In immer mehr Klassenzimmern kommen Computerspiele zum Einsatz. Das Albert-Schweitzer-Gymnasium im Thüringer Sömmerda nutzt das Bildungsspiel „Minecraft“ bereits seit mehreren Jahren. Welche Projekte die Schüler mit der Software umsetzten und wie ihr selbst vielleicht bald im Unterricht zocken könnt.

Von Tanja Ransom

Nächste Stunde: Zocken! Was sich für viele wie die Erfüllung eines Traums anhört, ist in einigen skandinavischen Schulen seit Jahren Realität. An der Stockholmer Viktor-Rydberg-Schule wurde „Minecraft“ 2013 als Unterrichtsfach eingeführt. Mittlerweile wird der Spieleklassiker auch in deutschen Klassenzimmern immer beliebter.

Was ist „Minecraft“?

In „Minecraft“ findet sich der Spieler in einer virtuellen Welt wieder, in der alles möglich ist. Er kann die unterschiedlichsten Gebäude erschaffen, muss sich aber auch gegen Eindringlinge und Monster behaupten. Dieses Spiel gibt es als „Minecraft“ Edu seit 2011 auch speziell für das Bauen und Errichten im Unterricht. Besonders in naturwissenschaftlichen Fächern ist der Einsatz von „Minecraft“ beliebt. Außerdem soll das Gemeinschaftsgefühl der Schüler  beim gemeinsamen Bauen gestärkt werden.

Auch am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Sömmerda in Thüringen gehören die „Minecraft“-Lernwelten schon fast zum Schulalltag. Dort fing alles mit einer ganz realen Renovierung an: Im Kunstunterricht konnten Schüler Ideen für die Neugestaltung des Schulhofes mithilfe der Software bauen.

Foto: Gerrit Neundorf

Gerrit Neundorf, der als Sozial- und Medienpädagoge an der Schule arbeitet, setzte sich seinerzeit dafür ein, dass Schüler in einer freiwilligen Projektgruppe auch weiterhin mit „Minecraft“ arbeiten konnten. Sie bauten den künftigen Pausenhof noch vor Fertigstellung in „Minecraft“ nach und präsentierten das plangetreue Modell am Tag der offenen Tür. „Das war damals der Startschuss für mehrere Minecraft-Schülergruppen“, sagt Neundorf. Diese Gruppen bestanden meist aus sechs Schülern, die sich ein- bis zweimal die Woche trafen und daran tüftelten, wie man das Spiel in den Unterricht integrieren konnte umd wie es dafür programmiert und designt sein müsste.

Stein für Stein – Bauen am Bildschirm

An Ideen, die später aufwendig umgesetzt wurden, mangelte es den Schülern nicht: Eine Projektgruppe entwickelte ein Erdkundespiel, das die Erosion in Küstengebieten thematisiert. Zudem entstand auch ein Minigame für den Biounterricht. Dabei ging es um die Transportwege einer Pflanze. Ziel war es, möglichst schnell die gebaute Welt zu durchlaufen. Auf dem Weg dorthin musste jeder Schüler Fragen zum Unterrichtsstoff beantworten. Wer falsch lag, landete zur Strafe in einem Labyrinth – und verlor kostbare Zeit. So hatten Schüler, die den Lernstoff gut drauf hatten, genauso viele Chancen auf den Sieg wie jene, die sich dafür besser mit Computerspielen auskannten.

Doch auch außerhalb des Klassenzimmers kamen die Ideen an: Mit der Bio-Map nahmen die Schüler sogar an einem Wettbewerb der Bundesregierung teil. Dabei ging es um die Entwicklung von Unterrichtsmaterial mithilfe von „Minecraft“. Und sogar auf der Gamescom, DER Spielemesse für alle leidenschaftlichen Zocker, waren die Schüler zu Gast und  durften ihre Ideen für den Unterricht mit „Minecraft“ vorstellen.

Foto: Gerrit Neundorf

Zocken im Unterricht – Wie kommt’s an bei Schülern und Eltern?

„Bei den meisten Schülern kam der Unterricht mit ‚Minecraft‘ gut an“, sagt Neundorf. Gelegentlich sei es jemandem allerdings auch übel von der pixeligen 3D-Welt geworden. In einer Befragung bei den Schülern, die mit „Minecraft“ Unterrichtsstoff durchgenommen haben, hätten mehr als 80 Prozent der Schüler angeben, das Projekt bereichernd gefunden zu haben, 20 Prozent konnten mit dem Projekt weniger anfangen. In einer Klasse mit 30 Schülern wären das 6. „Würde man die Frage mal über den herkömmlichen Unterricht stellen, wären die Ergebnisse wohl genau andersherum“, sagt Neundorf. Man könne nie alle Schüler mit einer Lehrmethode erreichen.

Aber was sagen eigentlich die Eltern, deren Kinder jetzt auch im Unterricht am Computerspielen? Die Zeiten, in denen das eine Welle der Empörung auslöst, seien vorbei, sagt Neundorf. „Es ging ja nie darum, den ganzen Unterricht durch Spielen zu ersetzen.“ So sei der Unterricht mit „Minecraft“ eine von vielen Lehrmethoden, um Lernstoff spannend zu vermitteln.

Foto: Gerrit Neundorf

Auch ihr wollt „Minecraft“ in der Schule spielen?

Wer „Minecraft“ oder ein vergleichbares Computerspiel in der Schule spielen möchte, sollte sich zunächst genauer darüber informieren: Wie funktioniert das Spiel? Für welche Altersgruppen und in welchem Fach könnte es sinnvoll sein? Versucht dabei realistische Ideen zu sammeln. Gerrit Neundorf, der sich in Sömmerda auch für das Lernen mit „Minecraft“ einsetzte, rät: „Meistens kommt es gut an, wenn man für den Einstieg erst einmal das Schulgebäude detailgetreu nachbaut.“

Nun könnt ihr einem Lehrer eure Vorschläge unterbreiten. Am besten handelt es sich dabei natürlich um jemanden, der den Computer nicht als Ausgeburt der Hölle betrachtet und offen für ungewöhnliche Lehrmethoden ist. „Ein Lehrer kann dann zum Beispiel auch die Idee bei der Schulleitung vorstellen und Türen aufstoßen, die Schülern normalerweise unzugänglich bleiben“, sagt Neundorf.

Man könne sich aber auch an Leute außerhalb der Schule wenden. „In jeder größeren Stadt gibt es Anlaufstellen, die sich mit Medienpädagogik auseinandersetzen“, sagt Neundorf. Dort gibt es oft Angebote, die gefördert sind, also kostenlos von den Schulen in Anspruch genommen werden können. Im besten Fall könnt ihr dann bald schon eine Projektwoche mit „Minecraft“ oder anderen Spielen starten.

Weitere Informationen rund um das Spiel „Minecraft“ findet ihr hier.

Titelbild: Gerrit Neundorf