Marcus Urban war der zweite Fußballprofi weltweit, der öffentlich bekannt gemacht hat, dass er schwul ist. Das hat er heute zum Thema Homosexualität sagen.
Von Nick Lindenau

Marcus Urban ist in der DDR aufgewachsen. In seiner Karriere durchlief er die Jugend-Nationalmannschaften und spielte für Rot-Weiß Erfurt. Nach seinem persönlichen Coming-out 1994 und dem Ende seiner Karriere vergingen viele Jahre, bis die Medien seine Geschichte entdeckten und er im Jahr 2007 als weltweit zweiter öffentlich schwuler Profifußballer bekannt wurde. Im darauffolgenden Jahr erzählte er seine Geschichte, aus welcher die aufsehenerregende Biografie „Versteckspieler“ entstand. Heute ist Marcus Urban Vorstand des Vereins für Vielfalt in Sport und Gesellschaft und Mitgründer des Expertennetzwerks „Fußball für Vielfalt“.

Sie hatten im Jahr 1994 Ihr Coming-out. Hat sich im Sport seitdem etwas geändert?

Auf jeden Fall. Die Menschen gehen ehrlicher, authentischer und offener mit solchen Themen um. Sie stehen in ihrem Sport, mit ihrem Verein, als Gemeinschaft zusammen. Aber nicht geändert hat sich, dass trotzdem einige gegnerische Fans oder Spieler die Homosexualität im Sport nicht akzeptieren.

Was raten Sie jungen Sportlern, wie sie mit ihrer Sexualität den richtigen Weg gehen?

Ich rate ihnen, dass sie offen mit ihrer Sexualität umgehen sollen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und sie können entspannter leben und mit sich ins Reine kommen.

Im Fußball hatte zuletzt Thomas Hitzlsperger sein Coming-out – nach seiner aktiven Karriere. Warum scheint es für Fußballer so schwer zu sein, sich schon während der aktiven Zeit öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen?

Als Fußballer ist man ja auch ein Vorbild und man hat Fans, die Trikots und Fotos von einem haben. Aber wenn man sich während seiner aktiven Karriere outet, dann kann es sein, dass diese dann nicht mehr hinter einem stehen und einen auspfeifen oder dass man von Gegenspielern beleidigt wird.

Bräuchte es dann nicht jemanden, der den Anfang macht, oder gleich viele, die sich trotzdem trauen, damit es normal wird und diese Ausgrenzung irgendwann niemand mehr fürchten muss?

Das wäre ein guter Ansatz, aber entscheidend ist die eigene Entscheidung, dass man keine Marionette mehr sein will und dass man zeigen will, wer man ist. Dafür müsste dann auch die heutige Gesellschaft uns akzeptieren, wie wir sind – auch wenn wir in einem anderen Verein spielen als in dem, den sie unterstützen.

Wie bewerten Sie das Coming-out des Rugby-Spielers Gareth Thomas?

Gareth Thomas hat sich in mehreren Schritten geoutet. Zuerst hat er seiner Frau erzählt, dass er schwul ist, dann zwei Mitspielern und dem Trainer, dann dem Management und der ganzen Mannschaft. Und am Ende, nach drei Jahren, der Öffentlichkeit. Er bekam dafür ein großartiges Feedback. So, wie er es gemacht hat, war das gut. Ich glaube, es gibt nicht den besten Weg, sich zu outen, sondern es kommt auf die Person an, wie sie es für richtig hält.

Ich wünsche mir, dass man keine Angst mehr haben muss, wegen seiner Sexualität bei sportlichen Ereignissen ausgegrenzt oder beleidigt zu werden.

Marcus Urban, Diversity Coach und ehemaliger Fußballprofi

Sollten öffentlich schwule Sportler sich deutlicher als Vorbilder positionieren?

Das fände ich schön. Für mich selbst war das, als Erster in Deutschland und als Zweiter weltweit, ein komisches Gefühl. Aber nach einiger Zeit wurde es dann ein großartiges Gefühl. Auch durch mein Buch „Versteckspieler“ habe ich viele Anfragen erhalten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Bereich Vielfalt im Sport?

Dass die Sexualität genauso selbstverständlich akzeptiert wird wie die soziale oder die kulturelle Herkunft, die Hautfarbe, das Alter, das Geschlecht, Talente oder Behinderungen. Wir sind im Jahr 2018 und das gehört zur Realität. Ich wünsche mir, dass man keine Angst mehr haben muss, wegen seiner Sexualität bei sportlichen Ereignissen ausgegrenzt oder beleidigt zu werden. Denn wir sind alle gleich und der Sport verbindet uns mit Spaß, Freunden und Menschen.

In dem Kommentar „Warum ist hier keiner schwul?“ hat eine unserer Autorinnen ihren Wunsch für diese Bundesligasaison formuliert: Mindestens ein Coming-out!

Titelbild: picture alliance / Eventpress Stauffenberg