlswelt zeichnet. Vergangene Woche ist sein neues Album „Ektoplasma“ erschienen, mit dem er die Hörer auf eine Reise durch seine Gedankenwelt einlädt.

Die Farbe Blau dominiert deine Musikvideos, aber auch deine Lyrics. Hat die Farbe eine bestimmte Bedeutung für dich?
Ja, auch auf der Bühne will ich immer blaues Licht haben. Ich finde, man kann so besser eintauchen, das blaue Licht hat auch eine besondere Atmosphäre und es strahlt eine gewisse Ruhe aus. Gerade in dem Album „Ektoplasma“ hat Blau so gut gepasst, denn ich finde, die Nacht erzeugt eine bläuliche Atmosphäre. Dadurch, dass ich das Meer und den Planeten Neptun auf dem Album thematisiere, passt dann alles zusammen. Im letzten Song geht es auch um Glückseligkeit und den eigenen Frieden. Da denke ich an ferne Länder und natürlich an das blaue Meer.

War das Mischen von Rap mit Metal Absicht, oder ist das eher im Prozess entstanden?
Das ist eher zusammengewachsen. Ich habe früher auch in Metal-Bands geschrien, gleichzeitig war Rap immer eine Leidenschaft von mir und das erste Genre, das ich gehört habe. Aber auch das erste Genre, in dem ich selbst Musik gemacht habe. Dadurch, dass ich in beide Welten eingetaucht bin, wollte ich auch immer beides machen. Das war für mich anfangs aber schwer zu verbinden. Irgendwie wird man ja auch so erzogen, dass man sich immer für eine Sache entscheiden muss, und es entsteht das Gefühl von ,,Entweder-oder“. Erst 2016 habe ich angefangen, beides zusammen zu machen. Der Rapper Bones aus Amerika hat mir die Augen geöffnet, weil er der erste war, der in seinen Liedern schreit und eine düstere Thematik bedient. Das hat mich inspiriert. Auf meinem ersten Studio-Album „Geistermusik“ habe ich dann zum ersten Mal beide Musikstile zusammengebracht.

Es fühlt sich total nackt an, als wenn man Nudes posten würde.

Grafi über das Singen seiner emotionalen Texte auf der Bühne

Würdest du dich selbst als Underground-Artist bezeichnen?
Ja, total. Es ist aber schwer, selbst einzuschätzen, wie groß man wirklich ist. Man schaut ja sein Leben lang in den Spiegel und man weiß, wer man ist. Und auch, wenn einen mehr Leute kennen, ist man ja trotzdem derselbe Mensch. Ich merke schon, dass es fanatische Leute gibt. Mittlerweile haben sich acht Fans mein Logo tätowieren lassen. Auf Konzerten sind manche so schüchtern, die kriegen kein Wort heraus, obwohl sie mit mir reden wollen. In solchen Momenten merke ich schon, dass ich für manche ein bisschen mehr bin, aber man selbst realisiert das gar nicht so richtig.

Hast du Angst davor, Mainstream zu werden?
Nein, Angst nicht. Für mich ist das sehr weit weg und auch gar nicht meine Intention. Würde ich Mainstream sein wollen, würde ich andere Musik machen.

Du schreibst, dass Rap für dich wie eine Selbsttherapie ist. Wovon therapierst du dich?
Ich bin bei Pflegeeltern aufgewachsen und ein Scheidungskind. Ich blicke auf eine sehr strenge und sehr christliche Erziehung zurück, in der mir immer Grenzen aufgezeigt wurden. Ich schreibe mir mit meinen Tracks meine Sorgen und Probleme von der Seele. Rap war schon immer mein Ventil. Anfangs war es auch viel Battle-Rap, dann war ich eine Zeit lang in Metal Bands und habe vieles herausgeschrien. Jetzt, im Nachhinein, verstehe ich das. Zum einen passt es, dass man schreit, da kann man viele Emotionen mit herausschreien. Aber man versteckt sich auch. Wenn ich jetzt einen Track veröffentliche, und es ist ein deeper Track, dann habe ich manchmal auch ein komisches Gefühl dabei. Beim Aufnehmen ist alles gut, aber wenn es dann zum Release kommt, bin ich super aufgeregt, weil ich weiß: Das hören viele Leute. Mir ist das dann fast schon ein bisschen unangenehm, weil meine Songs teilweise sehr emotional sind. Man zeigt schon sehr viel von sich selbst. Bei einer Band steht man ja nicht alleine auf der Bühne und schreit außerdem, da verstehen die Leute, wenn überhaupt, nur die Hälfte vom Text. Jetzt fühlt es sich total nackt an, als würde man Nudes posten.

In deinem ersten Album „Geistermusik“ hast du dir die Frage gestellt  „Kannst du die Geister sehen?“ Ich habe das Gefühl, auf „Ektoplasma“ sind diese Geister da.
Ja, auf jeden Fall, das ist auch viel persönlicher. Bei ,,Geistermusik“ war ich mit meinen Tracks auch mehr so witzig unterwegs und habe alles noch nicht so ernstgenommen. Dann hatte ich auf dem Album einen Track, der sehr emotional war, der heißt „Vergangen“. Da habe ich gemerkt, dass ich ein Geister-Album machen möchte, weil man das Thema auf so viele Arten beleuchten kann. Bei meinem zweiten Studio-Album „Unter-Null“ wurde es dann schon persönlicher. Und „Ektoplasma“ beschreibt eigentlich mein ganzes letztes Jahr. Ich hatte im Sommer eine wirklich schwierige Zeit und stand kurz vor dem Burnout. Ich bin auch emotional komplett abgeflacht. Ich war in einer Beziehung und hatte plötzlich keine Gefühle mehr für sie. Ich war konstant in Dauergedanken versunken und litt unter einer depressiven Phase, was ich in dem Moment aber noch nicht greifen konnte. In dieser Zeit sind viele der Songs entstanden. Gerade „Mahlstrom“ hat mit diesem Beziehungskontext zu tun.

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Und wie ging es dann für dich persönlich weiter?
Ich habe dann alles auf Null gesetzt und bin zu einem Freund nach Amerika geflogen, wo dann auch „Nevada“ entstanden ist. Ich habe den Song in Las Vegas am Pool geschrieben. Am Ende ging es mir auch wieder besser, deswegen thematisiert der letzte Track auch ein bisschen, das Glück zu finden und ist gleichzeitig ein kleines Happy End. Die nächste EP kriegt thematisch einen helleren Anstrich.

Ist dir das wichtig, dass deine Alben eine Geschichte erzählen und ein Verlauf sichtbar wird?
Anscheinend schon! Ich mache mir darüber zwar keine Gedanken, aber wenn ich jetzt zurückblicke, ergeben die Alben nacheinander eine Erzählung. Da ist für mich auch eine emotionale Bindung da. Jedes Album bringt mich immer zurück in die Zeit der Entstehung.

„Ektoplasma“ ist dein bis jetzt persönlichstes Album. Hattest du deshalb keinen Feature-Gast?
Ja, genau, es hat irgendwie nicht gepasst. Ich habe bei dem Album ganz eng mit meinem Produzenten KCVS zusammengearbeitet. Hinzu kommt, dass die Tracks nicht die typischen Songstrukturen haben. Selbst für mich war es teilweise schwer, weil die Beats schon sehr viel Platz einnehmen. Da kannst du auch nicht jeden drauf rappen lassen. Haiyti wäre fast auf „Nevada“ mit dabei gewesen, aber sie hatte dann ihr eigenes Album und es hat sich nicht mehr ergeben.

Die meisten deiner Musikvideos spielen in der Nacht. Auch sonst thematisierst du die Nacht sehr häufig. Was unterscheidet für dich persönlich die Nacht vom Tag?
Ich bin ein sehr träumerischer Mensch ich verfalle auch tagsüber oft in Tagträume. Ich bin dann manchmal auch ein bisschen apathisch, ich bin auch gern allein und verbringe Zeit mit mir und meinen Gedanken. Deswegen ist die Nacht auch so besonders. Nachts kommt man zur Ruhe, da klingelt das Telefon nicht so oft, da sind nicht mehr so viele Leute auf den Straßen unterwegs und man kann sich selbst finden. Ich bin nachts auch super gerne unterwegs, ich gehe gerne Umwege. Ich mag die Atmosphäre und die Ruhe.

Glaubst du, gerade Lieder wie „Neptun“ sind eine „Einstiegsdroge“ in die Metal-Welt?
Ich denke schon, aber dann müssen die Leute auch den „richtigen“ Metal finden. Es gibt im Metal viele verschiedene Sub-Genres, ich bediene mich zum Beispiel am Black-Metal und Blackgaze, was auch sehr nischig ist. Das hat einen ganz anderen Charakter als typische Metal-Musik. Das ist sehr viel atmosphärischer.

Machst du dir Gedanken darum, ob deine Fans eher aus dem Rap-Spektrum kommen oder eher aus der Metal-Welt?
Das ist mir eigentlich egal, ich glaube es sind mehr Rap-Fans. Meine Musik dürfen aber gerne alle hören, nur Faschos bitte nicht.

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