Zwei Jungen – zwei Leben

Opa fischt mit Enkel
(c) Sergey Nivens/Fotolia

Als der Zweite Weltkrieg endete, war August Ottermann 13 Jahre alt. Ole ist heute genauso alt und vergleicht die Lebensumstände.

Von Ole Ottermann, 8B, Helene Lange Gymnasium

Hamburg.  Als 13-Jähriger habe ich ein ziemlich gutes Leben. Ich habe immer etwas zu essen, ich muss nicht arbeiten, und ich kann zur Schule gehen. Heutzutage ist das in Deutschland selbstverständlich, doch das war nicht immer so. 1945, das Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg endete, war mein Opa 13 Jahre alt. Mein Opa träumte damals davon, Forstwirtschaft zu studieren, und sein Idol war der Boxer Max Schmeling. Ich habe mit meinem Opa darüber gesprochen, wie er als 13 Jahre alter Junge gelebt hat, was damals passierte und wie es ihm ergangen ist.

Mein Großvater August Ottermann wurde im niedersächsischen Bücken geboren und ging in Hoya zur Schule. Er wuchs auf einem Bauernhof auf. Seine Eltern waren Landwirte.

„Durch die Tiefflieger wurden zum Ende des Krieges viel Lokführer getötet“, erinnert sich mein Opa. „Deshalb fuhren kaum Eisenbahnen. Die Busse fuhren auch nicht und es gab keine Fahrradwege.“ Opa und seine vier Geschwister mussten jeden Tag drei Kilometer zu Fuß zur Schule laufen. Diese Strecke entspricht ungefähr auch meinem Schulweg, doch ich lege ihn täglich mit dem Fahrrad zurück und benötige dafür nur 20 Minuten. Mein Opa hat auf dem Hof mitgeholfen. „Ich musste jeden Morgen um halb sieben aufstehen, und wenn ich zu den Pferden musste, sogar schon um sechs“, erzählt er.

Ja, seine Aufgabe war es, die Pferde zu pflegen und mit ihnen auf den Acker zu gehen. In dieser Zeit war es üblich, dass die Kinder Aufgaben übernahmen, die heutzutage ein Erwachsener machen würde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fehlte es an Lebensmitteln und an Arbeitskräften, also mussten die Kinder mithelfen, wo sie konnten.

Heutzutage ist so etwas verboten und viele können sich nicht vorstellen, dass man im Alter von 13 Jahren schon so harte Arbeiten macht wie die, die damals von den Jugendlichen verrichtet wurden. Ins Bett gegangen ist man auch erst, wenn man müde vom Arbeiten war. Es gab keine geregelten Zeiten.

„Freizeit hatten wir nicht viel. Wir mussten ja auf dem Hof arbeiten. Aber wenn wir frei hatten, haben wir gespielt“, erzählt Opa: „Wir haben gern Hütten gebaut aus Eisen und Brettern.“ Es wurde damals einfach das benutzt, was es gerade gab und was herumlag. Es gab kein Wetteifern darum, wer die beste Spielkonsole hat oder das allerneueste Handy. Man hat zusammen das benutzt, was da war. So etwas wie Sporttraining gab es auch nicht, weil die meisten Männer ja für den Krieg eingezogen worden waren und viele erst Jahre später aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kamen.

Auch der Schulunterricht „war nicht gerade das Gelbe vom Ei, wir hatten zum Teil alte Lehrer oder Lehrer, die im Krieg verwundet worden waren und deshalb nach Hause kommen konnten“, sagt mein Großvater.

Heutzutage kann man nur Lehrer werden, wenn man wirklich qualifiziert ist. Damals war man froh, wenn sich überhaupt jemand bereiterklärte, zu unterrichten. Dadurch waren auch immer sehr viele Schüler in einer Klasse und manchmal musste auch umschichtig unterrichtet werden. Die Kinder mussten auch sonnabends zur Schule gehen.

Besser als vor Kriegsende sei es nachher auf jeden Fall gewesen, denn gegen Ende des Krieges wurde das Dorf, in dem mein Opa lebte, von der englischen Armee eingenommen. „Ein Vierteljahr gab es dann allerdings überhaupt keine Schule mehr. Stattdessen mussten wir im Keller hocken, während vor der Tür geschossen wurde.“

Ich bin sehr froh, dass es heute anders ist als zu den Zeiten, als mein Großvater 13 Jahre alt war. Ich freue mich, dass ich heute lebe. Ich bewundere aber meinen Opa für das, was er damals geschafft hat.

Mein Großvater hat schließlich seinen Traum vom Studieren verwirklichen können. Er hat Agrarwissenschaften studiert. Heute ist er Rentner und lebt in Kiel. Ich sehe meinen Opa regelmäßig und wir verstehen uns sehr gut. Ich bin froh darüber, dass ich jetzt mehr über seine Kindheit und Jugend weiß.

Dieser Artikel wurde zuerst im Hamburger Abendblatt am 14. Februar 2017 veröffentlicht.
Titelbild: Sergey Nivens/Fotolia

 

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