Interview

„Warum sollten meine Figuren nicht so sein wie ich?“

Autorin Moira Frank
Moira Frank ist 26 Jahre jung und füllt mit ihren zwei (!) Romanen eine Lücke im deutschen Buchmarkt: Wichtige Figuren in „Sturmflimmern“ und „Nachtschwärmer“ sind queer.
Von Laura Patz

Ende Juli erschien der zweite Roman von Moira Frank: In „Nachtschwärmer“ geht es um Helena, deren Halbbruder Lukas stirbt, kurz bevor sie sich das erste Mal treffen können. Die Sommerferien verbringt Helena in der Heimat von Lukas, besucht sein Grab und lernt seine Freunde kennen. Auch Clara, in die sie sich verliebt.

Du bist Mitte zwanzig und hast schon dein zweites Buch neben deinem regulären Job geschrieben – wie geht das zeitlich? Bist du nicht extrem gestresst?

Seit diesem Jahr ist es auf jeden Fall viel entspannter, denn ich arbeite im Büro nur noch Teilzeit und habe so zwei Tage in der Woche, an denen ich mich ausschließlich dem Schreiben widmen kann. Als ich 2018 an „Nachtschwärmer“ gearbeitet habe, war ich oft bei 70-Stunden-Wochen und wegen Stress auch mal krankgeschrieben.

Du hast einen Job in einer Online-Redaktion. Ist es nicht schwer, zwischen dem journalistischen Schreiben und dem Romanschreiben hin und her zu wechseln?

Ich schreibe Newsletter und Pressemitteilungen für einen Fachverlag. Das ist so anders als Romane schreiben, dass ich immer noch genug Energie für das jeweils andere habe. Also bin ich tatsächlich sehr zufrieden mit dem Job, und ich habe gerade übers Werbungstexten noch was Neues gelernt.

„Nachtschwärmer“ ist viel solider geschrieben, der Plot ist straffer.

Moira Frank liebt natürlich ihre beiden Bücher, aber hat sich auch weiterentwickelt.

Wie findest du „Nachtschwärmer“ im Vergleich zu „Sturmflimmern“ selbst?

Erstmal liebe ich natürlich beide. Aber als Schriftstellerin habe ich mich sehr verbessert. „Nachtschwärmer“ ist viel solider geschrieben, der Plot ist straffer. Der größte Unterschied ist, dass ich vorher in der dritten Person erzählt, diesmal aber eine Ich-Erzählerin gewählt habe. Das verändert den Stil extrem. Vor allem bin ich froh, dass „Nachtschwärmer“ mein ganz aktuelles Schreiben repräsentiert.

„Nachtschwärmer“ trägt den Coverclaim „Erst das Dunkel der Nacht bringt die Sterne zum Leuchten“ – wie ist das gemeint?

Wir haben das als Claim gewählt, da der eigentliche Titel bewusst lyrisch und vage gehalten ist. Es geht darum, dass man manchmal erst in den dunkelsten Stunden, in denen man denkt, jetzt wäre alles vorbei, erkennen kann, dass man nicht allein ist – und Hoffnung besteht.

Ich könnte definitiv nicht mit einem Verlag arbeiten, der sagen würde: „Uff, noch ein Buch mit queeren Figuren?“

Moira Frank will weiter ihre Hauptfiguren queer sein lassen.

Sowohl in „Sturmflimmern“ als auch in „Nachtschwärmer“ sind wichtige Figuren queer. Das ist ja für deutsche Jugendbücher eher ungewöhnlich. Fiel dir der Entschluss dazu schwer?

Früher war ich damit zurückhaltender. Ich hatte Angst, die Leute wären genervt davon, wenn ich ihnen meine Agenda aufzwinge. Inzwischen ist es für mich selbstverständlich geworden, darüber zu schreiben, ich werde das auch weiterhin machen. Denn warum sollten meine Romanfiguren nicht so sein dürfen wie ich?

Gab es da von irgendeiner Seite Gegenwind?

Auch das hat sich mit der Zeit verändert. Früher gab es mehr Menschen, die mich gefragt haben, ob das denn sein müsse, dass sich da zwei Frauen ineinander verlieben. Es wird sicher immer jemanden geben, der komisch reagiert – oder sich unter LGBT-Repräsentation etwas anderes vorgestellt hat. Mir wurde bei „Nachtschwärmer“ sogar schon vorgeworfen, homophob zu sein, weil ich darin – liberale – Homophobie thematisiere und entsprechende Schimpfworte vorkommen. Insgesamt gab es aber wenig Kritik dahingehend. Ich könnte definitiv nicht mit einem Verlag arbeiten, der sagen würde: „Uff, noch ein Buch mit queeren Figuren?“

Wie schätzt du den Mangel an LGBT-Figuren in deutschen Jugendbüchern ein? Wie war das, als du jugendlich warst?

Es gibt auf jeden Fall Potenzial nach oben. Das meiste sind leider Übersetzungen aus dem Englischen, aber seit meiner Jugend hat da definitiv ein Fortschritt stattgefunden. Immerhin gibt es mittlerweile in den meisten Buchhandlungen genug Auswahl, um Ansprüche zu haben und nicht das eine Buch nehmen zu müssen, das da ist.

Was sagst du zu „pinkwashing“, also Unternehmen, die sich LGBT-freundlich geben, um sich selbst besser zu vermarkten?

Gerade während des Pride Month hat man das wieder bemerkt. Wenn eine Firma ihr Logo nur den Juni über in Regenbogenfarben zeigt, das aber rückgängig macht, sobald der Juli anfängt, dann geht es denen nicht um uns, sondern um unser Geld. Wenn sich Disney bunt und stolz gibt, obwohl ihnen nichts ferner liegt, als LGBT-Figuren in ihren Filmen zu zeigen, ist das einfach zynisch.

Noch mal zurück zum Schreiben: Das Manuskript von „Nachtschwärmer“ hast du einmal komplett verworfen und dann neu gestartet. Was hat das mit dir gemacht?

Es gab in meinem Leben schon mehrere Momente, in denen ich den Mut hätte aufbringen müssen, etwas gegen Widerstände über den Haufen zu werfen und neu anzufangen. Ich wusste bei meinem Masterstudium zum Beispiel schon vorher, dass mir das zu theoretisch würde, aber ich habe mit zusammengebissenen Zähnen noch ein Jahr weiterstudiert, bevor ich endlich abgebrochen habe. „Nachtschwärmer“ neu zu schreiben war eine fantastische Entscheidung und hat mir gezeigt, dass es manchmal richtig ist, so was zu machen.

Lest nicht nur viele Bücher, sondern schaut auch Filme, hört Podcasts und spielt Videospiele – so lernt ihr viel über Storytelling. Euer Buch wird es euch danken.

Das rät Moira Frank jungen Leuten, die selbst ein Buch schreiben wollen.

Im Bachelor hast du ja Kreatives Schreiben studiert. Wie sehr hilft dir das beim Schreiben deiner Romane?

Ich würde jederzeit wieder in Hildesheim studieren, aber ich würde sagen, man braucht das nicht, um ein Buch – oder überhaupt Dinge – zu schreiben. Ganz viel habe ich in dieser Zeit von Kommiliton*innen und Freund*innen gelernt und mir selbst praktisch beigebracht. Aber lernen muss man Schreiben auf jeden Fall. Es ist eben auch ein Handwerk!

Was war die längste Zeit, in der du nichts geschrieben hast? Kennst du Schreibblockaden?

Eine Schreibblockade hatte ich noch nicht. Das Neuschreiben meines Manuskriptes kommt da vielleicht am nächsten dran. Jetzt habe ich tatsächlich eine längere Buchpause hinter mir – bald ist es ein Jahr. Darum werde ich in diesem Monat endlich mit Buch drei anfangen. Aber ich halte mich immer busy mit dem Plotten und vielen kleineren Nebenprojekten und plane schon Buch vier mit.

Was rätst du jungen Menschen, die gerne ein Buch schreiben wollen?

Mit einem Roman anzufangen ist eine ziemliche Herausforderung. Charaktere, Handlung und Storytelling müssen schließlich für eine ganze Buchlänge überzeugen. Ich habe das selbst mit Kurzgeschichten gelernt. Aber der wichtigste Tipp: Trefft andere Schreibende, auch offline, zum Beispiel in einer Schreibwerkstatt. Tauscht euch viel aus. Schreibt Kurzgeschichten, Fanfictions und Lyrik und worauf ihr sonst noch Lust habt. Lest nicht nur viele Bücher, sondern schaut auch Filme, hört Podcasts und spielt Videospiele – so lernt ihr viel über Storytelling. Euer Buch wird es euch danken.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.