Interview

Über Freundschaft im Krieg: Erinnerungen eines iranischen Soldaten

Grafik eines roten Sessels im Scheinwerferlicht auf blauem Grund
Spot auf unsere Familienangehörigen, die in dieser Rubrik von früher erzählen
Der 58-jährige Mohsen erzählt aus seiner Kindheit und Jugend im Iran. Besonders seine Zeit als Soldat im ersten Golfkrieg hat ihn geprägt.
Von Malina Aryan, Klasse 8b, Gymnasium Eppendorf, Hamburg

Mohsen sitzt in einem persischen Restaurant. Die Abendsonne fällt schräg durch die Fenster und scheint auf fast jeden Tisch. Das Restaurant ist voll besetzt. Iranische Großeltern mit ihren Kindern und Enkelkindern sind da, aber auch junge deutsch-iranische Paare mit ihrem Baby oder gemütlich zu zweit. Stimmengewirr aus Farsi und Deutsch schaffen eine gemütliche Atmosphäre. Es duftet nach persischem Essen.

Mohsen lächelt glücklich, als die Vorspeise „Sabzi Khordan“, eine Platte mit verschiedenen Kräutern, Radieschen, Schafskäse und sehr dünnem Fladenbrot serviert wird. Es erinnert ihn immer an seine Zeit, als er noch im Iran lebte. Mit seinen 58 Jahren hat er schon Vieles erlebt. Eine Kindheit in einer freien, westlich orientierten Gesellschaft, in den Bergen von Lorestan, im Südwesten des Irans. Außerdem die iranische Revolution 1979, an der er politisch aktiv teilgenommen hat, und die den Sturz des Schahs (Herrscher) Mohammad Reza Pahlavi und die Machtübernahme der Mullahs zur Folge hatte.

Mit 19 in den Krieg

Aber vor allem den Iran-Irak Krieg (auch Erster Golfkrieg), der von 1980 bis 1988 stattfand, behält Mohsen in Erinnerung. „Über eine Million Tote insgesamt in acht Jahren…“ sagt er, während er Kräuter mit Schafskäse in das dünne Brot rollt. Seine warmen, mit Lachfältchen umrandeten Augen schauen nachdenklich auf das Brot in seiner Hand. Dann legt er es ab und streicht sich langsam mit seinen Fingern über zwei erbsengroße Beulen an der linken Hand. Zeugen des Krieges?

„Nach dem Abitur musste ich, wie alle jungen Männer, meinen Militärdienst antreten“, erzählt Mohsen weiter. „Circa sechs Monate später, am 22. September 1980, griff der Irak den Iran an. Ich war gerade erst 19 Jahre alt.“ Nach der Revolution 1979 war der Iran geschwächt, da ein Großteil vom Militär des Schahs von dem neuen Staatsoberhaupt Ayatollah Ruhollah Chomeini und den Mullahs vertrieben oder getötet worden war. Saddam Hussein, der damalige Staatspräsident des eigentlich schwächeren Landes Irak, nutzte diese Chance für einen Angriff. Der Grund war ein über 100-jähriger Streit um die Macht und Schifffahrtsrechte eines Grenzflusses zwischen dem Iran und dem Irak.

Das Restaurant ist leerer geworden, als die Hauptspeise serviert wird. Es duftet herrlich nach Basmatireis. Dazu gibt es „Sereschk Polo“, in Safran geschmorte zarte Hühnerkeulen mit karamellisierten süß-sauren Berberitzen-Beeren. Ein Klassiker der persischen Küche. Wieder leuchten Mohsens Augen.

„Bewusst wollte und konnte ich keine Väter oder Söhne töten!“

Mohsen über seine Prinzipien im Krieg

Doch das hält nicht lange an. Weiter erinnert er sich: „Ich kam zur Infanterie. Ganz, ganz vorne an die Front. Die Landschaft war bergig, heiß und trocken. Zum Teil mussten wir uns in Höhlen verstecken. Es roch oft nach Rauch und man hörte immer wieder Menschen schreien.“ Doch Mohsen habe sich immer geweigert, auf Menschen zu schießen: „Bewusst wollte und konnte ich keine Väter oder Söhne töten!“ Er wurde dann zum Sekretär des Generals und war verantwortlich für die Planung und Verteilung von Gütern wie Essen, Uniformen oder Waffen. Er musste auch die Leichen der irakischen Soldaten durch die Plaketten, die jeder Soldat um den Hals trägt, identifizieren und dem Roten Kreuz melden.

Schwarz-weiß-Bild von Soldat Mohsen in seiner Uniform
So sah Mohsen damals aus

Auch Mohsen hat viele Freunde und Familie „in dieser Hölle“ verloren – darunter seine Tante und zwei Cousinen, deren Haus von einer Bombe getroffen wurde. Direkt neben dem Haus seiner Eltern. Kameraden an der Front. Kameraden, die zu Freunden geworden waren. Die Kameradschaft und starke Bindung unter den Soldaten war etwas, was Mohsen im Krieg als positiv aufgefallen ist. „Sie werden für dich zu einer Familie. Man fühlt sich beschützt. Jeder würde jedem im Notfall helfen oder ihn verteidigen“, berichtet er. Der Militärdienst hat seine Definition von Freundschaft sehr geprägt. Freundschaft ist für ihn jetzt viel wertvoller geworden.

Eine Verletzung durch Bombensplitter bringt Mohsen nach Hause

Wenn Mohsen ein paar Tage Urlaub bekam, fuhr er in seine Heimatstadt Khorramabad zu seiner Familie. Aber auch das war für ihn eine neue Erfahrung: „Ich konnte es nicht verstehen, wie die Menschen dort so ruhig und normal leben konnten, wenn es zur gleichen Zeit an der Front so furchtbar war. Ich war so verwirrt. Obwohl die kurze Zeit mit meiner Familie sehr emotional und schön war, fiel es mir manchmal schwer, daheim zu bleiben und ich bin dann früher zurück an die Front gefahren“.

Sechs Monate vor seinem Dienstende wurde er von Bombensplittern getroffen. Die Verletzungen waren so stark, dass er früher aus dem Krieg entlassen wurde. In seinem Körper sind noch heute viele Bombensplitter und er hat kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen seiner linken Hand.

„Im Krieg gibt es keine Gewinner. Nie.“

Mohsen schüttelt den Kopf, als er das sagt.

Es wird still im Restaurant. Nur noch zwei Paare unterhalten sich leise. Die anderen Tische sind abgeräumt. Mohsen schweigt, als zur Rechnung Tee serviert wird. Schließlich resümiert er: „Ein Krieg ist nutzlos, destruktiv und schlecht. Nur aufgrund von Politik und Macht müssen Menschen sich bekämpfen und töten. Ich hatte keine Wahl. Aber ich war bereit, alles dafür zu tun, um meine Familie, Land und Freunde zu verteidigen“. Er schüttet sich Zucker in das kleine Teeglas. „Manche Kriegs-Veteranen behaupten, dass sie stolz darauf waren, dass sie ihr Land verteidigen durften“, fährt er fort. „Das ist Quatsch. Stolz und Krieg gehören nicht zusammen. Man hat einfach keine Wahl, wenn das Land und die Familie angegriffen werden. Das hat mit Stolz nichts zu tun.“ Mohsen schüttelt leicht den Kopf. „Im Krieg gibt es keine Gewinner. Nie.“

Im September 1980 attackierte der Irak den Iran. 1982 gelang es den Iranern, die Iraker zurückzudrängen und anzugreifen. Doch da war Mohsen schon entlassen und sehr glücklich, dass er in seiner Militärzeit nie angreifen, sondern „nur“ verteidigen musste. Im August 1988 endete der Krieg durch einen Waffenstillstand – mit hohen Verlusten auf beiden Seiten und ohne Sieger.

„Der Krieg hat mir gezeigt, wie wunderbar der Frieden ist. Gewalt ist keine Lösung. Ich würde alles für den Frieden auf der Welt tun. Jeden Morgen bin ich glücklich darüber, dass ich das Leben genießen darf“, sagt Mohsen zum Schluss.

Beitragsbild: Raufeld Medien

Von Reinickendorf bis Bochum, von Fulda bis Ottensen – überall schreiben Schülerinnen und Schüler Artikel über das, was um sie herum passiert. Jeder und jede aus ihrer eigenen Sichtweise, mit eigener Meinung und eigenem Schwerpunkt. Bei all den Unterschieden eint sie, dass sie mit ihrer Klasse an MEDIACAMPUS teilnehmen, dem medienpädagogischen Projekt der Funke Mediengruppe. Das erlernte Wissen wenden sie dann praktisch an, indem sie erste journalistische Texte schreiben. Auf funky können sie die Früchte ihrer Arbeit präsentieren.