Interview

Seenotrettung in Zeiten von Corona: „Was im Mittelmeer passiert, bleibt unsichtbar“

Die gemeinnützige Initiative „Sea-Watch“ war bisher an der Rettung von über 37.000 Menschen beteiligt. Sie ist ein ziviler Seenotrettungsverein, der Schutzsuchende im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt. Während die „Sea-Watch“ rettet, schaut die EU weg. Warum dieses Wegschauen rassistisch ist, erfahren wir im Interview mit Mattea Weihe, die bei „Sea-Watch“ als Cultural Mediator tätig ist.

Als Cultural Mediator bist du bei „Sea-Watch“ die Erste, die Kontakt zu Schutzsuchenden aufnimmt. Wie bist du zu „Sea-Watch“ gekommen?
Das fing 2017 an, ich habe im Bachelor Islamwissenschaften studiert und Arabisch gelernt.Irgendwann dachte ich mir: Ich sitze da fünf Tage die Woche und lerne diese hochkomplizierte Sprache, aber ich mache irgendwie nicht so richtig etwas damit. Ich hatte einen befreundeten Arzt, der war bei „Sea-Watch“ aktiv. Daher kannte ich die Organisation ganz gut und wusste ungefähr, was auf mich zukommt. Ich habe den Entschluss gefasst, mich dort zu bewerben. Dann ging alles relativ schnell. 2018 war ich auch schon das erste Mal auf Mission. 

Was ist die schönste Erinnerung, die du an deine erste Mission hast?
Im Mai 2018 hatten wir extrem viele Seenotrettungsfälle und am Ende waren 400 Menschen an Bord. Wir hatten auch mehrere Rettungsfälle in mehreren Tagen. Damals konnte man das noch gut mit verschiedenen staatlichen Akteuren koordinieren. Dann hatten wir einen weiteren Rettungseinsatz von 150 Personen. Da war es an Bord schon voll. Als wir dann mit den Menschen bei unserem ankamen, standen da alle bisher aufgenommenen Menschen und haben applaudiert und gejubelt. Anstatt zu sagen „Hey, hier ist kein Platz mehr, wir denken jetzt an uns“, war das ein sehr solidarischer Moment. 

Bist du schon mal in die Situation gekommen, Leben gegen Leben abwägen zu müssen?
Die Situation gibt es leider öfter, als man denkt. Zum Beispiel gab es mal folgende Situation: Die Menschen haben in der Regel keine Westen an. Wir verteilen als Allererstes Rettungswesten und fahren mit zwei Schnellbooten auf die Menschen zu. In diesem Moment wurde uns mitgeteilt, dass noch ein weiterer Rettungsfall in der Nähe ist. Also haben wir uns getrennt, was wir sehr selten machen. Wir konnten bei dem einen Boot Rettungswesten verteilen, als der zweite Seenotfall auf uns umgeleitet wurde. Von Weitem kam dann die libysche Küstenwache auf den zweiten Seenotfall zu. Die Menschen an Bord des zweiten Seenotfalls hatten so große Panik, zurück nach Libyen zu müssen, dass sie ins Wasser gesprungen und in unsere Richtung geschwommen sind. Da hatten wir extrem viele Menschen im Wasser und mussten so schnell wie möglich die Personen aus dem Wasser holen. Im Nachhinein wurde uns gemeldet, dass fünf Personen vermisst werden. Es war also keine aktive Entscheidung, wen man rettet und wen nicht – man hat in der Regel nur den Bruchteil einer Minute, um überhaupt zu agieren.  

Die „Sea-Watch 3“ darf wieder auf See. Wie hast du davon erfahren und wie hast du dich dabei gefühlt?
Ich bin seit mehreren Monaten darin involviert, die Crew seefertig zu machen. Wir haben sie seit zwei Monaten aktiv darauf vorbereitet, also auch alle Richtlinien überarbeitet und diese darauf ausgelegt, dass alle Maßnahmen in Bezug auf Covid-19 eingehalten werden können. Es sind also alle Maßnahmen getroffen worden, sodass wir weder uns noch die Hilfsbedürftigen gefährden. Unsere Crew war 14 Tage zuvor auch in Quarantäne. 

Gibt es sonst Einschränkungen aufgrund von Corona?
Wir nutzen auch Suchflugzeuge, die konnten natürlich nicht fliegen. Vor ein paar Tagen sind sie dann wieder das erste Mal unterwegs gewesen. Es ist absurd, wie wir in der Arbeit eingeschränkt sind. Wir hatten natürlich auch Probleme, unsere Crew nach Spanien zu bringen. Die EU sorgt dafür, dass dieser Covid-19-Schatten über allem hängt. Das, was im Mittelmeer passiert, bleibt hingegen unsichtbar. Die EU ist ganz gut darin zu sagen, sie sei in genau diesen Zeiten solidarisch, doch wenn es um Geflüchtete in Griechenland geht, hört die Solidarität auch wieder auf. 

Die EU ist ganz gut darin zu sagen, sie sei in genau diesen Zeiten solidarisch, doch wenn es um Geflüchtete in Griechenland geht, hört die Solidarität auch wieder auf.

Mattea Weihe, 28 Jahre

Was sagt es über die EU aus, wenn Seenotrettung kriminalisiert wird?
Wir bewegen uns immer mehr zurück zu Nationalstaaten, und europäische Grenzen, die ja eigentlich unsichtbar sein sollen, werden immer sichtbarer. Die EU schottet sich ab, es wird Menschen das Recht auf Leben verwehrt, und anstatt sich solidarisch mit ihnen zu zeigen, schaut die EU zu, wie sie im Mittelmeer ertrinken. 

Was für Veränderungen wünschst du dir dahin gehend?
Zuerst einmal, dass wir keine zivilen Seenotrettungsschiffe mehr bräuchten, sondern dass es staatlich organisierte Seenotrettung gäbe. Diese sollten aber nicht darauf ausgelegt sein, Menschen zurück in das Land zu führen, aus dem sie geflohen sind. Wir brauchen eine humane Rettung, die Menschen an sichere Häfen bringt. Jeder Mensch soll das Recht haben, dort zu leben, wo er möchte. Wir müssen uns klarer über unsere Privilegien werden – Menschen sollten bei uns das gleiche Recht haben wie wir bei ihnen. 

Was entgegnest du Menschen, die euch „Schlepper“ nennen und behaupten, es gäbe genug sichere Häfen in Nordafrika?
Das kann man gut rechtlich erklären. Wenn Menschen sich auf hoher See in Seenot befinden, hat jeder Seemann oder jede Seefrau die Pflicht, diese Menschen zu retten und in einen sicheren Hafen zu bringen. Ein sicherer Hafen ist auch definiert als ein Ort, wo Menschen keinerlei Menschenrechtsverletzungen erleben, keiner Folter ausgesetzt sind und wo sie mit Würde leben können. Das können Menschen in nordafrikanischen Staaten meistens nicht.  

Viele Personen der Öffentlichkeit, wie zum Beispiel die Musikerin Nura oder der Sänger Henning May, machen auf Seenotrettung aufmerksam und unterstützen diese. Für wie wichtig hältst du diesen Support?
Ich glaube es ist total wichtig, dass bekannte Persönlichkeiten ihre Reichweite dafür nutzen, das Anliegen zu unterstützen. Ganz oft wird das unterschätzt. So können ganz unterschiedliche Menschen erreicht werden können, die nicht in unserer Blase sind.

Lässt sich das Desinteresse einiger an der Seenotrettung auch durch mediale Unterrepräsentierung erklären?
Wie viele Krisen in der Welt gibt es, über die gar nicht berichtet wird? Ich glaube, deswegen können gerade soziale Netzwerke tatsächlich eine tolle Ergänzung sein, um sich auch langfristig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Als Journalistin oder Journalist erlaubt es dir deine Redaktion womöglich gar nicht, immer über dasselbe Thema zu berichten. 

Was kann die Mehrheitsgesellschaft tun, um den Zustand vieler Schutzsuchender auch in Moria zu verbessern?
Es gibt sogenannte Landesaufnahmeprogramme, die den einzelnen Bundesländern erlauben, Menschen aus Moria zu evakuieren. Das funktioniert vor allem, wenn die Bürgerinnen und Bürger Druck auf die Lokalpolitikerinnen und -politiker ausüben. Generell wichtig ist auch, einfach darüber zu reden, das Ganze im Kopf zu behalten und die Leute nicht zu vergessen. 

Die Diskussion, ob Menschen gerettet werden sollen oder nicht, findet nur statt, weil es nicht weiße Europäerinnen und Europäer sind, die im Mittelmeer ertrinken.

Mattea Weihe, 28

Andy Grote und der Verfassungsschutz haben die Seebrücke als „antidemokratisch“ bezeichnet. Was macht Seenotrettung essenziell für eine Demokratie?
Man merkt an dieser ganzen Bewegung, wie Staatsorgane anfangen, politische Organisationen, die nicht in ihr Weltbild passen, in den Verfassungsbericht aufzunehmen. Ich verstehe das Argument des Antidemokratischen überhaupt nicht, weil es eine Zivilgesellschaft ist, die sich zusammentut und eine Meinung hat. In einer Demokratie sollten wir doch genau das zulassen können.Von aktiver Partizipation lebt eine Demokratie. Genau das verkörpert die politische Organisation der Seebrücke, weil diese den Finger auf politische Probleme richtet und gleichzeitig Menschen mobilisiert. Genau das ist Demokratie. Seenotrettung ist unsere rechtliche Pflicht und da wir in einem Rechtsstaat leben, müssen wir dieser nachgehen. Wenn so eine große Masse der Bevölkerung sich für etwas einsetzt, dann ist es meines Erachtens undemokratisch von der Politik, dem nicht nachzugeben. 

Glaubst du, auch Rassismus spielt bei dieser Abschottungspolitik eine Rolle?
Auf jeden Fall. Es wird darüber verhandelt, wer leben darf und wer nicht. Bestimmte Länder, wie Ungarn oder Polen, weigern sich ja sogar, überhaupt Menschen aufzunehmen – das hat natürlich auch mit ihrer Hautfarbe zu tun. Das ganze Dilemma an sich ist natürlich, dass diese Menschen jetzt Schutz suchen müssen, weil westliche Staaten afrikanische Länder kolonialisiert haben. Dadurch haben sich Strukturen entwickelt, durch die Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe diskriminiert werden. Die Diskussion, ob Menschen gerettet werden sollen oder nicht, findet nur statt, weil es nicht weiße Europäerinnen und Europäer sind, die im Mittelmeer ertrinken. Das zeigt noch einmal die Tiefe des strukturellen Rassismus auf. 

Gibt es etwas an deiner Arbeit, was dich heute noch beschäftigt?
Ich bin immer noch schockiert darüber, dass den Geflüchteten auf den Booten ihr gesamtes Gepäck abgenommen wird. Und auch die Schuhe, um Gewicht zu sparen. Und man schaut runter, sieht überall nackte Füße und seine eigenen bekleideten Füße. Für mich ist das menschenverachtend. Schuhe symbolisieren für mich einen Schutzraum. Es ist für mich schrecklich, dass die einen Schuhe tragen dürfen und die anderen nicht. Da nimmt man den Menschen wirklich die letzte Würde und die Leute kommen mit nasskalten Füßen an Bord. 

Dein Appell an alle, die dieses Interview lesen?
Wir müssen uns über unsere Privilegien Gedanken machen und auch darüber, dass andere diese Privilegien nicht haben. Wir sollten uns alle an die eigene Nase fassen und einen Teil unseres Privilegs teilen. Wie wir das machen, bleibt natürlich jeder und jedem selbst überlassen.