Wie nehmen die unterschiedlichen Generationen das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus wahr? Und wo sehen sie das Ruhrgebiet in der Zukunft?

Im stillgelegten Bergwerk Hugo in Gelsenkirchen-Buer ist ein Veranstaltungsort entstanden – organisiert und geleitet von einer Gruppe Ehrenamtlicher, die nahe dran auch ein kleines Museum führen. Im alten Förderturm nisten Turmfalken, über die mittlerweile dicht bewachsenen Halden kommen Marienkäfer in Scharen. Es ist einer der letzten richtig warmen Herbsttage, an dem sich drei ehemalige Bergleute und zwei Jugendreporter treffen, um über das Ende des Bergbaus zu sprechen.

Man begrüßt sich mit „Glückauf“, bleibt beim Du und darf auch mal forsch nachfragen. Klaus Herzmanatus hat mit seinen Kumpel Johannes Wilde und Norbert Jaekel und vielen weiteren auf der Zeche Hugo gearbeitet. Die drei sind aus Tradition und Überzeugung Bergleute. Marti Mlodzian, 13 Jahre, und Conrad Bornemann, 15 Jahre, sind auf die Welt gekommen, als das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus schon lange beschlossene Sache war.

Ende des Jahres ist es vorbei. Für die Zeche Hugo schon vor 18 Jahren. Betrifft euch das als Schüler, wie nehmt ihr das wahr?

Marti: Ich bekomme es natürlich mit. Meine Familie kommt auch aus Gelsenkirchen und mein Opa war Bergmann. Meine Familie hat mir viele Geschichten von ihm und dem Bergbau erzählt. Ich finde es total interessant, davon zu hören, aber es betrifft mich persönlich nicht so sehr.

Schüler Marti redet

Marti schreibt als Jugendreporter gerne über Umweltschutz.

Conrad: Da in meiner Familie alle die, die Bergmann waren, schon tot sind, habe ich das nicht direkt mitbekommen. Natürlich bekommt man durch die Medien mit, dass die Bergwerke geschlossen werden, aber direkt betrifft mich auch das nicht. Außer dass es durch die Bergwerkbahnen, also die Zugstrecken, neue Fahrradwege gibt und solche Sachen. Aber direkt hat das keinen Einfluss auf mein Leben.

Wie war das für euch im Jahr 2000?

Klaus: Wenn man so wie ich in vierter Generation mit diesem Bergwerk und seiner Geschichte verbunden ist, dann ist das so, als wenn man etwas rausgerissen bekommt. Wir haben an dem Tag zwei Bergwerke geschlossen, einmal das Bergwerk Ewald in Herten, weil wir mit dem verbunden waren, und unser Bergwerk. Ich habe bei beiden Standorten zu den Anwesenden gesprochen. Danach wollte ich keinen mehr sehen, bin auf die Halde gefahren und habe meinen Gefühlen freien Lauf gelassen. Es ist schon heftig. Man versucht, in die Zukunft zu blicken, und fragt sich, was wird aus so einer Region?

Im Bergbau zu arbeiten ist mehr, als nur den Job nicht mehr zu machen oder?

Norbert: Das ist total richtig interpretiert. Speziell im Bergbau herrscht ein ganz anderer Zusammenhalt als „draußen“. Das ist dem geschuldet, dass jeder den anderen braucht. Dadurch gibt es eine gewisse Solidarität untereinander. Und vor allen Dingen, die treffen sich auch mal nach der Arbeit. Hier hat der Zusammenhalt einen ganz anderen Stellenwert gehabt.

Was habt ihr danach gemacht?

Johannes: Ich konnte in den Vorruhestand gehen. 40 Jahre war ich hier, was mache ich jetzt? Die Enkel wollen in den Kindergarten. Das ging ein paar Monate gut. Opa fährt jeden Morgen, danach bin ich dann immer, also nicht immer, ein paar Mal in der Woche, auf die Halde gegangen. Dann habe ich da oben gesessen. Meine Güte, denke ich, bis vor Kurzem hast du hier noch gearbeitet, bis zu 1000 Meter tief, und jetzt sitzt du hier oben und guckst dir die Gegend an. Ja, und dann kam der Klaus und hat gesagt: Du Hennes, wir müssen hier was machen. In einem normalen Wohnhaus wurde dann ein Museum errichtet, dann kam der Veranstaltungsort und nun verbringen wir hier unseren Lebensabend.

Bergarbeiter Johannes erinnert sich

Der Abschied von seiner Zeche ist Johannes nicht leicht gefallen – so wie allen anderen.

Was hat sich seitdem hier in der Region verändert?

Klaus: Der Norbert hat gerade etwas ganz Wichtiges gesagt: der Zusammenhalt. Wenn mir etwas passiert und ich kann mich auf die anderen nicht verlassen, bin ich tot, bis der Arzt da ist. Aber auch das Kameradschaftliche in der Siedlung. Man hat sich geholfen, wenn bei meinem Nachbarn einer krank war, die Frau oder die Kinder Probleme hatten. Ich glaube, es wird in Zukunft ein klein wenig anonymer werden. In den Arbeitersiedlungen war es egal, wo du herkommst, unter Tage waren wir alle gleich. Ich glaube, das wird sich auch so langsam schleichend von uns entfernen. Das macht mir Sorgen, weil es das war, was uns geprägt hat und was auch das Ruhrgebiet geprägt hat.

Conrad: Ich wohne in einer Bergarbeitersiedlung. Langsam sterben die letzten Bergarbeiter weg, die noch in dieser Siedlung gewohnt haben. Als ich kleiner war, habe ich als Kind auf der Straße gespielt. Ein Bergmann stand immer an der Straßenseite und hat auf uns aufgepasst. Jetzt steht er nicht mehr da. Das ist natürlich nur eine kleine Veränderung, aber das merkt man. Auch in der Siedlung gibt es nicht mehr so einen Zusammenhalt.

Schüler Conrad hört zu

Conrad hört genau hin, damit er passend erwidern kann.

Marti: Ich denke, im Moment haben wir noch einen guten Zusammenhalt. Ich bin regelmäßig hier in Gelsenkirchen und auch in Essen. Ich finde, es ist eine ganz andere Art miteinander umzugehen. Ich habe ja den Niederrhein als direkten Vergleich. Man ist hier offener zueinander. Ich hoffe, dass es so bleibt. Aber ich weiß nicht, ob das klappen wird.

Wie stellt ihr euch die Nachnutzung vor? Wollt ihr eher bewahren oder neu gestalten?

Conrad: Ich finde, eine Zeche sollte mit der Gesellschaft mitwachsen. Es sind auf jeden Fall Flächen, die man interessant nutzen kann. Wichtig ist für mich, dass man es mit der Gesellschaft zusammen macht. Man kann auch Spielplätze für Jugendliche draus machen, Graffiti-Künstler ranlassen, man kann es einfach nutzen, weil es ja auch besondere Gebäude sind, die lange unsere Geschichte geprägt haben.

Klaus: Wir müssen uns ja auch nichts vormachen: Wir haben so viele Freiflächen, dann muss man hier nichts abreißen. Man muss ja auch nicht alles stehen lassen, aber zumindest den Förderturm und die Halle dazu. Wie du richtig sagst, da können Kulturzentren für junge Menschen entstehen. Oder man gibt den jungen Menschen ein bisschen Verantwortung und sagt: Pass auf, wir erhalten es für dich, und du darfst es nutzen, aber du bist auch dafür verantwortlich. Das könnte ein Ort sein, an dem sie sich austoben können, ohne die Eltern und ganz unkompliziert. Man könnte sogar ehemalige, engagierte Bergwerker mit einbeziehen, die sich darum ein wenig kümmern. Denn auch die sind froh, wenn sie eine Aufgabe haben, das darf man nicht vergessen.

Marti: Bei uns in Goch gab es eine alte Kaserne, die jahrelang leer gestanden hat. Da hat sich die Stadt überlegt, was man damit machen könnte. Jetzt ist da ein Jugendzentrum drin. Man kann dort Tischtennis und Billard spielen, es gibt eine Möglichkeit, sich zu treffen. Das wird sehr gut angenommen.

Norbert: Das ist genau der entscheidende Punkt: Man kann sich dort treffen. An der frischen Luft, wo man sich bewegen kann, man kann sich verwirklichen, man kann dort machen und tun, was man will, und hat Spaß dabei.

Bergarbeiter Norbert feixt

Man ahnt, dass Norbert als Junge der Schalk im Nacken saß.

Wofür soll denn für euch das Ruhrgebiet in Zukunft, sagen wir in 20 Jahren, stehen?

Johannes: Dann hat Schalke fünfmal die Champions League gewonnen.

Also für Fußball?!

Klaus: Technologie und Fachhochschulen, wo wir auf einem sehr guten Weg sind. Wir sind noch ganz am Anfang, aber ich glaube, auch im Bereich des Tourismus können wir uns mehr entwickeln. Wenn ich das zusammen nehme und es schaffe, die jungen Menschen im Revier zu binden, ich glaube, dann sind wir auf einem guten Wege.

Bergarbeiter Klaus erzählt

Klaus war nicht nur im Betriebsrat der Zeche Hugo, sondern auch schon mal in der Politik.

Conrad: Ich finde, das Ruhrgebiet steht noch für Steinkohle. Aber unter jungen Leuten schon weniger, weil es quasi jetzt schon zur Geschichte gehört. Wenn ich mich mit meinen Freunden unterhalte, dann geht es mehr darum, dass wir eine Multikulti-Gesellschaft sind. Das finde ich prägend fürs Ruhrgebiet. Wir sind multikulti, wir sind bunt und inzwischen hat das Ruhrgebiet auch viel mit Kultur zu tun. Das kommt auch durch die alten Zechenflächen, die umgenutzt werden.

Klaus: Kann ich mal eine Frage an euch beide stellen? Ihr in eurem Alter und in eurem Freundeskreis. Interessiert euch die Geschichte der Menschen, die hierhergekommen sind, verbunden mit Bergbau, mit Zuwanderung, mit allem, was dazugehört?

Conrad: Ja, ab dem Moment, in dem ich mir die Frage stelle, warum ein türkisches Mädchen, ein türkischer Junge oder ein italienisches Mädchen, ein italienischer Junge – oder egal woher sie kommen – zu meinem Freundeskreis gehört. Wenn ich mich das frage, komme ich schnell zu einer Erklärung: Weil vielleicht irgendwann mal ihre Großeltern oder Eltern möglicherweise sogar wegen des Bergbaus hierhergekommen sind. Dadurch nur können sie zu meinem Freundeskreis gehören. Dadurch gibt es hier ganz viele verschiedene Menschen, ganz viele verschiedene Einstellungen, ganz viele verschiedene Kulturen. Ich finde, das beeinflusst uns hier und in dem Sinne interessieren wir uns auch für Geschichte. Die Geschichte hat uns ja schließlich zusammengeführt, die Kulturen, die Menschen.

Wird man für immer „Glückauf“ sagen?

Klaus: Ich ja.

Norbert: Jawohl, selbstverständlich.

Marti: Und selbst wenn es nur auf Schalke ist.

Johannes: In Bayern sagt man „Grüß Gott“, hier „Glückauf“.

Klaus: Früher war das ein Klischee, da hieß es dann: Guck mal, die Püttis. Aber der Bedarf wird größer. Wir merken jetzt schon im Museum, dass viele herkommen und sagen, dass sie ihre Geschichte kennenlernen wollen. Ich bin mir sicher, wenn dann wirklich alle begriffen haben, dass definitiv Feierabend ist, werden die uns die Bude einrennen. Denn genau dann werden sie wach und denken sich, ach hätt’ste mal. Jeder wird ein Stück Kohle haben wollen.

Alle Fotos: Julius Erdmann

Die Reihe Glückauf. Forever entsteht in Kooperation mit der RAG.