ADS ist Vielen ein Begriff, doch wie man sich fühlt, wenn man am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leidet, wissen nur Betroffene. Ein Erfahrungsbericht
Von einem Schüler des 10. Jahrgangs einer Hamburger Schule

Kennst du das auch? Du betrittst einen Raum und was du dort eigentlich machen wolltest, weißt du nicht mehr? Du unterhältst dich mit Freunden und dadurch, dass alle durcheinander reden, bekommst du irgendwie nichts mit? Du versuchst dich zwanghaft zu konzentrieren, aber du wirst sofort von anderen Geräuschen und Bewegungen abgelenkt? Kennst du das auch?

Stell dir das einmal vor, du hättest das jeden Tag, zu jeder Uhrzeit – so wie ich bis zur sechsten Klasse. Ich bin 16, besuche die 10. Klasse und habe schweres ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom). Eine Krankheit, bei der zu viele Informationen in den Synapsen ankommen und zwar dauerhaft. Damit ist es mir nicht möglich, mich auf eine Sache zu konzentrieren, einfach nur, weil ich alle anderen Informationen nicht ausblenden kann.

Schon immer ein „Draußen-Kind“

Von der Krankheit ADS hast du doch bestimmt schon mal gehört, oder? Denn so einen „Zappelphillip“ oder einen „Träumerle“ kennt doch schließlich jeder. Rechtschreibung war noch nie meine Stärke, aber auch andere Dinge wie Lesen oder Vokabeln Lernen gehörten noch nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich war immer schon mehr ein „Draußen-Kind“, bin auf Bäumen herumgeklettert und hatte schon damals meine große Leidenschaft: das Angeln. Ich persönlich würde das als meinen Rückzugsort bezeichnen. Etwas, das ich besser konnte als viele andere. Etwas, bei dem meine Gedanken endlich Ruhe gegeben haben; sozusagen eine Ablenkung vom Alltag.

Jede Geräuschquelle, sei es das Getuschel in der Klasse, das Umblättern eines Buches, der rauschende Wind vor dem Fenster oder das Klicken eines Kugelschreibers, hat mich sofort abgelenkt.

Denn ich konnte mich nie so konzentrieren wie alle anderen und aus Frustration bin ich oft unfassbar wütend geworden. Temperament liegt bei uns in der Familie, aber bei mir ist es damals ausgeartet. Denn jede Person, die mich damals aus meiner Sicht gestört hat, habe ich gehasst und das teilweise nur, weil die Person sich leise im Unterricht unterhalten hat. Denn ich wollte mich damals einfach so auf den Unterricht konzentrieren können wie alle anderen auch, aber das habe ich nur selten für sehr wenige Minuten geschafft. Jede Geräuschquelle, sei es das Getuschel in der Klasse, das Umblättern eines Buches, der rauschende Wind vor dem Fenster oder das Klicken eines Kugelschreibers, hat mich sofort abgelenkt.

Eine Doku und der Psychiater lieferten Antworten

Daher ist es wahrscheinlich nicht überraschend, dass ich regelrecht am Unterricht und an mir selbst verzweifelte. Ich merkte dann in der sechsten Klasse, dass ich Schwierigkeiten in der Schule hatte, die die meisten von den anderen Schülern nicht hatten. Nachdem ich dann aber zufällig eine Dokumentation über ADS im Fernsehen gesehen hatte, wurde mir so einiges klar. Dass ich tatsächlich ADS habe, war nach einigen Tests beim Psychiater dann auch bestätigt.

Seither nehme ich Medikamente: sogenannte Psychopharmaka, in Form von Methylphenidat, euch wahrscheinlich besser bekannt unter dem Namen Ritalin. Da Methylphenidat falsch dosiert sehr gefährlich sein kann und auch als Lern-und Partydroge missbraucht wird, genießt dieses Medikament leider einen sehr schlechten Ruf. Doch ich als Betroffener, der dieses Medikament braucht, bin sehr froh, dass es das gibt.

Es geht aufwärts

Als ich dann die Medikamente bekommen habe, wurde mein Leben viel geordneter. Ich bekam mehr im Unterricht mit und konnte mich jetzt endlich auf eine Sache konzentrieren und die anderen lästigen Geräusche ausblenden. Doch ein Problem gab es noch. Da die Medikamente nur bis kurz nach der Schule wirkten, hatte ich ein riesiges Problem mit den Hausaufgaben und dadurch gingen meine Noten in den Keller.

Ich wechselte gerade deshalb in die siebten Klasse auf eine kleine Ganztagschule. Dieser Wechsel war für mich ein Neuanfang, der sehr gut gelungen ist. Denn auf dieser Schule gab es kaum noch Probleme und meine schulischen Leistungen sind trotz ADS bis zum jetzigen Zeitpunkt konstant.

Beitragsbild: Artem Bali via Pexels.com