Ilona Stursberg unterrichtet eine Willkommensklasse in Bochum. Die Deutschlehrerin sagt: Integration bedeutet Sprache.

Von Luisa Holthaus, Klasse 8, Schiller-Schule Bochum

Flüchtlingspolitik und Integration sind heikle Themen, die immer wieder für Diskussionsstoff und Fragen sorgen. Wir haben bei jemandem nachgehakt, der ganz nah dran ist: Ilona Stursberg ist Lehrerin an der Schiller-Schule in Bochum und dort für die Leitung der Willkommensklasse – hier Internationale Klasse (IK) oder auch SFG (Sprachfördergruppe) genannt – zuständig.

Frau Stursberg, haben Sie schon vorher an der Schiller-Schule unterrichtet oder wurden Sie extra für diese Aufgabe angestellt?
Nein, ich bin schon seit 14 Jahren an der Schule. Ich habe diese Aufgabe aus meinem normalen Unterricht heraus übernommen, da ich Deutsch als Fach unterrichte. Zudem hatte ich Interesse daran. Schon im Studium habe ich einiges über Deutsch als Fremdsprache gelernt.

Unterrichten Sie Ihre normalen Fächer immer noch oder widmen Sie sich ganz der Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen?
Ich habe mittlerweile wieder ganz normale Kurse – also im Differenzierungsbereich, im sozialen Lernen und den Sozialwissenschafts- und Literaturkursen in der Oberstufe.

Worin unterscheidet sich der Unterricht der Internationalen Klasse von dem der anderen Klassen?
In den IK findet ganz grundlegender Unterricht statt. Das heißt, die Schüler müssen die Sprache überhaupt erst mal kennenlernen. Das ist eine riesige Herausforderung, da man eben die eigene Muttersprache als Fremdsprache unterrichten muss. Aber auch die gesamte Unterrichtssituation ist eine andere. Wir liefern hier eigentlich ein kleines Survival-Paket für ein Leben in Deutschland. Und auch ein bisschen Zuhause.

„Für die Geflüchteten ist das wie eine Fremdsprache“

Gibt es auch Unterschiede in der Alterszusammensetzung oder dem Stundenplan?
In der Alterszusammensetzung ganz stark – und auch leistungsmäßig. Wir haben hier so etwas wie eine kleine eigene Gesamtschule, also theoretisch von der fünften Klasse bis zur Oberstufe. In den jeweiligen Jahrgangsstufen besuchen die Schüler dann auch den Unterricht der Regelklassen. Ausgenommen davon ist die Oberstufe, da das leistungstechnisch und regeltechnisch gar nicht möglich ist. Das würde alle Beteiligten überfordern.

War es schwer, sich an diese Unterschiede zu gewöhnen?
Wir alle, die hier unterrichten, haben Glück, dass die Kinder es uns insgesamt sehr leicht machen. Es ist etwas komplett anderes, als in einer Regelklasse zu unterrichten. Ich kriege zum Beispiel immer von meinen IK-Schülern gesagt, dass ich hier im Unterricht ganz anders deutsch spreche, als wenn sie mich im Regelunterricht erleben. Für sie ist das wie eine Fremdsprache. Sie bitten mich dann, dass ich das Deutsch rede, das ich auch in ihrem Unterricht rede. Zudem hat man hier auch ganz andere erzieherische Aufgaben und Lehraufgaben.

Haben Sie etwas Besonderes erlebt oder im Umgang mit den geflüchteten Kindern Geschichten mitbekommen?
Natürlich! Zum einen habe ich viele persönliche Erlebnisse gehört, die einen auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben. Das sind ganz viele starke und schlimme Schicksale, die diese Kinder schon durchleben mussten. Das vergisst man manchmal im Alltag, und es ist auch gut, dass man es vergisst. Das gibt den Kindern einfach Normalität und Sicherheit, die sie brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten.
Trotzdem sind das Erlebnisse, die ich mein Lebtag noch nie erlebt habe und hoffentlich auch nie erleben werde. Gerade deswegen finde ich es so beeindruckend, wie die Kinder es trotzdem schaffen, jeden Tag hierherzukommen.

„Ich erzähle nicht nur irgendwas, was ich gehört habe“

Und die schönen Seiten?
Es ist immer sehr schön, wenn wir im Unterricht die verschiedenen Festtage, deutsche sowie kurdische, arabische, persische und so weiter, feiern und besprechen. Das ist sehr bereichernd, auch für den Unterricht. Aber am tollsten ist es, wenn die Kinder backen und kochen und einem die Köstlichkeiten zum Probieren anbieten.

Hat die Arbeit Ihre Sicht auf die Flüchtlingspolitik verändert oder Sie bestätigt?
Beides. Aber vor allem verändert. Besonders am Anfang hatte ich das Gefühl, die Welt redet immer darüber, wie es mit Geflüchteten ist, aber ich erlebe es jetzt direkt und bin wirklich dabei. Ich erzähle nicht nur über irgendwas, was ich in den Nachrichten gehört habe. Dadurch habe ich mich schon sehr gestärkt gefühlt, in der Verteidigung von Geflüchteten. Wir haben hier einen kompletten Querschnitt in der Klasse, also keine Elitegruppe oder so, sondern eine ganz zufällige Auswahl an Kindern aus verschiedenen Flüchtlingsheimen. Gerade deswegen kann ich den Vorurteilen, dass die Geflüchteten eine zu große Aufgabe für uns sind, nur erwidern, dass wir Menschen sind und auch menschlich miteinander umgehen müssen, damit wir eine Chance haben, dass die Integration und das Miteinander funktionieren.

Was würden Sie sich für die nächste Zeit für die Integration von Geflüchteten wünschen oder was würden Sie gerne verbessert wissen?
Sehr, sehr dringend muss natürlich das Bildungssystem verbessert werden. Ich finde, es müsste viel mehr Möglichkeiten geben. Ich denke, wir dürfen uns gar nicht erlauben, diese Kinder und auch ihre Eltern auf der Strecke zu lassen, weil wir sonst in zehn Jahren ein ganz großes Erwachen erleben werden. Die Kinder brauchen eine Perspektive – genau wie die hier geborenen Kinder. Ich glaube, die Voraussetzung dafür ist einfach die Sprache. Jeder muss die Möglichkeit haben, die zu lernen. Da darf die Motivation von beiden Seiten nicht fehlen.

„Die Sinnfrage ist gar nicht mehr da“

Würden Sie sich noch gerne länger mit der Leitung der IK befassen und weiterhin in dieser Richtung aktiv bleiben?
Ich würde gerne so lange es geht diese Aufgabe übernehmen, weil es damals für mich echt ein Glücksfall war, dass ich etwas, was ich im Privaten als notwendig ansah, plötzlich mit meinem Beruf verbinden konnte.
 Auch nach zwölf Jahren Dienstzeit etwas total Neues zu machen, war für mich sehr bereichernd, und im Moment kann ich mir auch noch nicht vorstellen, damit aufzuhören.

Was fasziniert Sie im Allgemeinen an dieser Arbeit?
Es ist diese absolute Vielschichtigkeit und Menschlichkeit. Man sieht, wie viel man bewirken kann und wie dankbar die Kinder sind.
 Ich fand den Beruf Lehrer zwar schon immer absolut sinnvoll, aber seit ich in der IK bin, ist die Sinnfrage gar nicht mehr da, weil es jedes Mal existenziell wichtig ist, was man hier macht. Es läuft nicht immer alles stromlinienförmig gerade, aber man merkt immer wieder, dass man etwas bewegen kann.

 

Schulplicht für Geflüchtete

Bildung ist ein Menschenrecht und damit auch Geflüchteten zu gewähren. In Deutschland müssen zudem grundsätzlich alle Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren zur Schule gehen. Die Bundesländer haben den Beginn der Schulpflicht für Geflüchtete jedoch unterschiedlich geregelt, ebenso besondere Maßnahmen, um ihnen schnell das Lernen im Regelunterricht zu ermöglichen. Häufig gibt es separate Vorbereitungsklassen, auch Internationale Klassen genannt.

 

Beitragsfoto: dpa/Wolfram Kastl