Die letzte Zeche ist zu. Umso spannender ist es, heute mit ehemaligen Steigern wie Eberhart über ihre Arbeit zu sprechen. Ein Interview
Von Tariq Platta, Klasse 8b, Schiller-Schule Bochum

Anlässlich der Schließung der letzten Zeche in Deutschland, habe ich den ehemaligen Steiger aus der Hochzeit des Bergbaus in Nordrhein-Westfalen, Eberhart, interviewt. Er erzählte mir von seiner Arbeit als Bergmann und wie hart die Arbeit unter Tage war.

Wie wird man überhaupt zum Steiger?
Zuerst muss man zwei Jahre zur Vorschule gehen. Dann muss man eine Prüfung ablegen, zweieinhalb Jahre zur Bergschule gehen und noch eine Prüfung machen. Und wenn man die bestanden hat, war man praktisch Steiger.

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Ich bin aus Not zu diesem Beruf gekommen. Mein Vater ist im Krieg gefallen und meine Mutter ist bei der Geburt meines jüngsten Bruders fast verblutet. Seitdem hatte sie Herzprobleme. Die Kriegswitwen wurden während des Krieges gut versorgt, aber nach Kriegsende war das nicht mehr so. Meine Mutter bekam auch keine Rente, weil mein Vater aus Holland kam und nur zwei Jahre in Deutschland gearbeitet hat und man erst nach fünf Jahren Rente beanspruchen konnte.

Also waren wir in einer großen Not. Wir hatten dann das, was man Wohlfahrtsunterstützung nannte. Das ist so ähnlich wie Hartz IV, aber wesentlich geringer. Deshalb hat mein älterer Bruder, nachdem er 1947 die Schule beendet hatte, auf der Zeche angefangen. Mit 14 war er Haupternährer der Familie. Danach ging es uns schon etwas besser.

Mein Traum war es schon immer Koch und Konditor zu werden. Meine Mutter kam aus einer großen Bäckersfamilie und mein Großvater hatte eine Bäckerei hier in Bochum, und da habe ich dann immer mitgeholfen und das hat mir ganz gut gefallen.

Dann, als ich 1950 aus der Schule kam, habe ich mich um eine Lehrstelle bemüht. Ich hätte auch eine in einer Konditorei in Witten bekommen, aber man musste so Sachen wie Anzüge, Schürzen und Hauben und so weiter selbst stellen. Wir hatten damals nicht sehr viel Geld. Also konnten wir das alles nicht bezahlen. Mein älterer Bruder hat dann gesagt: „Ich habe auf der Zeche angefangen aus Not, du gehst auch zur Zeche“. Dann habe ich mit Tränen in den Augen 1950 auf der Zeche angefangen.

Wie alt waren Sie, als Sie angefangen haben, unter Tage zu arbeiten?
Ich war damals 15 Jahre alt. Aber es war gesetzlich festgelegt, dass unter 16-Jährige nicht unter Tage arbeiten durften. Deshalb habe ich zuerst über Tage in den Werkstätten gearbeitet. Als ich dann 16 Jahre alt wurde, bin ich dann mit unter Tage gefahren.

Wie war die Arbeit unter Tage?
Als ich angefangen habe, haben wir von einer Kohlenfront einen Meter gewonnen. Mit Einsatz von Maschinen kam es dann später auf zwei bis drei Meter. Heutzutage legen die acht bis zehn Meter Kohle frei. Dabei entstehen unwahrscheinlich hohe Temperaturen. Denn umso tiefer man in das Gebirge gräbt, umso wärmer wird es. Hier im Ruhrgebiet kann man sagen, dass die Temperatur nach 25 Metern um ein Grad steigt. Dann kann man sich ja vorstellen, wie es ist, wenn auf 1000 Metern gearbeitet wird.

Man hat dann da Gebirgstemperaturen von 45 bis 50 Grad manchmal. Und die müssen dann runter gekühlt werden. Das wird mit großen Kühlmaschinen gemacht. Die Luftfeuchtigkeit ist von der Temperatur abhängig. Also wenn die warme feuchte Luft abgekühlt wird, regnet es richtig unter Tage. Und das erschwert die Arbeit natürlich auch. Da war manchmal eine Badehose sogar noch zu viel Kleidung. Die Bergleute, die direkt vor der Kohle arbeiteten, hatten in ihren Getränkeflaschen drei bis fünf Liter Wasser mit. Davon haben sie nichts abgegeben, weil sie das selber brauchten. Also direkt vor Kohle zu arbeiten in den letzten Jahren war ein knochenharter Job.

In welcher Zeche haben Sie gearbeitet?
Ich habe in der Zeche Klosterbusch angefangen. Die ist hier in Bochum Querenburg. Dann war ich fünf Jahre später auf der Zeche Mansfeld in Bochum Langendreer – bis Ende 1959. Dann war ich zwei Jahre auf einer Kleinzeche. Nach der Schließung der Kleinzeche bin ich dann zur Zeche Bonifacius gekommen. Die Zeche Bonifacius wurde mit der Zeche Holland zusammengelegt, welche später mit der Zeche Zollverein zusammengelegt wurde. Und nach der Zeche Zollverein bin ich dann zum Schluss zur Zeche Nordstern gekommen.

Wie gefährlich war die Arbeit unter Tage?
Früher ist in einem Monat durchschnittlich ein Mann gestorben. Unfälle waren also nicht selten.

Haben sie Unfälle unter Tage miterlebt?
Ja. Ich selbst hatte auch einen schweren Unfall. Nach diesem Unfall konnte ich nicht mehr in den Grubenbetrieben unter Tage arbeiten, weil ich nicht mehr klettern und mich nicht mehr aufstützen konnte. Ich kann mich noch daran erinnern, als ein paar andere Kumpel und ich die Aufgabe hatten, die lehren Stollen mit Schutt aufzufüllen. Wir sind gerade aus dem Stollen heraus, den wir auffüllen sollten, um eine Pause zu machen, da stürzt hinter uns der ganze Stollen ein. Wir hatten echt unfassbares Glück gehabt.

Beitragsbild: Picture Alliance