Interview

Aus dem Leben einer jungen Unternehmerin – CEO Joyce Binneboese im Interview

Wir befinden uns im „Feministischen März“. Aus diesem Anlass haben wir uns gedacht: Sprechen wir doch mal mit ein paar starken Frauen, die uns inspirieren und hören uns an, was sie zu sagen haben. Was wir dabei feststellten: Sexismus ist nicht immer einfach nur Sexismus. Rassismus, Islamophobie, Antisemitismus – das alles kann Teil des antifeministischen Gesamtpakets sein. Joyce Binneboese ist in West-Berlin als Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Die inzwischen 29-Jährige fing bereits mit 19 Jahren an, als Model und Moderatorin Karriere zu machen und sitzt als Co-Founderin des international angesehenen Schmucklabels WALD Berlin inzwischen selbst am Hebel großer Entscheidungen. Im Gespräch erzählt sie uns sowohl von ihren Erfahrungen als Model als auch ihren Einsichten in die Welt einer jungen Unternehmerin in Deutschland.
Von Tessniem Kadiri, funky-Jugendreporterin

Anfangen würde ich gerne mit deiner Kindheit, denn du bist in der Metropole Berlin aufgewachsen. War Sexismus etwas, womit du schon früh konfrontiert wurdest oder hat die aufgeklärte Hauptstadt dich davor verschont?
Berlin ist meine Heimat und ich bin dankbar für all die Erfahrungen, die mir diese Stadt geschenkt hat. Diese Erfahrungen machen mich zu der Frau, die ich heute bin. Trotzdem sind nicht alle Erfahrungen, die ich auf meinem Weg gemacht habe, ausschließlich gut. Ich habe im Kindesalter Sexismus in Form von sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch erlebt. Das hat seine Zeit gebraucht, bis ich darüber reden konnte. Außerdem war das Thema Weiblichkeit früher schwierig für mich: Die eigene Weiblichkeit kann leider schnell zur Angriffsfläche werden. Ich balanciere meine Weiblichkeit und innere Haltung dazu jeden Tag aufs Neue aus. Als junges Mädchen war es immer eine Herausforderung, da man sich zwar selbst entdecken wollte, aber gleichzeitig auch nicht auf das Äußere reduziert werden wollte. Vor allem, da für mich die Schönheit im Inneren entspringt. Das schönste Kompliment für mich ist, wenn mir jemand sagt, dass ich ein schönes Herz habe.

Hattest du eine Vorstellung davon, wie die Modebranche für Unternehmerinnen ist? Und konntest du manche dieser Vorstellungen auf Grundlage deiner Erfahrung bestätigen oder verneinen?
Es ist vielleicht überraschend, doch machen meine Geschäftspartnerin Dana Roski und ich immer wieder die Erfahrung, dass man sich gegenseitig in dieser schnelllebigen Branche unterstützt. In den letzten zehn Jahren durften wir tolle und inspirierende Frauen auf unserer Reise mit WALD Berlin kennenlernen, und mittlerweile ist daraus ein gutes Netzwerk aus Unternehmerinnen entstanden. In der Modebranche muss man ein ziemlich dickes Fell haben. Ganz oft trifft man Männer, die es einem definitiv nicht leicht machen. Ich bin zudem die Jüngste im Unternehmen. Deswegen war ich vor allem zu Beginn etwas naiv, aber genau deswegen konnte ich so angstbefreit mit all unseren Herausforderungen umgehen. Mit Konzepten, wie Dinge zu tun sind, oder den Erwartungen anderer habe ich mich nie aufgehalten, sondern habe mich zusammen mit meiner Partnerin einfach mitten ins Abenteuer gestürzt. Und das war rückblickend die beste Strategie, da ich offen bleiben und meinen eigenen Weg gehen konnte.

Was sollte man als junge Frau beachten, wenn man genau wie du im typischen Studentenalter ein eigenes Business anfangen möchte?
Ich habe mir angewöhnt, nur Tipps zur emotionalen und mentalen Stärke mitzugeben, da sich die wirtschaftliche Lage ständig ändert. Als ersten Schritt sollte man sich ganz genau überlegen, was man will und sich dann vorstellen, ob man das auch noch in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren möchte. Bei mir war immer klar: Karrierefrau und Mutter, ich möchte beides sein. Der zweite Schritt ist, sich zu fragen, wie man an diesen Punkt kommt. Man kann bestimmte persönliche und berufliche Lernschritte einfach nicht überspringen. Stop crying, keep trying sagen meine Kollegin und ich uns dazu immer.

Das Modeln als Beruf wird durch die Möglichkeit zu reisen und viel Geld zu verdienen von vielen geradezu vergöttert. Kannst du als früheres Model diese Vorstellungen und Erwartungen bestätigen?
Als ich das damals gemacht habe hat es mir sehr viel Spaß gemacht. Ich war dankbar für die Chance, so viele spannende Menschen zu treffen. Man muss dafür aber einfach der Typ sein. Mir hat es schon immer Spaß gemacht, vor der Kamera zu stehen. Zum Beispiel im Theater auf der Bühne, aber auch als Sängerin zusammen mit meinem Opa Lutz Binneboese und seiner Band. Allerdings habe ich auch schnell gemerkt, dass ich zu leidenschaftlich bin. Das passt nicht zu einer Branche, in der man mich als Kleiderstange gesehen hat. Ich finde es aber schön, dass sich die Branche immer mehr zum Positiven wandelt. Models haben eine neue Stimme bekommen und ihre diversen Charaktere machen sie relevanter und einflussreicher. Wir haben alle eine Stimme und finde ich es schön, diese auch für das Positive einzusetzen. Egal, ob es, wie bei mir, für ein Charity Marathon Projekt ist oder wie bei Sara Nuru, die sich für ihre eigene gemeinnützige Organisation einsetzt. Aber es kann auch mal passieren, dass man 18 Stunden am Set steht. Man sollte also bedenken, dass die meisten Dinge am Ende nicht ganz so glamourös sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.

Was war als junges Mädchen deine Beziehung zu Mode und wie bist du mit Marken und der damit verbundenen Beliebtheit oder auch Unbeliebtheit umgegangen?
Ich war nie in der coolen Clique, eher so ein Mittelding. Ich habe viel alleine gemacht. Für bestimmte Marken und Traditionshäuser habe ich mich aber schon früher sehr interessiert. Meine Mama war alleinerziehend. Sie hat mir zwar vieles ermöglichen können, aber manche Sachen eben auch nicht. Und so habe ich dann am liebsten ihre schönen Sachen getragen. Ich bin damit aufgewachsen, dass man Dinge lange hat, Qualität kauft, sie pflegt und dann weitervererbt. Deswegen habe ich immer für bestimmte Sachen gespart, die ich gerne haben wollte. Vor allem Vintage habe ich schon als kleines Mädchen geliebt. Trendkäuferin war ich nie. Dieser ganze „Beliebtheitskram“ war deswegen nie relevant für mich.

Nun, da du selbst diejenige bist, die entscheidet, welche Models dein Schmucklabel nach außen hin repräsentieren, ist die Frage: Worauf achtest du und was sind generell wichtige Richtlinien, an die man sich halten sollte?
Meine Geschäftspartnerin Dana macht eine tolle Arbeit beim “Branding”. Wir haben einen feinen und speziellen Geschmack für besondere Frauen. Frauen, die nicht unbedingt dem klassischen Schönheitsideal entsprechen, die wir aber besonders und gerade deshalb so schön finden. Weniger Make Up, mehr Frau – das ist unser Stil. In der letzten Schmuck-Kampagne haben wir Danas Schwester Maren als Model genommen, Mutter von drei Kindern, eine wahnsinnig tolle und kreative Frau. Ich finde es wichtig, immer wieder Diversität zu zeigen. Man hat damit eine Stimme, die man verantwortungsvoll nutzen sollte.

Wie relevant findest du die Repräsentation durch Werbung und mediale Ausstrahlung für das Selbstbild junger Frauen und Mädchen?
Um sich bei sich selbst zu Hause zu fühlen, finde ich das total wichtig. Vollkommen selbstsicher ist man als junges Mädchen meist nicht und orientiert sich daher an den Sachen, die man sieht, hört und erfährt. Wächst man umgeben von Diversität und Vielfalt auf, prägt sich das ein und das gibt einem langfristig ein gutes Gefühl. Ich finde es schwierig, dass Frauen oft immer nur entweder als erotische Powerfrau oder in der Rolle der Hausfrau und Mutter gezeigt werden. Realistische Frauenbilder mit mehr Diversität würde ich mir in Zukunft noch mehr wünschen. Massenmedien haben eine große Verantwortung und verbessern kann man sich schließlich immer.

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funky Redaktion

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.