Eine Schülerin erzählt: Abi, Studien- und Berufswahl in Frankreich

Das franzoesische Schulsystem unterscheidet sich etwas vom deutschen (c) Pixabay
Das franzoesische Schulsystem unterscheidet sich etwas vom deutschen (c) Pixabay
Die französische Schülerin Alice besucht die elfte Klasse. Sie erzählt, welche Wege man in Frankreich nach dem Abi gehen kann und wie man beraten wird.
Von Emily Goltermann, Klasse 11, Gymnasium Bondenwald, Hamburg
Also Alice, welche weiterführenden Schulen gibt es in Frankreich und was sind die Unterschiede zwischen ihnen?
In der neunten Klasse wählen wir zwischen drei weiterführenden Schulen. Das ist der erste Schritt in Richtung Berufswahl. In den „lycées professionnels“ wählt man einen ganz bestimmten Beruf, wie zum Beispiel die Ausbildung zum Bäcker oder zur Sekretärin. Dort wird eher praktisch unterrichtet und die Schüler absolvieren mehrere Praktika. In den „lycées technologiques“ wählt man eine Fachrichtung. Man kann sich beispielsweise für den Bereich „Gesundheit und Soziales“ entscheiden. Dort gibt es auch die üblichen Kernfächer wie Mathe oder Französisch. Das Niveau ist höher als in den „lycées professionnels“, aber niedriger als das allgemeine Abitur.

In den „lycées générals“, also wie in Deutschland in der gymnasialen Oberstufe, wählt man seinen Schwerpunkt und hat trotzdem die üblichen Unterrichtsfächer. Die Schüler müssen sich dort für den literarischen, den wirtschaftlichen oder den wissenschaftlichen Zweig entscheiden. Das Niveau für das allgemeine Abitur ist sehr hoch. Nach dem allgemeinen Abitur studiert man meist für etwa fünf Jahre – nach dem technischen Abitur zwei bis drei Jahre und nach dem Abschluss an einem „lycée professionnel“ studiert man normalerweise nicht mehr. Alle Abschlüsse dauern drei Jahre.

Wie genau hilft die Schule den Schülern bei der Berufs- und Studienorientierung?

In der neunten Klasse gehen wir zu Job-Foren, um für uns interessante Arbeitsplätze zu entdecken. Vorher gibt es die Möglichkeit, ein „lycée professionnel“ oder ein Unternehmen zu besuchen. Außerdem haben wir in der dritten Klasse ein einwöchiges Praktikum. Danach wählen wir, welchen Abschluss wir machen wollen. Ich habe mich zum Beispiel für das allgemeine Abitur entschieden. Für das allgemeine Abitur gibt es danach keine weiteren Praktika. Des Weiteren können wir Hochschulen und Universitäten besuchen, auf Messen gehen, sowie mit Studenten ins Gespräch kommen. Dies müssen wir allerdings eigenverantwortlich und außerhalb der Schulzeit tun.

Glaubst du, dass die französische Schule die Schüler genug bei der Berufs- und Studienorientierung unterstützt?

Ich glaube, es ist schwierig für die Schule, den Schülern bei ihrer Berufswahl zu helfen. Dies ist immerhin eine sehr persönliche und individuelle Angelegenheit. Allerdings könnte die französische Schule durchaus mehr in dieser Hinsicht unternehmen.

Wie bewertest du die französische Berufs- und Studienorientierung im direkten Vergleich zur deutschen?

Ich denke, dass die sogenannte „BOSO-Woche“ eine sehr gute Idee ist. Mir gefällt, dass man sich in dieser Berufs- und Studienorientierungswoche eine ganze Woche lang intensiv mit seiner Berufs- und Studienwahl beschäftigt. Allerdings ist dies nicht sehr hilfreich für die Schüler, die schon wissen, was sie später beruflich machen wollen. Außerdem finde ich es richtig, sich bereits am Anfang der elften Klasse so intensiv mit der Berufswahl zu beschäftigen. Ich kenne viele Leute, die nach Universitätsbesuchen oder Expertengesprächen ihre Meinung erst kurz vor der Entscheidung ihres weiteren Werdegangs geändert haben. Das deutsche System wirkt im Vergleich praktischer orientiert als das französische und will die Schüler früher auf die Berufswahl und den Beruf vorbereiten. Ich finde das sehr gut.

„Leider beeinflussen soziale Herkunft und der Beruf der Eltern die Berufswahl französischer Schüler.“

Alice, Schülerin aus Frankreich

Wie würdest du die deutsche und französische Vorbereitung auf das Berufsleben in dieser Hinsicht verändern? Hast du konkrete Verbesserungsvorschläge?

Ich bin der Meinung, dass man den Schülern ein wenig mehr bei der Beschaffung eines Praktikumsplatzes helfen sollte. Natürlich fördert es die Selbstständigkeit, es allein zu tun, aber es ist meistens sehr schwierig, einen guten Platz zu bekommen. Viele sind deshalb in einem Beruf untergebracht, der ihnen keinen Spaß macht oder den sie sich für die Zukunft nicht vorstellen können.

Was möchtest du nach dem Abitur machen?

Momentan kann ich mir vorstellen, als Pharmachemikerin zu arbeiten. Ich hoffe, dass ich später den Beruf noch wechseln kann, weil ich nicht für immer dieselbe Tätigkeit ausüben möchte. Ich möchte in verschiedenen Unternehmen und eventuell auch später im Ausland arbeiten. Nach der Schule möchte ich allerdings direkt anfangen, zu studieren und nicht erst für ein Jahr ins Ausland gehen.

Entscheiden sich viele französische Abiturienten direkt zu studieren?

Ja, in Frankreich machen nicht viele zwischen der Schule und dem Studium noch etwas anderes. Es ist üblich direkt zu studieren. Außerdem gibt es nicht so viele Angebote für soziale Projekte innerhalb Frankreichs, sowie im Ausland oder es ist sehr schwer, dort hinein zu kommen.

Fühlst du dich gut auf das Leben nach dem Abitur vorbereitet?

Ich denke, dass wir in den „lycées générals“ gut auf die Studienwahl vorbereitet werden und dass uns bei unserer Auswahl viel geholfen wird – für die Studienwahl mehr als für die eigentliche Berufswahl. Nach dem Abitur studieren die meisten weitere fünf Jahre und müssen sich danach erst festlegen. Es bleibt also auch nach dem Abitur noch recht viel Zeit für die wirkliche Berufswahl.

Glaubst du, dass die soziale Herkunft und der Beruf der Eltern die Berufswahl beeinflussen?

Leider bin ich mir da ziemlich sicher. Allerdings versucht die Schule, diese Problematik in den Griff zu bekommen, indem sie überall und für jeden gleich ist. Es gibt viel Unterstützung, um den Zugang zu Hochschulbildung in allen Bereichen zu erleichtern. Bei meiner eigenen Wahl spielen die Berufe meiner Eltern oder die Studienwahl meiner Schwester allerdings keine Rolle. Meine Eltern sind Lehrer, meine Schwester geht in die sprachliche und literarische Richtung und ich möchte im wissenschaftlichen Bereich arbeiten.

Beitragsbild: gregroose via Pixabay

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