Dem Ruhrgebiet wird nachgesagt, dass es unter den dort lebenden Menschen eine besondere Form des Zusammenhalts gibt. Doch was ist eigentlich Zusammenhalt?
Von Johanna Schwermer

Ich habe mich bei Leuten zwischen 14 und 16 Jahren umgehört, was für sie Zusammenhalt bedeutet. Letztendlich waren sich alle einig: Unter Zusammenhalt verstehen wir eine feste innere Bindung. Eine Bindung in der Gesellschaft, in der Familie oder im Freundeskreis. Und auch wenn das alles unterschiedliche Personengruppen sind, gibt uns jede einzelne Sicherheit. Sie helfen uns in jeder Situation. Sie stehen zu uns. Sie unterstützen uns.

Zusammenhalt ist wie Kaugummi

Eine Freundin wählte einen ungewöhnlichen Vergleich, um deutlich zu machen, was Zusammenhalt ist: „Stell dir ein Kaugummi vor, das am Boden klebt. Du trittst hinein und es pappt am Boden und an deinem Schuh. Egal wie sehr du ziehst und drehst, das Kaugummi löst sich nicht. Das ist Zusammenhalt!“ Ob der Moment, in dem sich das Kaugummi doch löst, der Moment ist, in dem Menschen wegziehen, und der kleine Rest, der sich im Profil hält dann die verbliebene Mentalität ist, die Zugezogene immer in ihre neue Heimat mitbringen, bleibt der Interpretation jedes einzelnen überlassen.

Wie kommt es, dass ausgerechnet dem Ruhrgebiet ein besonderer Zusammenhalt nachgesagt wird? Blicken wir zurück in das frühere Ruhrgebiet, auf die Anfänge des industriellen Bergbaus vor rund 50 bis 150 Jahren. Es war laut und dreckig. Die Kumpel arbeiteten Stunden, um die Familien zu versorgen. Es kamen sogar Menschen aus anderen Ländern, um auf dem Pütt zu arbeiten. Die Bundesregierung warb in den 60er Jahren gezielt in den südeuropäischen Staaten und auch Ländern wie der Türkei Arbeiter an. Insgesamt 14 Millionen Menschen kamen, viele von ihnen arbeiteten in den Zechen. Wenige sprachen Deutsch.

Sie erledigten gemeinsam mit den gebürtigen Pottlern einen Knochenjob, der gefährlich und anstrengend war. Nicht umsonst wünschen sich die Arbeiter in den Schächten noch immer stets Glückauf, denn ein wenig Mut kann man sich schon mal zusprechen, bevor es hinab in den dunklen Schacht geht.

Heute können wir uns das gar nicht mehr vorstellen. Denn wer arbeitet schon gerne stundenlang unter der Erde? Wer sieht schon gerne nur Kohlenstaub durch die Luft fliegen? Wer riskiert schon gerne jeden Tag aufs Neue sein Leben, um Geld zu verdienen?

Unter Tage muss man gegenseitig aufeinander aufpassen

Die einzige Erklärung, dass das alles funktionierte, ist, dass unter Tage ein großer Zusammenhalt herrschte. Ein sehr ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl. Eine feste Kameradschaft, in der jeder für jeden da war. In der sich jeder um jeden sorgte. In der jeder zu jedem hielt. Heute kann jeder Bergarbeiter getrackt werden, damals musste man gegenseitig auf sich aufpassen.

Denn als einzelner kam man unter Tage nicht weit. Man musste als Team zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterschützen. Man musste Absprachen einhalten und zusammenhalten, um jeden Tag aufs Neue zu überleben und nicht von Kohle überschüttet zu werden. Und um am Ende des Tages genügend Kohle abgebaut zu haben. Von diesem Zusammenhalt erzählen viele Bergarbeiterbiografien. Geschichten, wie sie sich gegenseitig aus dem Schlamm gezogen haben oder bei der Abrechnung geholfen haben, prägen die Stimmung um die Jahrhundertwende.

Dieser Zusammenhalt ist einzigartig und es liegt in unseren Händen, ob er weiterlebt, auch wenn wir uns heute nur noch selten gegenseitig aus dem Schlamm ziehen müssen. Aber vielleicht aus dem Schlamassel. Überall ist Teamfähigkeit gefragt. Schüler, Studierende und Arbeitnehmende sollen gut mit anderen zusammenarbeiten können. Mitarbeiter sollen andere unterstützen – neben dem Ehrgeiz selbst voranzukommen. Selbst wenn Referate in Gruppen erarbeitet werden sollen, muss man an einem Strang ziehen, um gemeinsam ein gutes Ergebnis auf die Beine zu stellen. Man muss sich schließlich aufeinander verlassen können. Denn wenn die eigene Note auch von den Leistungen der anderen abhängig ist, hängt unsere Zukunft von diesem Zusammenhalt ab.

Titelbild: Bergleute auf der Prosper Haniel (c) Oliver Berg/dpa

Die Reihe Glückauf. Forever entsteht in Kooperation mit der RAG.