Interview

Gewalt an Schulen: Schulleiterin Karina Jehniche im Gespräch

Ein leerer Schulflur.
Die Gewalt an Schulen nimmt weiter zu.
Marie Wilken, funky-Jugendreporterin

Eine neue Berliner Studie zeigt, wie verbreitet Gewalt an Schulen ist: Beleidigungen, Mobbing und körperliche Auseinandersetzungen gehören für viele Schülerinnen und Schüler zum Schulalltag. Karina Jehniche ist Schulleiterin der Christian-Morgenstern-Grundschule in Berlin-Spandau. Im Interview erzählt sie, welche Formen von Gewalt sie an der Schule erlebt, was die Schule dagegen unternimmt und woher die Konflikte ihrer Meinung nach kommen.

Frau Jehniche, was verstehen Sie unter Gewalt – und wo liegt die Grenze zwischen einem Streit und einem ernsthaften Gewaltproblem?
Karina Jehniche: Ganz normale Streitigkeiten sind zwischen Schülerinnen und Schülern natürlich normal. Wo Menschen zusammenkommen, wird gestritten. Aber der Weg von einem kleinen Streit zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung ist nicht weit. Wir unterscheiden verbale und körperliche Gewalt. Verbale Gewalt sind schon Beleidigungen, die Erwachsene oft noch nicht bemerken. Und diese verbale Gewalt wird ziemlich schnell zur körperlichen Auseinandersetzung.

Welche Form von Gewalt erleben Sie an Ihrer Schule am häufigsten?
Am häufigsten ist immer noch die verbale Gewalt. Meist entsteht sie über alltägliche Dinge, beispielsweise ein ungerechtes Wettrennen oder Missverständnisse in der Kommunikation, auch aufgrund von geringen Deutschkenntnissen. Die Konflikte beginnen häufig mit einer Kleinigkeit und münden in Beleidigungen, die gegen die Familie oder Religion gehen. Das macht die Situation oft schwieriger zu schlichten.

Die Schulleiterin Karina Jehniche.

Hat die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen?
Es gibt keinen Tag, an dem wir uns nicht mit Gewaltvorfällen und -prävention in den unterschiedlichsten Ausprägungen beschäftigen müssen. Ich habe den Eindruck, dass das früher nicht unbedingt nötig war. Die Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Jedes Gesellschaftsproblem zeigt sich auch in der Schule. Die Erwachsenen im Umfeld der Kinder sind ihnen da häufig kein gutes Vorbild. Außerdem reflektieren die Schülerinnen und Schüler die aktuellen Themen ebenso wie die Eltern, die in unserem schulischen Umfeld häufig von den gesellschaftlichen Anforderungen aus unterschiedlichen Gründen überfordert sind. Deswegen ist für uns die präventive Arbeit mit den Kindern enorm wichtig, um mit ihnen zu trainieren, wie sie im Gespräch Konflikte lösen.

Gibt es Situationen, in denen Sie das Gefühl haben: Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen?
Wir denken im Kollegium immer wieder darüber nach, wie sich das Miteinander verändert hat. Unsere Schule ist besonders: Wir haben eine Schülerschaft, die fast ausschließlich einen Migrationshintergrund hat. Die Kinder kommen aus über
40 verschiedenen Nationen, darunter auch aus Kriegsgebieten. Bei uns sitzen auch Kinder aus verfeindeten Nationen in einer Klasse. Das führt auch zu Konflikten zwischen den Eltern. Viele der Familien haben aufgrund des Erlebten starke psychische Probleme. Das äußert sich eben auch in Gewalt. Durch die vielen unterschiedlichen Herkunftsländer haben wir auch ein Sprachproblem. Die Schule ist oft der erste und einzige Ort, an dem die Schülerinnen und Schüler mit Deutsch in Berührung kommen. Viele können nicht ausreichend Deutsch, um ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche klar zu äußern. Bei Auseinandersetzungen, wenn die Emotionen hochkochen, wird das noch schwieriger.

Welche Rolle spielen soziale Medien oder auch WhatsApp-Gruppen bei Gewalt?
Bei uns an der Schule sind Handys verboten. Wir wissen aber, dass auch schon die Kleinsten bei uns von ihren Eltern mit digitalen Medien versorgt werden. Viele Kinder füllen ihren Tag damit. Und natürlich lassen Kinder sich von den sozialen Medien beeinflussen. WhatsApp oder andere soziale Medien werden nicht nur zur Verständigung und als Informationsquelle genutzt, sondern auch, um sich gegenseitig zu beleidigen.

Wie versuchen Sie, der Gewalt etwas entgegenzusetzen?
Wir haben klare Regeln, wie wir miteinander umgehen möchten. Außerdem setzen wir mit unseren Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeitern und der Schulpsychologin auf Prävention. Zusätzlich bilden wir Kinder zu „Konfliktlotsen“ aus. Die Ausbildung dauert ein Vierteljahr, am Ende gibt es eine kleine Prüfung. Die Kinder gehen dann in den Hofpausen mit anderen Kindern ins Gespräch, versuchen entstehende Konflikte zu verhindern und zu klären. Das machen sie auf Augenhöhe. Bei schlimmeren Fällen unterstützt ein Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin und manchmal muss es auch Ordnungsmaßnahmen geben.

Wie unterscheiden Sie die Konsequenzen bei körperlicher und verbaler Gewalt?
Wir haben als Konsequenz körperlicher Gewalt häufig körperliche Verletzungen, in der Regel bei allen Beteiligten. Darum müssen wir uns natürlich zuerst kümmern. Bei verbalen Auseinandersetzungen spielen seelische Verletzungen eine Rolle, die manchmal mehr nachwirken können als körperliche. Ansonsten sind die Konsequenzen gleich. Wir führen immer zuerst ein Gespräch mit allen Beteiligten über die Ursache und Entwicklung des Konflikts. Schon das lässt sich häufig gar nicht genau klären, da überwiegend alle Beteiligten ihren Anteil am Konflikt haben. Auch Schuld oder Unschuld ist selten klar zu definieren, sodass es bei der Stärke der Sanktionen die größte Rolle spielt, wie stark andere Menschen in Gefahr gebracht wurden und inwieweit der Unterricht durch das Verhalten beeinflusst wurde. Es ist auch wichtig, gemeinsam mit den Kindern zu besprechen, wie so ein Konflikt in Zukunft vermieden werden kann. Das ist die größte Herausforderung, aber auch die wichtigste Konsequenz.

Wie häufig erleben Sie Respektlosigkeiten gegenüber den Lehrkräften?
Das kommt in den unterschiedlichsten Formen leider täglich vor. Jeden Tag wird ein Kollege oder eine Kollegin mit Beleidigungen konfrontiert und muss darauf reagieren.

Haben Lehrkräfte genug Zeit und Unterstützung, um Konflikte zu erkennen und aufzuarbeiten?
Sie müssen sich die Zeit nehmen! Wenn es nach der Pause einen Konflikt gibt, sind die Schülerinnen und Schüler in diesem Moment auch nicht bereit zu lernen. Unsere Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter unterstützen dabei.

Ist ein Schulverweis eine sinnvolle Lösung?
Das darf wirklich nur das allerletzte Mittel sein. Vor allem, wenn ein Mensch in Gefahr gebracht wurde, verletzt wurde und das Kind wiederholt erheblich Regeln verletzt hat, nutzen wir Suspendierungen. Wir müssen zeigen, dass das Verhalten nicht tolerierbar ist. Manchmal muss man verdeutlichen, dass ein Punkt erreicht ist, an dem ein Gespräch alleine nicht mehr ausreicht.

Gibt es Dinge, die die Politik konkret verändern könnte, um Gewalt an Schulen zu reduzieren?
Ja. Unsere Schule befindet sich beispielsweise in einem Brennpunktgebiet. Hier gibt es viel Armut. Zwischen 80 und 90 Prozent der hier lebenden Menschen haben keine Arbeit. Diese Familien haben finanzielle Sorgen. Hinzu kommen die Sorgen über Angehörige, die noch in den Kriegsgebieten leben. Ich würde mir wünschen, dass ein bisschen mehr darauf geschaut wird, dass solche Brennpunkte nicht entstehen.

Wo beginnt und endet die Verantwortung der Eltern?
Es sind ihre Kinder. Den Großteil der Zeit verbringen die Schülerinnen und Schüler zu Hause. Wir sehen sie nur während der Schulzeit. Ich würde mir wünschen, dass die Eltern mehr Verantwortung übernehmen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.