Getrennte Eltern – Eine Familie unter zwei Dächern

Ein Schüler trägt einen großen Rucksack
Ein Schüler trägt einen großen Rucksack (c) pexels.com

Das leben mit getrennten Eltern stellt für Jugendliche eine dauerhafte Belastung dar, birgt von Zeit zu Zeit aber auch schöne Momente.

Von: Laurina Schwarzer, Klasse 8a, Berlin International School

Ich war fünf Jahre alt, als meine Eltern sich trennten. Sie entschieden sich für das Wechselmodell. Daher ziehe ich jede Woche um. Eine Woche bei Mama, eine Woche bei Papa.

In der einen Woche lebe ich bei meiner Mutter in einer großen Vier-Zimmer-Wohnung in Berlin-Wilmersdorf, zusammen mit meiner Schwester und dem Freund meiner Mutter. In der nächsten Woche lebe ich bei meinem Vater in einem Haus in Berlin-Grunewald, zusammen mit meiner Schwester, der Freundin meines Vaters, meinem zwölfjährigen Stiefbruder, meinem fünfjährigen Halbbruder und seit Neustem noch mit zwei Zwergkaninchen.

Zwischen zwei Welten sind wir nicht allein

Als Jugendliche zwischen zwei Wohnorten, und damit zwischen zwei Welten, frage ich mich öfter, wie es meinen Freunden, die auch getrennte Eltern haben, in dieser Lebenssituation geht. Auf Anhieb fallen mir acht Freunde ein, die ebenfalls mit getrennten Eltern aufwachsen. In der Schule reden wir nicht viel darüber. Es ist auch nichts, worüber ich selber gerne spreche. Ich frage mich auch, wie es anderen Jugendlichen wohl dabei geht und so stellte ich die folgenden Fragen zusammen, die mir manchmal durch den Kopf gehen und befragte alle, die mir einfielen:

1. Wie lange leben deine Eltern schon getrennt?
2. Bei wem lebst du?
3. Haben dein Eltern neue Lebenspartner?
4. Gibt es Unterschiede in den Tagesabläufen?
5. Siehst du Vorteile darin, dass deine Eltern getrennt sind?
6. Was sind die Nachteile?
7. Was würdest du ändern, wenn du es könntest?
8. Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre es?

Von meiner Befragung erhoffte ich mir Verständnis und Solidarität für meine Situation, in der es mir nicht immer nur gut geht, obwohl ich eigentlich ein unbeschwertes Leben haben müsste. Irgendetwas fehlt mir manchmal. Vielleicht hoffte ich auch, durch die Fragen an meine Schulfreunde herauszufinden, was genau das war.

Hausaufgaben bei der Mutter, Spaß beim Vater

Die meisten Freunde leben überwiegend bei ihrer Mutter und sehen ihren Vater regelmäßig jedes zweite Wochenende. Dadurch unterscheiden sich auch die Tagesabläufe von Mutter- beziehungsweise Vater-Zeit. Bei ihrer Mutter haben die meisten den normalen bis stressigen Schulalltag mit Hausaufgaben und Aktivitäten am Nachmittag. Die Wochenenden mit den Vätern sind dann gefüllt mit Spaß und Freizeitaktivitäten. Die meisten dieser Freunde äußerten als Wunsch, mehr Zeit mit ihren Vätern zu haben.

Lediglich ein Freund wechselt wöchentlich –so wie ich. Mein Gespräch mit ihm hat mich am meisten bewegt. Er beschrieb die gleichen Schwierigkeiten, die auch meinen Alltag anstrengend machen. Wie auch ich, muss er jede Woche daran denken, für die anstehende Zeit beim anderen Elternteil alles einzupacken. Bei mir sind das Schulsachen, Sportsachen, Kleidung, die ich unbedingt mitnehmen möchte, Schuhe, die vielleicht beim Wetterwechsel notwendig werden, Klaviernoten, Tanzkleidung, Tennistasche und vielleicht ein Geburtstagsgeschenk für das kommende Wochenende.

Da kommt es schon mal vor, dass der Kofferraum meiner Mutter aussieht, als wenn wir in den Urlaub aufbrechen würden. Natürlich habe ich in beiden Haushalten genug Kleidung. Trotzdem habe ich wie die meisten Menschen auch meine Lieblingskleidung. Außerdem kann ich nicht voraussehen, ob ich morgen früh meine Winterjacke aus dem Schrank holen muss oder ob ich übermorgen bei 35 Grad meine absolut einzige Lieblings-Jeansshorts anziehen möchte.

Der Rucksack „schwer wie eine Waschmaschine“

Ich denke nicht nur für einen Schultag im Voraus, sondern muss die ganze Woche vorbereiten und dafür packen. Bei meinem Schulrucksack, der laut meinem Stiefvater „schwer wie eine Waschmaschine“ ist, geht öfter der Reißverschluss nicht zu oder reißt wieder auf. Trotz aller Vorbereitungen vergesse ich sehr oft etwas im anderen Zuhause. Meine Eltern bringen es mir dann bei Gelegenheit zur Schule oder geben es beim anderen Elternteil ab. Mein Freund hat da weniger Glück. Wenn er etwas vergisst, dann hat er Pech gehabt. Keiner fährt ihm seine Sachen hinterher. Er muss sie in der nächsten Woche wieder abholen und erneut daran denken.

Die meisten meiner Freunde und auch ich selber haben genießen durch die Trennung der Eltern aber auch Vorteile. Viele von uns haben neue Geschwister bekommen. Wir haben größere Familien, die unser Leben bereichern und von denen wir lernen können.

Wenn ich aber traurig bin oder ein Problem habe, möchte ich am Liebsten mit meinen Eltern darüber reden. Der große Nachteil ist dann, dass wir nie beide Eltern zur gleichen Zeit um uns haben, dass wir das andere Elternteil öfter vermissen und dass das Leben an zwei Orten schwierig ist. Die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Interviews mit meinen Freunden haben mir allerdings gezeigt, dass ich nicht allein mit dem Thema bin und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Wir Kinder sind nicht schuld an eurer Trennung

Meine Frage nach einem freien Wunsch haben nicht alle meiner Freunde beantwortet. Hätte ich jedoch einen Wunsch frei, wäre es dieser: Liebe Eltern dieser Welt! Ich bin erst 13 Jahre alt, aber eins verstehe ich schon heute: Wir Kinder brauchen euch beide! Bitte hört uns zu und redet mit uns. Zeigt uns, dass sie nicht Schuld daran sind, dass ihr euch getrennt habt.

Unser Blickwinkel ist manchmal anders als eurer, aber er ist nicht falsch. Nehmt unsere Meinung an und lasst uns gemeinsam eine Lösung zu jedem Problem finden. Lasst uns versuchen, öfter zusammen zu sein, denn es gibt für uns nichts Schöneres auf der Welt als ein intaktes Elternhaus, wenn es sein muss auch unter zwei Dächern.

Titelbild: pexels.com

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Von Reinickendorf bis Bochum, von Fulda bis Ottensen – überall schreiben Schülerinnen und Schüler Artikel über das, was um sie herum passiert. Jeder und jede aus ihrer eigenen Sichtweise, mit eigener Meinung und eigenem Schwerpunkt. Bei all den Unterschieden eint sie, dass sie mit ihrer Klasse an MEDIACAMPUS teilnehmen, dem medienpädagogischen Projekt der Funke Mediengruppe. Das erlernte Wissen wenden sie dann praktisch an, indem sie erste journalistische Texte schreiben. Auf funky können sie die Früchte ihrer Arbeit präsentieren.

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